DER UMBRUCH WIRD 2023 KOMMEN

Bernd Eisenbichlers knifflige Mission vor der Biathlon-Weltmeisterschaft und danach

Bernd Eisenbichler, Sportlicher Leiter Biathlon des Deutschen Ski-Verbandes, hat das Scoutingsystem verbessert und möchte die Talente künftig früher in die Weltspitze bringen.
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Bernd Eisenbichler, Sportlicher Leiter Biathlon des Deutschen Ski-Verbandes, hat das Scoutingsystem verbessert und möchte die Talente künftig früher in die Weltspitze bringen.

„Die Mannschaft ist erfahren, nicht alt. Aber es ist auf alle Fälle so, dass es spätestens nach der WM 2023 in Oberhof einen Umbruch geben wird – und auch muss“ sagt Bernd Eisenbichler, Sportlicher Leiter Biathlon beim Deutschen Ski-Verband, im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen.

Frasdorf – Zur großen Freude von Bernd Eisenbichler haben sich die deutschen Biathleten seit Beginn des Jahres mit Top-Leistungen und Podestplatzierungen zurückgemeldet. Der Siegsdorfer Eisenbichler, der in Frasdorf lebt, ist Sportlicher Leiter Biathlon beim Deutschen Ski-Verband (DSV). Im Gespräch mit dem 45-Jährigen wurden nicht nur die WM im slowenischen Pokljuka (11. bis 21. Februar) ins Visier genommen, sondern auch die Nachwuchsarbeit. Die soll nämlich in den nächsten Jahren optimiert werden, zumal spätestens nach der WM 2023 in Oberhof der eine oder andere Weltklasse-Biathlet seine Karriere beenden dürfte.

Herr Eisenbichler, die deutsche Mannschaft ist aktuell zu alt, sodass Nachrücker aus dem Nachwuchsbereich durchaus willkommen wären. Was ist da in den nächsten ein, zwei Jahren zu erwarten?

Bernd Eisenbichler: Die Mannschaft ist erfahren, nicht alt. Aber es ist auf alle Fälle so, dass es spätestens nach der WM 2023 in Oberhof einen Umbruch geben wird – und auch muss. Zumal dann einige Athleten aufhören werden, was eventuell auch schon nach Olympia 2022 der Fall sein kann. Das weiß man ja nie...

Sie sehen aber schon auch eine gewisse Lücke, oder?

Eisenbichler: Die ist definitiv da. Doch wir haben auch versucht, dem entgegenzuwirken, indem wir bei den Damen mit Tobias Reiter (war schon im Weltcup-Trainerteam tätig, d. Red.) einen Trainer für die zweite Reihe installiert haben, also für den Perspektivkader. Wir haben auch versucht, den Kader jünger aufzustellen, haben mehr Finanzmittel in Lehrgänge investiert, um diese Athleten zu fördern und zu entwickeln. Wir wollen auch diese jüngeren Athleten vermehrt im IBU-Cup einsetzen. Aber es ist einfach so, dass im Damenbereich schon eine Lücke klafft – das sieht man vor allem im Laufen. Da müssen wir jetzt in diesen zwei Jahren bis zur WM in Oberhof relativ hart rangehen, um die zu schließen. Wir wollen ja nicht ein paar dünne Jahre vor uns haben, wenn ein paar Leistungsträgerinnen aufhören.

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Bei ihrem Amtsantritt vor knapp zwei Jahren hatten Sie angekündigt, das Scouting zu verbessern – wie ist da die Lage?

Eisenbichler: Ich will ja nicht immer voller Neid nach Norwegen schauen: Doch mit den Schneelagen, die wir bei uns haben, wird es sicher nicht einfacher, Athleten zu rekrutieren. Hier haben wir mit Fritz Fischer (dreifacher Gold-Gewinner bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, d. Red.) einen Talentscout, mit dem ich in engem Kontakt stehe und viele Gespräche führe. Und da gibt es auch das Shootingstar-Konzept, wobei man versucht, Biathlon auch in der Fläche populärer zu machen.

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Wie kann das funktionieren?

Eisenbichler:Ich halte es für relativ wichtig, dass wir um die Stützpunkte herum vermehrt Kooperationen mit Schulen eingeht. Wenn man dann bei solchen Scouting-Maßnahmen ein paar Athleten findet, die talentiert sind, muss man die von Anfang an begleiten. Da werden wir Talentcamps durchführen – drei oder vier pro Jahr, jeweils übers Wochenende, denn die Mädchen und Buben sind ja noch schulpflichtig. Und wir suchen auf alle Fälle den engen Kontakt zu den Skiverbänden und Stützpunkten, um diese jungen Sportler dann mitbegleiten und mitgestalten zu können. Hier kommen wir besser in die Systematik rein: Wenn wir ein Talent erkennen, können wir von unserer Seite mehr Einfluss auf seine Weiterentwicklung nehmen. Fritz Fischer wird da federführend tätig sein, um diese Camps durchzuführen. Im Frühjahr gibt es Sichtungsmaßnahmen an den verschiedenen Stützpunkten, dann werden diese Talente auch mal nach Ruhpolding oder Oberhof zu einem Wochenend-Camp eingeladen.

Könnte es auch ein Ziel sein, die Talente früher als bisher im IBU-Cup an den Start zu schicken?

