IM SCHATTEN DER DEUTSCHEN BOB-ASSE LOCHNER UND FRIEDRICH HAT SICH NICO WALTHER KURZ VOR DER WM IN STELLUNG GEBRACHT

Plötzlich läuft die Kiste

Königssee – Man hat Nico Walther diesen Winter in diversen Zielräumen schon schimpfen hören – und wie!

Deshalb war das Bild, das sich am späten Sonntagnachmittag am Fuße der Bahn am Königssee bot, ein seltenes. Walther hatte einen Blumenstrauß in der Hand, als er sich kurz an eine Bande lehnte, einmal durchatmete und einen Moment lang einfach glücklich aussah. Auch die Siegesfeier, die Johannes Lochner und sein Team wenige Meter entfernt von ihm veranstalteten, konnte den 26-Jährigen nicht aus der Ruhe bringen. Denn er hatte an diesem Tag seinen Frieden geschlossen. Mit sich – aber vor allem mit seinem Schlitten.

Dass der Oberbärenburger in der laufenden Saison noch einen Satz sagen würde wie „wir haben jetzt ein gutes Gefühl im Bob“, hatte in seinem Umfeld eigentlich keiner erwartet. Denn Walther und sein Sportgerät haben in den letzten Wochen und Monaten einen echten Kampf miteinander ausgetragen. Als einziger der drei deutschen Weltcup-Piloten fährt der Vize-Weltmeister von 2015 im Vierer – seiner Paradedisziplin – einen Schlitten, der am Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) gebaut wurde. Sowohl der derzeitige Überflieger als auch Zweier-Weltmeister Francesco Friedrich sitzen auf Geräten des österreichischen Bobherstellers Wallner.

Auch Friedrich hat in diesem vorolympischen Jahr zu kämpfen, tüftelt viel an den optimalen Einstellungen. So frustriert wie Walther in den letzten Wochen war er aber nicht. Nach zwei sechsten Plätzen bei seinem Heimweltcup in Altenberg musste der Bundespolizist regelrecht um Fassung ringen. „Ihr habt doch selbst gesehen, was auf der Bahn passiert ist“, raunzte er damals und spielte auf den zeitlichen Rückstand an, den er trotz nahezu fehlerfreier Fahrten auf die Besten hatte.

Das Problem: Walther ist ein exzellenter Pilot und hat schnelle Bremser hinter sich sitzen. Als Erklärung dafür, dass es in dieser Saison für ganz vorne trotzdem noch nicht gereicht hat, bleibt daher nur das Material. Ein Politikum im deutschen Team, über das man bewusst nicht allzu viel spricht. Im April wird nur einer den Zuschlag erhalten, die olympischen Bobs zu bauen. Entweder die steuergeldfinanzierte FES oder eben Wallner.

Walther konnte die eigentlich komfortable Situation, dass sich die FES-Mitarbeiter ganz auf ihn konzentrierten, lange nicht zu seinem Vorteil nutzen. Er haderte, schimpfte, kam aber nicht richtig vorwärts. Nun hat er sich ausgerechnet auf der Bahn sein Selbstvertrauen zurückgeholt, auf der in drei Wochen die Weltmeister ermittelt werden. Das entschädigte zumindest einen Teil der Enttäuschungen der letzten Wochen. „Ein bisschen schneller“, sagte er, „müssen wir noch werden. Aber ich glaube, dass wir die richtigen Einstellungen nun gefunden haben“.

Wenn im Februar die WM-Medaillen vergeben werden, will Walther wieder mitreden. Und es kommt ihm auch ganz gelegen, dass sich die Öffentlichkeit im Moment viel mehr auf das teaminterne Duell zwischen Lochner und Friedrich konzentriert als auf ihn. Während sich die beiden seit Wochen im großen und seit Kurzem auch im kleinen Schlitten duellieren, kann er die als dritter deutscher Pilot die Ruhe nutzen. Er kennt diese Situation: Vor zwei Jahren in Winterberg rechnete niemand mit ihm – bis er als Nobody Silber holte. 0,02 Sekunden Rückstand hatte er damals auf Weltmeister Max Arndt. „Wenn ich heuer 0,02 Sekunden vorne bin“, sagt er lachend, „wäre das noch ein bisschen besser.“ hanna raif

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