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Was auf dem Eis passiert

Von Günter Klein. 60 mal 30 Meter, vier Schiedsrichter, zwölf Spieler, der Puck bis zu 150 km/h schnell – Eishockey ist fordernd und kann wehtun.

Eine spezielle Welt – wir blicken hinein mit einem, den man einst in jedem Stadion kannte. Schon seines ungewöhnlichen Namens wegen: Pompeo Ondertoller, Schiedsrichter mit oft grimmigem Mienenspiel. Oft beschimpft, doch auch geschätzt – und immer noch ein Kenner der Branche.

Kommunikation – ein Scherz hilft

Auf dem Eis ist das Du üblich. „Mit 90 Prozent der Spieler war ich per du“, blickt Ondertoller zurück. Viele hat er als Schüler und später als Nationalspieler gepfiffen.

Immer wichtig, so seine Erfahrung: reden. Helmut Steiger (Landshut, Köln), ein Star der 80er, war „oft schwer zu bändigen. Zu ihm bin ich hin und habe gesagt: ,Heli, ich pass auf, dass dir nichts passiert – aber du machst mir das Spiel nicht kaputt.“ Zu Georg Holzmann, einem anderen Helden der damaligen Zeit, meinte er, „nachdem wir drei Jahre auf Kriegsfuß gestanden sind: ,Schorsch, ist es nicht an der Zeit, dass wir uns wieder vertragen wie früher?’ Er hat mir an die Seite geklopft: ,Alles klar, Pompi.’ Danach hat er alles geschluckt.“

Zu Saisonbeginn hat Ondertoller zu den Kapitänen gesagt: „Ich wünsche euch eine gute Saison und keinen Ärger mit den Schiedsrichtern. Ihr wisst’s: In Bayern werden Wilderer erschossen.“ Das war sein Motto: „Mal einen Flachs hinwerfen.“

Sollte auch im modernen Eishockey funktionieren – trotz der vielen Nordamerikaner: „Die Kapitäne müssen ja Deutsch verstehen.“

Die heutigen Schiedsrichter hält Ondertoller als langjähriger Beobachter in Verbandsdiensten für kommunikationsstark. „Man sagt oft, die seien arroganter als wir früher. Das denke ich nicht. Unter ihnen sind Akademiker, studierte Leute, die den Spielern souverän begegnen.“

Klar sein müsse immer: „Ich als Schiedsrichter entscheide, ob wir reden.“

Gibt es Unterschiede zwischen Nationen?

Pompeo Ondertollers kleine Reise: „Finnen sind sehr diszipliniert, von ihnen hört man nie etwas.“ Die Schweden: „Herren. Aber man darf seine Linie bei ihnen keinesfalls wechseln.“ Russen zweifeln Foulentscheidungen des Unparteiischen nicht an, „aber die technischen Sachen muss er sehen, beim Abseits sind sie penibel, wenn man ein paar Zentimeter daneben liegt“. Im kanadischen Denken gibt es einen Parallelismus: „Kein ich oben, du unten“. Die meisten Kanadier sagen zwar, wenn eine Strafe gegen sie verhängt wird, „Oh no,ref“, gehen aber dann auf die Bank. Als er in Düsseldorf ein Freundschaftsspiel der NHL-Teams Edmonton – St. Louis leitete, staunte Ondertoller über die Disziplin des Oilers-Managers: „Er rief im Spiel was rein, ich streckte die Hand aus, sagte: ,No.“ Sofort kam ein ,Sorry, ref!’“

Was man von Fans zu hören bekommt

„Man braucht ein dickes Fell“, sagt Pompeo Ondertoller nach einer langen Karriere. Man höre ganz gut als Schiedsrichter, was einem entgegengeschmettert werde. Das ging bei ihm vom schlichten „Ondertoller – nein danke“ über die Aufforderung, ihn im Teich vor der Halle zu versenken bis zum „Vergasen“, dass mal ein Zuschauer (unbehelligt) schrie. „Das hat mich sehr getroffen.“

In Garmisch-Partenkirchen sagte ihm einer: „Sie san a arroganter Hund! Und verstehen Sie überhaupt was vom Eishockey?“ Pompeo Ondertoller antwortete: „Geben Sie mir fünf Minuten.“ Man habe dann geratscht, „auf einmal war ich nicht mehr arrogant“. Schließlich die Erläuterung, ob er was verstünde vom Sport: „Wie ist es möglich, dass ich Scheibe und Spieler immer aus dem Weg gehen kann? Dass ich weiß, bei welchem Spieler ich einen Schritt vor oder zurückgehen muss? Weil ich das Spiel lesen kann.“ Bei manchen Spielern habe er genau gewusst, wohin der nächste Pass gehen würde.