Eisenbichler: Es ist auf alle Fälle machbar. Doch darf es natürlich nicht nach dem Motto laufen: „Jünger = besser“. die Leistungsfähigkeit des betreffenden Athleten sollte schon so ausgebildet sein, dass er im IBU-Cup auch konkurrenzfähig ist. Grundsätzlich wollen wir schon schauen, vermehrt junge Leute in dieser zweiten Rennserie einzusetzen, um sie dieses Level auch spüren zu lassen. Man muss auch sehen, dass die IBU das Junioren-Alter auf 22 Jahre angehoben hat – in diesem Alter sind früher viele Biathleten schon im Weltcup aufgetaucht, was ja teilweise in Norwegen und anderen Ländern auch der Fall ist. Im Weltcup ist es wichtig, dass man sich ans Leistungsprinzip hält. Wenn ein 30-Jähriger 50 Sekunden schneller läuft als ein 20-Jähriger, dann macht’s keinen Sinn, dem jüngeren Athleten den Vorzug zu geben. Den 20-Jährigen könnte man aber eine ganze Saison im IBU-Cup starten lassen, ohne jede Woche auf die Resultate zu schauen.

Wird das schon gemacht?

Eisenbichler: Ein gutes Beispiel ist Danilo Riethmüller, Junioren-Weltmeister von 2020. Er darf auch heuer wieder bei der Junioren-WM starten und möchte dort – quasi bei seinem Saison-Höhepunkt – auch erfolgreich sein. Doch er bekommt auch Einsätze im IBU-Cup um Erfahrungen im Seniorenbereich zu sammeln. Da haben wir in der Vergangenheit einfach nicht genügend junge Leute eingesetzt. Das wollen wir jetzt ein bisschen anders angehen, wenngleich der Leistungsstand eines Athleten natürlich schon so sein muss, dass es auch Sinn macht. Wenn einer überfordert ist, macht es ihm keinen Spaß und er bekommt auch kein Selbstvertrauen. Die Jungen müssen auch ein Stück weit besser vorbereitet werden auf den Schritt, den sie zwischen 20 und 23 Jahren machen. Da sind wir jetzt dran, erstellen Entwicklungsprofile und machen bessere Abstimmungen zwischen den einzelnen Kadern.

Hat man sich in den letzten Jahren – also vor Ihrer Zeit – vielleicht zu sehr auf Erfolge der Ausnahme-Biathletinnen Magdalena Neuner und Laura Dahlmeier verlassen?

Eisenbichler: Ich habe mich eigentlich entschlossen, nicht über die Zeit vor 2019 zu reden. Das wäre auch unfair, weil diese Zeit damals eine höchst erfolgreiche war. Es ist definitiv so, dass wir jede Menge Arbeit vor uns haben und eine Neuner oder Dahlmeier nicht alle zwei Jahre vom Baum fällt. Es gilt ein besseres System zur Entwicklung der Athleten zu schaffen. Natürlich ist es so, dass einiges übertüncht wird, wenn du einen Superstar in der Mannschaft hast – das ist völlig normal und in anderen Nationen auch nicht anders. Nehmen wir mal Norwegens Damen: Da hat es vor fünf, sechs Jahren auch schlecht ausgesehen. Tiril Eckhoff hat damals – plakativ gesagt – nichts getroffen, und die anderen hat’s noch gar nicht gegeben wie Marte Olsbu Röiseland oder Ingrid Landmark Tandrevold. Das war auch eine schwierige Zeit für die Norweger. Sie haben dann mit mehr System gearbeitet und mit dem Südtiroler Patrick Oberegger einen Top-Trainer engagiert. Letztlich haben sie es geschafft und sind jetzt wieder federführend im Damenbereich. Ich sehe bei uns also auch nicht schwarz für die Zukunft.

Wie weit ist Ihre Mannschaft im WM-Fahrplan für Pokljuka?

Eisenbichler: Man hat in den letzten Jahren schon bei uns im DSV gesehen, dass zum Jahres-Höhepunkt die Höchstleistungen abgerufen werden konnten. Und das ist auch jedes Jahr die Zielsetzung. Man sieht natürlich, dass die Norweger zurzeit dominieren und sicher als Top-Favoriten nach Pokljuka fahren. Ich gehe aber schon davon aus, dass wir von unseren Top-Athleten – also Erik Lesser, Benedikt Doll und Arnd Peiffer bei den Männern sowie Franziska Preuß und Denise Herrmann bei den Damen – Medaillen erwarten können. Und vor allem auch in den Staffelwettbewerben. Doch es gibt auch einige Athleten, die momentan dahinter stehen, die es aber im letzten Jahr bewiesen haben, wie man vorne reinkommen kann. Ich denke da an Vanessa Hinz, Johannes Kühn und Philipp Horn – bei ihnen müssen wir die Zeit bis zur WM nutzen, damit sie dann auch mal mit einer Top-Leistung aufwarten können, wenn ein Arrivierter einen nicht so guten Tag hat.

Gibt es eine konkrete Medaillen-Vorgabe für die WM?

Eisenbichler:Vier, fünf Medaillen sind immer eine Zielsetzung, auch wenn ich eigentlich gar keine klare Vorgabe aussprechen will. „Franzi“ Preuß hat letztes Jahr bei der WM in Antholz zum Beispiel zwei Silbermedaillen in den Staffeln geholt. Doch auch wenn man ihre Einzelrennen betrachtet, hat sie super Leistungen gebracht, war immer unter den besten Acht. Natürlich werden wir an Medaillen gemessen, das ist auch völlig in Ordnung. Doch auch wenn wir nur drei Medaillen gewinnen und dafür sieben Top-Sechs-Platzierungen machen, können wir danach trotzdem behaupten, dass es keine schlechte WM war.

Interview: Settele

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