Corona-Lockdown

Leichtathleten besorgt: „Sind dabei, eine ganze Generation zu verlieren“

Impression vom Hürdenlauf: Der Leichtathletik-Nachwuchs ist stark von den Corona-Maßnahmen betroffen.
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Impression vom Hürdenlauf: Der Leichtathletik-Nachwuchs ist stark von den Corona-Maßnahmen betroffen.
  • vonLudwig Stuffer
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Die regionale Leichtathletik ist längst als sehr stark einzustufen, allerdings muss die klassische Sportart nun auch große Abstriche im Zuge der Corona-Lockdown-Maßnahmen machen.

Rosenheim/Mühldorf– Als Individualsport darf in der Leichtathletik zwar weiterhin trainiert werden: Alleine oder zu zweit ist dies nach wie vor möglich, doch in der kalten Jahreszeit gilt das Training in Sporthallen und Krafträumen für die meisten Athleten als unverzichtbar. Dies ist aber nicht möglich für die breite Masse, sondern nur für Profi-Sportler. Und: Ab Januar beginnt eigentlich die Hallen-Saison, wofür sich Springer, Sprinter und Werfer kaum vorbereiten konnten. In der Leichtathletik gibt es deshalb eine Einigung, dass Kaderathleten aus den Olympia-, Bundes- und Landeskadern weiterhin ihr Training samt Heimtrainer in den öffentlichen Sporteinrichtungen mit Rücksicht auf die Abstands- und Hygieneregeln absolvieren dürfen.

Kaderathleten dürfen in die Halle

Aktuell verfügt nur der TSV Wasserburg über eine kleine Anzahl von knapp sechs Landeskaderathleten. So darf Trainer Walter Kurzbuch die Hallen des Landkreises in der Innstadt nützen. Trotz der Trainingsmöglichkeit für Kaderathleten ist ihm klar, dass der Nachwuchs leidet: „Über kurz oder lang verliert man die Leute, weil die Perspektive fehlt“, so der erfahrene Trainer, der es generell nicht gut findet, dass vernünftiger Sport so stark unterbunden wird. Im Freien ließen sich sich die Corona-Maßnahmen leicht umsetzen und in der Halle wurden eben auch genehmigte Konzepte erstellt, die jetzt wieder hinfällig sind.

„Ein Problem für den Nachwuchs“

In der Leichtathletik-Schmiede des TSV Bad Endorf ist aktuell kein Trainingsbetrieb. Trainer Rolf Jacob schrieb deshalb seinen aktiven Athleten Trainingspläne, „einige von den Sportlern haben sich vorausblickend Medizinbälle zum Trainieren ausgeliehen“. Nachdem das Wetter nach wie vor Bewegung im Freien zulässt, stehen Dauerläufe, Fahrtspiele, Treppen- und Bergauf-Läufe in den individuellen Programmen zur Alleingestaltung. Der Endorfer Trainer merkt an, dass sein Verein nach den Sommerferien sehr guten Zulauf bei neuen Nachwuchssportlern zwischen acht und elf Jahren hatte, doch „nun wird sich zeigen, wie das nach dem Lockdown weitergeht“. Bei den Aktiven, die schon länger dabei sind, würden einige Sportler nun wegfallen, die nur sporadisch am Training teilnahmen. Sicher ist er sich schon jetzt: „Wenn die Einschränkungen länger andauern, ist das ein Problem für den Nachwuchs im nächsten Jahr.“

Mit abgesagten Rennen abgestraft

Josefine Hobmaier vom PTSV Rosenheim sagt über das Jahr 2020: „Immerhin haben alle Läufer bei uns sehr fleißig trainiert und ein paar Wettkämpfe konnten im Sommer absolviert werden.“ Nachdem die Läufer im ersten Lockdown ab März zwar ursprünglich die „Gewinner“ im Zuge ihres ohnehin im Freien und in der Natur stattfindenden Trainings waren, wurden sie im Sommer mit meist abgesagten Rennen wegen der Abstandsregeln förmlich „abgestraft“. Aufgehört wegen Corona habe deshalb eigentlich niemand, denn der Spaß am Laufen war schon vorhanden – auch ohne Wettkampf. „Die Wettkampfplanung war schwierig, da man nie sicher sein konnte, ob dieser nun stattfindet oder nicht“, verriet Hobmaier. Läufe mit Einzelstart waren deshalb kein großer Anreiz für die PTSV-Läufer. Ebenso wie im März trainiert nun jeder Athlet wieder alleine mit seinen speziellen Programmen.

Erneutes „Verbot„ ist verheerend

Beim TuS Bad Aibling machen sich die Trainer Sorgen. Als aktiver Nachwuchstrainer und Mediziner hat Dr. Wolfram Bayer einen doppelten Blick auf das aktuelle Geschehen. „Klar gibt es theoretisch kein prinzipielles Trainingsverbot, denn einzeln oder zu zweit darf ja unser Individualsport unter Einhaltung der Hygieneregeln betrieben werden“, erklärt Bayer. Faktisch entspreche es dennoch einem Verbot, da er jüngere Athleten nicht alleine trainieren lassen kann. Aktuell schreibt er deshalb für seine älteren Jugend-Athleten Trainingspläne. Bezogen auf seine Trainingsgruppe bemerkt er seit dem ersten Lockdown gewisse Abgänge von Athleten in Form eines langsamen „Ausschleichens“, weil einige Sportler beim Re-Start einfach nicht mehr erschienen sind. Gerade jetzt treffe es die Aiblinger Athleten doppelt, denn mit dem Schulstart schlossen sich begeistert neue Kinder und Jugendliche an. Das Kennenlernen, die Bindung und Freude an der Gruppe wurden in den wenigen Wochen noch nicht gefestigt „deshalb erwarte ich nun wieder einen schmerzhaften Aderlass“, prognostiziert Bayer. Aus der Sicht seines Vereines und seiner Sparte, aber auch aus der Sicht eines Sportlers sei das erneute „Verbot“ verheerend. „Gerade leistungsorientierte Sportler leben von der kontinuierlichen Verbesserung und von konkreten Zielen, auf die sie vier- bis sieben Mal in der Woche hintrainieren“, erklärt der Aiblinger. Ohne Ziel würde die Motivation fallen, gefolgt vom Leistungsabfall und „die Leistungssportler beenden dann oft ihre Karriere“. Er vermutet deshalb ganz schwer, dass „wir gerade dabei sind eine ganze Sportler-Generation zu verlieren und damit auch Vorbilder für die nachkommenden Generation“.

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