Der sportliche Leiter Hans Kroneck im Gespräch

Abstiegskampf in der Regionalliga: „Es geht nicht um Spieler, sondern um 1860“

Hans Kroneck hat viele Themen bei 1860 Rosenheim zu bewältigen.
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Hans Kroneck hat viele Themen bei 1860 Rosenheim zu bewältigen.
  • Thomas Neumeier
    vonThomas Neumeier
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Ein großer Kaderumbruch während des Sommers und ein punktloser Re-Start im Herbst – der TSV 1860 Rosenheim hat in der Fußball-Regionalliga Bayern den Anschluss an das rettende Ufer verloren.

Rosenheim– Die OVB-Sportredaktion hat über die Gründe des Absturzes bei den Sechzigern nachgefragt und dabei einen sehr kämpferischen sportlicher Leiter Hans Kroneck erlebt, der bei seinen Antworten auch kein Blatt vor den Mund nahm.

Der Re-Start verlief punktemäßig verheerend. Wie ist Ihre Erklärung?

Hans Kroneck: Das ist nicht ganz einfach. Im Ligapokal sind wir in zwei von drei Spielen sehr gut reingekommen. In Schalding haben wir gut gespielt und unglücklich verloren, gegen Burghausen eine ordentliche Leistung abgeliefert und gewonnen. Dann sind wir zum ersten Meisterschaftsspiel nach Schalding gefahren und haben eine unterirdische Leistung gezeigt. Seitdem haben wir alle einen Knacks gehabt, sowohl Mannschaft als auch ich und die neue Vorstandschaft. Weil uns diese Leistung einfach schockiert hat. Dann kam Bayreuth als Profitum-Mannschaft, wo wir über 90 Minuten ordentlich mitgehalten haben. Wir sind dann nach Heimstetten gefahren und haben uns sehr viel vorgenommen. Die ersten 25 Minuten waren dann auch richtig gut gespielt und wir haben 1:0 geführt. Mit dem Ausgleich ist unser Kartenhaus aber dann komplett zusammengebrochen. Im Endeffekt hatten wir sechs Spiele insgesamt, in denen wir in den drei Ligapokal-Spielen und gegen Bayreuth nicht schlecht gespielt haben. In den beiden anderen Spielen haben wir jeweils nach dem Gegentreffer versagt, das muss man so sagen. Ob das der hohe Druck war, den wir uns auferlegt haben oder Angst? Das war nun alles zu überprüfen.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Kroneck: Wir haben Gespräche mit dem Trainer geführt, dem Mannschaftsrat, und dann haben wir – da spreche ich von der neuen Vorstandschaft, Manni Schwabl und Claus Schromm aus Unterhaching und wir – alles analysiert. Aufgrund der Konstellation (gemeint ist die Kooperation mit der SpVgg Unterhaching, d. Red.) sind wir nicht als normale Fußballmannschaft zu betrachten, sondern wir haben einen Auftrag. Wir haben das vor einem Jahr begonnen und haben jetzt eine Durststrecke und müssen halt schauen, woran es liegt. Haben wir zu viele junge Spieler? Haben diese vielleicht nicht die Qualität für die Regionalliga? Kann das Trainerteam mit dieser Konstellation schlecht umgehen? Können die Führungsspieler das? Im Endeffekt ist rausgekommen, dass absolut jeder hinter dem Konzept steht. Es ist eher so, dass man sich diese Leistungen auch in der Mannschaft schlecht erklären kann, woran es genau liegt. Eine gewisse Angst wird eine Rolle gespielt haben, ein gewisser Druck vor dem Abstieg. Dann der ewige Lockdown mit zehn Wochen Vorbereitung – die einen stecken es besser weg, die anderen schlechter.

Es ist also eine Kopfsache!

Kroneck: Das hat man in der Vorbereitung gesehen, als wir zweimal gegen Unterhaching gespielt haben – und die hatten richtig zu kämpfen. Da sieht man das Potenzial, wenn kein Druck vorhanden ist. Wir haben eine relativ junge Mannschaft, dann sind in der Vorbereitung wichtige Spieler weggebrochen wie Georg Lenz und Robert Köhler, hinzu kamen Verletzungen von Bacher und Zimmermann. Wir hatten dann auch nur noch 15, 16 Feldspieler, das muss man berücksichtigen. Es hat dann auf einmal alles gegen uns gesprochen, das war nicht nur ein Ding. Dass wir der Sache auf den Grund gehen mussten, ist klar. Viele fragen sich, warum wir das nicht eher gemacht haben...

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Warum denn nicht?