In Straubing hatte Ondertoller mal eine Partie, bei der dem Heimteam eine 6:1-Führung gegen Bad Tölz entglitt und in ein 6:7 mündete: „Beim sechsten Tor sagte mein Kollege zu mir: ,Pompeo, wir müssen schauen, dass die Polizei da ist.“ Die Kabine konnten die Referees nicht so schnell verlassen. Die Zuschauer-Hitzigkeit ist in Straubing jetzt nicht mehr so ausgeprägt: Als DEL-Klub stellt man was dar.

Richtig gefährliche Situationen erlebt ein Schiedsrichter selten. Meistens bleibt es beim Maulheldentum. Neulich erst bei einem kleinen Verein hat Ondertoller einen „Buam, 12 Jahre alt, angezogen wie ein Dressman“ erlebt, der sang: „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“. Nun ja. In den 70er- und 80er-Jahren kam das mal vor, dass Reifen zerstochen wurden oder – geschah in Deggendorf – mal eine Säure über den Lack gekippt wurde. „Aber nie bei einem Bundesligaverein.“ Auch in der DEL: alles korrekt.

Wissen Referees über Spieler Bescheid?

Schon zu Ondertollers Zeiten gab es „ein Netzwerk“. Man erfuhr rechtzeitig, wenn neue Spieler auftauchten, mit denen der Umgang problematisch sein könnte.

Gibt es Versuche von Beeinflussung?

„Unterschwellig. Dass einem etwa gesagt wird, es seien viele Spieler verletzt.“ In Ravensburg, als das Stadion noch offen war, erfolgte versuchte Beeinflussung durch Werfen von Schneebällen auf den Schiedsrichter – und den Hinweis des Klubmanagers: „Anders pfeifen, dann hört’s auf.“

Sind die Schiris von heute besser?

Uneingeschränkt ja. „Mit meinen läuferischen Fähigkeiten aus der aktiven Zeit könnte ich heute nicht mehr mithalten in der DEL“, räumt Pompeo Ondertoller ein. „Schauen Sie Daniel Piechaczek an. Ein Genuss, wie der sich auf Schlittschuhen bewegt. Rückwärts genauso schnell wie vorwärts.“ Das Eishockey ist schneller und athletischer geworden, die Spielleiter haben sich mitentwickelt. „Sie sind auch jünger, manche kommen mit Mitte zwanzig in die DEL.“ Die Ausbildung sei top, es gibt Eishockeyprofis, die den direkten Übergang in die Schiedsrichterei wählen: „Sie haben natürlich ein gutes Auge und läuferische Fähigkeiten.“ Ein Bayernliga-Schiedsrichter hätte laut Ondertoller „keine Chance, ein DEL-Spiel zu leiten. Man würde ihm davonlaufen.“

Wie greift man bei Schlägereien ein?

Man lässt Spieler, die aneinandergeraten sind, sich austoben – wenn der Kampf entschieden ist, muss Schluss sein. Aus einem Tumult mit mehreren Spielern sollte kein unüberschaubarer Konflikt entstehen. Es ist Job der Linienrichter, das zu verhindern. Grundsatz: „Dazwischen gehen, die Spieler aber möglichst nicht anfassen.“ Und: „Der Schiedsrichter darf nie provozieren. Auch wenn er sich aufregt: Pokerface.“

Gibt es Mythen, die nicht stimmen?

Durchaus. Ein angeblicher Grundsatz, auf den sich sowohl Spieler als auch Trainer und Zuschauer noch immer beziehen, lautet: In der Endphase oder Verlängerung eines Spiels hat der Schiedsrichter großzügig zu sein und sich mit dem Aussprechen von Strafen zurückzuhalten.

Der heutigen Linie, so Ondertoller, entspreche das nicht mehr. Frühe habe man tatsächlich gesagt, die erste Foulentscheidung eines Spiels müsse „zu einhundert Prozent, die zweite zu zweihundert Prozent richtig“ und unanfechtbar sein; nun wird technokratischer entschieden: „Foul ist Foul und wird gepfiffen.“ Spieler eines Teams in 4:5-Unterzahl sollten sich also nicht darauf verlassen, dass man ihnen was durchgehen lasse.

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