OVB-SERIE: „WAS MACHT EIGENTLICH...?“

„Bei uns hat es noch mehr gemenschelt“

Auf dem Weg zu Olympia-Gold:Staffel-Startläuferin Uschi Disl schickt 1998 im japanischen Nagano Martina Zellner auf die Strecke. DPA
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Auf dem Weg zu Olympia-Gold:Staffel-Startläuferin Uschi Disl schickt 1998 im japanischen Nagano Martina Zellner auf die Strecke. DPA

In unserer Serie „Was macht eigentlich…?“ geht es heute um Martina Seidl. Mit diesem Namen werden viele nichts anfangen können. Ihre größten Erfolge im Biathlon hat sie unter ihrem Mädchennamen Zellner gefeiert. 1998 gewann die Schlechingerin mit der deutschen Staffel in Nagano olympisches Gold, ein Jahr später wurde sie zweifache Weltmeisterin. 2002 hat sie ihre sportliche Karriere beendet.

Kürzlich hat sich die mittlerweile 43-Jährige selbstständig gemacht. Sie leitet jetzt eine Agentur für betriebliches Gesundheitsmanagement. „Dazu bin ich aber auch Hausfrau und Mutter“, meint sie lachend. Martina Seidl hat eine achtjährige Tochter und einen zwölfjährigen Buben. Dieser hat sich der nordischen Kombination verschrieben. Das Mädchen versucht sich im Langlaufen, Skifahren, Turnen und Schwimmen, will aber mal der Mama folgen und eine erfolgreiche Biathletin werden. „Über meine Erfolge wissen sie wenig, meine Medaillen habe ich im Keller verstaut“, gibt Martina Seidl zu. Diese werden eigentlich nur wie zuletzt für ein Fotoshooting hervorgeholt.

Mehr über ihre Karriere erzählt sie Sponsoren, wenn diese zum Biathlon-Weltcup nach Ruhpolding kommen. Dort ist sie auch eine von über 1000 ehrenamtlichen Helfern und sieht das als „Ehrensache“. In ihrem Beruf im Bereich Gesundheitsmanagement berät sie Unternehmen. „Man schaut, warum Mitarbeiter gesund oder nicht gesund sind und was man im Krankheitsfall dazu machen kann“, erklärt sie. Zum Beispiel gibt sie Betrieben Ratschläge, wie die Arbeitsunfähigkeitstage reduziert werden können. Dabei helfen ihr die Erfahrungen aus dem Leistungssport. „Ich erkläre dann, wie viel an Leistung jemand bringen kann. Bis wann es gesund ist, und ab wann es krank macht.“ Martina Seidl kann einiges aus ihrer aktiven Zeit in das Arbeitsleben übertragen. „Es gibt bestimmte Muster“, verrät sie. Ein breites Thema nimmt der Leistungsdruck ein. Hier sind Tipps zur Erholung wichtig. „Ich erkläre den Menschen, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen. Da ist vieles aus dem Sport ins Berufsleben übertragbar.“

15 Jahre nachdem sie ihre Biathlon-Karriere beendet hat, überwiegen bei ihr die schönen Erinnerungen. „Bei Misserfolgen habe ich oft länger gebraucht, diese zu verarbeiten“, gibt sie zu. „Ich bin nicht der Typ gewesen, der bei Platz 35 lächelnd durchs Ziel gefahren ist. Ich habe immer versucht zu analysieren, was schiefgelaufen ist und mich gefragt, wie ich besser werden kann.“

Martina Zellner ist in einer Zeit aktiv gewesen, in der es im deutschen Damenteam eine ganze Reihe starker Sportlerinnen gegeben hat. Namen wie Uschi Disl, Simone Greiner-Petter-Memm, Katrin Apel oder Petra Behle-Schaaf sind Biathlon-Fans immer noch ein Begriff. Kontakt zu ihnen hat sie aber kaum noch.

Der Boom ist damals Ende der 90er-Jahre so richtig losgegangen. Angefangen hat es aber bereits mit den Erfolgen von Fritz Fischer und Peter Angerer. „Die Deutschen lieben Sportarten in denen wir erfolgreich sind“, weiß die damals für den SC Hammer startende Sportlerin. Dazu sind die Rennen mit Verfolgung und Massenstart telegener gemacht worden. „Das Fernsehen hat das schnell gemerkt und ist auf den Zug aufgesprungen.“

Großen Anteil an ihrem Erfolg hat vor allem ihr Vater Karl, mit dem ist sie als Trainer und Techniker groß geworden. Aber auch Peter Angerer, Hansi Reiter oder Martin Hobmaier haben ihr Talent erkannt und gefördert. Später ist es Bundestrainer Uwe Müßiggang gewesen. Die soziale Absicherung hat sie beim Bundesgrenzschutz, heute Bundespolizei, gefunden. Dort ist sie von Engelbert Sklorz und Roland Biermeier trainiert worden. „In guten und in schlechten Zeiten sind die da gewesen“, meint sie dankbar.

Ihr Karriereende 2002 hat sie überlegt gewählt. „Das ist genau richtig gewesen und ich habe nichts bereut. Ich habe noch eine Zeit erlebt, die sehr persönlich gewesen ist.“ Gerne erinnert sie sich an die Mannschaftsabende in der das Wort „Biathlon-Familie“ im Mittelpunkt gestanden ist. „Natürlich haben wir auch damals schon professionell trainiert, aber anders halt. Alles hat sich mittlerweile weiterentwickelt. Es wird mehr Geld verdient und man kann richtig berühmt werden. Unsere Zeit ist anders gewesen, dafür bin ich dankbar. Bei uns hat es noch mehr gemenschelt.“

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