Kroneck: Es ist ja in der Vorbereitung nicht so schlecht gelaufen. Ein Laurin Demolli, Mike Keereerom oder Markus Sattelberger, das sind alles gute Jungs. Aber die brauchen halt auch Erfahrung. Die dürfen auch ein oder zwei Fehler mehr machen als Führungsspieler. Diese Zeit musst du ihnen geben, wenn du mit ihnen arbeitest. Ich frage mich da schon, warum man im Umfeld von 1860 nur an der Regionalliga gemessen wird? Wir haben Corona, jeder Verein hat wirtschaftliche Probleme! Man muss das Gesamtpaket sehen: Dass wir mit null Mitteln das fünfte Jahr Regionalliga spielen, dass wir mit unseren Jugendmannschaften in den beiden höchsten Ligen spielen. Das Konzept mit Unterhaching, das in Zukunft Früchte tragen wird, mache ich nicht an Ergebnissen in der Regionalliga fest. Über diesen Punkt bin ich schon lange drüber. Es geht um 1860 Rosenheim im Gesamten und um die Zukunft.

Das Aushängeschild ist aber schon die erste Mannschaft!

Kroneck: Es ist auch immer eine Budgetsache. Wir haben uns dafür entschieden, dass wir eine gute Jugendausbildung machen wollen. Und deshalb haben das Präsidium von Unterhaching und unsere Abteilungsleitung auch zusammengefunden, weil das beide Vereine verfolgen. Diesen Weg werden wir weitergehen. Und wenn dann mal ein Betriebsunfall passiert, dann ist das so. Keiner will das, aber wir werden nicht auf Biegen und Brechen versuchen, zehn Jahre in der Regionalliga zu spielen, alles in die Erste zu buttern und die Jugend nicht zu beachten. Weil wir dann kaputt sind!

Ein Abstieg würde das Konzept also nicht gefährden?

Kroneck: Genau so ist es. Aber, und das werdet Ihr hoffentlich auch schreiben, das will keiner. Wir haben vorher mit Krätschmer, Maier, Einsiedler und Räuber auch in der Relegation gegen Gebenbach gespielt, das vergessen viele! Und jetzt spielen wir mit jungen Spielern! Ich erwarte mir eigentlich, dass die ganze Region hinter unserem Konzept steht und für uns ist. Und nicht dass die Leute jetzt , wo wir eh schon taumeln, irgendwo hervorkommen und uns kritisieren, weil sie keine Hintergründe wissen. Jetzt brauchen wir unsere Leute und unsere Region!

Problematisch ist wohl, dass viele der jungen Spieler nicht aus der Region kommen!

Kroneck: Aus der Region? Auch wenn sie von Unterhaching kommen: Ein Zimmermann kommt aus München, ein Bacher aus Miesbach, ein Demolli und Fambo kommen aus München. Das sind 40 Kilometer von uns! Dann habe ich einen Sattelberger vom Samerberg, einen Linner aus Griesstätt, einen Wallner aus Prutting. Wir haben keinen Spieler, der irgendwo aus Hannover kommt. Ich weiß nicht, wo für die Regionalliga die Region ist!

Aber vor drei, vier Jahren waren deutlich mehr Spieler aus dem Landkreis Rosenheim dabei!

Kroneck: Ja, aber da waren auch ein Tomic, ein Marinkovic oder ein Zant und wie die alle geheißen haben. Du wirst in der Regionalliga nicht nur mit Leuten aus dem Landkreis Rosenheim spielen können. Da kann ich vielleicht noch Landesliga spielen, oder mit viel Glück Bayernliga! Dazu muss man auch bedenken, dass die Hälfte aller Mannschaften in der Regionalliga Profimannschaften sind. Das muss man auch alles berücksichtigen. Und dann muss auch die Budgets mit den Mannschaften, die im Mittelfeld spielen, vergleichen.

Jakob Mayer (18) gilt bei 1860 Rosenheim als großes Talent.

Der Abschied von Robert Köhler ging still und leise über die Bühne. Was ist mit ihm?

Kroneck: Ganz einfach: Robert war in jedem Training, hat immer extrem positive Stimmung eingebracht. Er hat für den Verein immer alles gegeben und hat ein Berufsangebot als Athletiktrainer bei unserem Partner Hans Friedl erhalten, das er auch angenommen hat. Weil Türkgücü München auch bei Hans Friedl ist, war er im Trainingslager mit dabei und Türkgücü wollte ihn fest bei den Spielen dabei haben. Er macht dort das Aufwärmprogramm und es ist klar, dass er deshalb nicht mehr bei uns sein kann.

Was ist mit Luftetar Mushkolaj? Der stand mal in der Aufstellung, dann wieder nicht.

Kroneck: Da kann ich Ihnen eine klare Antwort geben. Er ist im Sommer auf uns zugekommen, leider nur per WhatsApp an mich, dass er sich entschieden hat, nicht mehr für uns zu spielen – und keiner wusste, warum? Bei dieser Vorgehensweise – dass ich einen Vertrag bis 2023 habe und dem sportlichen Leiter per WhatsApp schreibe, nicht mehr für 1860 zu spielen – war für mich klar, dass er suspendiert wird. Das haben wir dann auch gemacht und ihm die Freigabe für einen anderen Verein verweigert, weil dieser Verein unsere Bedingungen nicht erfüllen konnte. Somit ist er bei uns unter Vertrag, aber nicht im Kader. Er stand nur zweimal im Kader, als wir so viele Verletzte hatten, dass wir gesagt haben, er soll seines Gehalts gerecht werden.

Er wird also eher nicht mehr spielen?

Kroneck: Normal wird er nicht mehr für uns auflaufen.

Einen Wechsel hat es auf dem Co-Trainer-Posten gegeben. Mit Gerald Straßhofer wurde im August verlängert und dann hat man sich wenige Wochen später getrennt.

Kroneck: Vom Bauchgefühl her wollte ich schon im Sommer einen Wechsel auf der Co-Trainer-Position vornehmen. Gerry hat sehr wenig Erfahrung, ,Kapo‘ (Cheftrainer Thomas Kasparetti, d. Red.) hat auf diesem Niveau auch noch nicht die große Erfahrung. Ich habe mir deshalb gedacht, es täte ganz gut, wenn wir einen erfahrenen Co-Trainer hätten. Aber ich bin damals auch dem Wunsch von Thomas nachgekommen. Ich habe aber dann immer stärker gemerkt, dass diese Konstellation so nicht mehr funktionieren kann und ich da eine Änderung vornehmen möchte.

Gibt es schon einen Nachfolger?

Kroneck: Nein. Wir sind mit mehreren Kandidaten in Gesprächen, aber es ist noch nichts spruchreif.

Im Herbst 2019 gab es die große Torwart-Rochade. Nach dem 0:1 gegen Bayreuth wurde nun Goia rausgenommen, in Heimstetten kassierte Mayer fünf Stück. Hat 1860 weiter ein Torwart-Problem?

Kroneck: Nein, das haben wir definitiv nicht. Jakob Mayer ist wirklich ein sehr, sehr guter Torwart, mit Alin Goia und Nik Pfister haben wir weitere gute Torhüter. Und wir haben ja noch Lino Volkmer, der von der A-Jugend rausgekommen ist und ein unglaublich großes Talent ist. Ihn haben wir ja nach Haching als dritten Torwart gegeben, wo er sich sehr gut macht und wir mit seiner Entwicklung sehr zufrieden sind. Wenn er am Ball bleibt, wird er seinen Weg gehen. Mayer ist 18 Jahre, ich weiß nicht, was man von einem 18-jährigen Torwart alles erwartet? Er ist ein großes Talent. Die Zuschauer sollen nicht nur die Torwartfehler beachten, sondern auch merken, wenn Stürmer Chancen vergeben, oder Fehler im defensiven Mittelfeld oder in den Abwehrreihen passieren. Gegentore sind immer eine Verkettung von mehreren Sachen. Klar hat ein Torwart auch mal ein schlechteres Spiel. In jeder Mannschaft wirst du nach der Saison sagen, dass fünf Punkte auf den Torwart gegangen sind.

Luftetar Mushkolaj wird wohl nicht mehr für 1860 auflaufen.

Ein guter Tormann muss im Saisonverlauf eigentlich fünf Punkte holen!

Kroneck: Ja, klar. Aber den musst du auch erst finden. Und ich weiß nicht, auf welchem Baum die wachsen! Und wenn dieser Baum da wäre, dann müsste man auch ernten können – und das kostet Geld. Ich glaube, dass wir für unsere Verhältnisse in Rosenheim kein Torwart-Problem haben.

Gibt es schon Neuzugänge?

Kroneck: Wir werden sicherlich etwas präsentieren, weil wir ja auch Spieler verloren haben. Albrich ist zu Westerndorf gegangen, Köhler und Mushkolaj sind im Herbst raus. Wir hatten einen Aderlass und werden drei, vier Spieler hinzuziehen.

Wie groß sehen Sie die Chance auf den direkten Klassenerhalt?

Kroneck: Es ist immer so, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Aber wenn man sich realistisch damit beschäftigt, dann muss man sich mit dem Relegationsplatz beschäftigen.

Was macht Ihnen Hoffnung auf den Regionalliga-Verbleib?

Kroneck: Dass wir in der Rückrunde Spiele gewonnen. Wir waren in vielen Spielen dran, müssen aber eine gewisse Ängstlichkeit ablegen, dürfen nach Gegentoren nicht einknicken, müssen eine Trotzreaktion zeigen und mehr Engagement an den Tag legen. Ich erwarte von allen Beteiligten – von der Nummer 22 im Kader bis zum Cheftrainer und mir selbst als Sportlichem Leiter – 120 prozentiges Engagement. Es geht nicht um einen Spieler, einen Namen oder einen Trainer, es geht um 1860 Rosenheim! Und wenn einer meint, es geht um ihn und er ist dann beleidigt: 80 Prozent der Spielervereinbarungen laufen im Sommer aus und es kann sich jeder für einen neuen Vertrag präsentieren.

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