Nummer sicher

So nah und doch so fern: Noch trennen Neuer eine Fensterscheibe und viele Wochen vom Mannschaftstraining. imago
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So nah und doch so fern: Noch trennen Neuer eine Fensterscheibe und viele Wochen vom Mannschaftstraining. imago

Manuel Neuer braucht nun schon eine Weile keine Krücken mehr, doch den verletzten Fuß mit dem vollen Körpergewicht zu belasten, das geht noch nicht. Trotzdem ist der Torwart des FC Bayern felsenfest überzeugt, im Laufe der Rückrunde wieder auf dem Platz zu stehen.

FC Bayern

von marc beyer

München – Das Letzte, was man von Thiago gesehen hatte, war sein Hinterkopf. Am Wochenende veröffentlichte der Mittelfeldspieler des FC Bayern via Instagram ein Foto, auf dem er mit seinem kleinen Sohn beim Spaziergang in einer Landschaft zu sehen war, bei der es sich offensichtlich um keine bayerische handelte. Nun ist er wieder da. Gestern reihte sich der Spanier, der seit November mit einer Oberschenkelverletzung ausfällt, im Mannschaftskreis ein, jedenfalls kurz. Nach dem Aufwärmen zog er sich zurück und setzte sein individuelles Programm auf einem Nebenplatz fort. Der Weg in die erste Mannschaft ist für Thiago immer noch weit.

Einen Zeitplan gibt es noch nicht

Der Einzige, der draußen jetzt noch fehlt, ist Manuel Neuer. Auch der Torwart ist zwar regelmäßiger Gast an der Säbener Straße, doch bis er seine ersten etwas flotteren Schritte im Kreise der Kollegen wagen kann, wird noch ein Weilchen vergehen. Als er letzte Woche dem hauseigenen Fernsehsender ein Interview gab, war mit das Auffälligste die Körperhaltung. Manuel Neuer stand sehr aufrecht da und bewegte seinen linken Fuß keinen Millimeter.

Normalerweise gibt es bei den Bayern keine öffentlichen Wortmeldungen verletzter Profis. Erst wenn sie wieder in den Spielbetrieb integriert sind und Taten sprechen lassen, haben sie auch Medienkontakt. Doch erstens gelten für den Vereinskanal andere Regeln, und zweitens ist Neuers Situation speziell. Seit ihm im September nach einem neuerlichen Haarriss im linken Mittelfuß eine Platte eingesetzt wurde, war der Nationaltorhüter ein beliebtes Spekulationsobjekt. In den einschlägigen Foren und Zirkeln reichen die Theorien schon bis hin zu der Annahme, Neuers ganze Karriere könne in Gefahr sein.

Der Auftritt im FC Bayern-Studio war der Versuch, den Gerüchten ein paar Fakten entgegen zu setzen. Auch gewichtige Fakten sind darunter. Mit 80 Prozent seiner Körpermasse könne er den lädierten Fuß momentan auf dem Laufband belasten, teilte Neuer mit. Das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, dass er noch in der Vorweihnachtszeit mit Krücken unterwegs war, um jegliche Beanspruchung zu vermeiden. Aber es ist auch nicht wahnsinnig viel, wenn der Patient ein uneingeschränktes Laufprogramm bis auf weiteres nicht absolvieren kann. Ganz zu schweigen von einem Vergleich mit den enormen Kräften, die während eines Spiels beim Abspringen oder in Zweikämpfen auf einen Torwartkörper einwirken.

„Mir geht’s sehr gut“ lautete die Kernaussage des Keepers, dem erkennbar daran gelegen war, Zuversicht zu verbreiten, ohne dabei zu hohe Erwartungen zu wecken. Er sei mit seiner aktuellen Verfassung „recht zufrieden“, wolle aber „im Moment gar nichts riskieren“ und unter allen Umständen „auf Nummer sicher gehen“. Die entscheidende Frage – die nach seinem persönlichen Zeitplan – erledigte er kurz und bündig: „Den gibt’s nicht.“

Die umfangreiche Krankengeschichte des vergangenen Jahres, als Neuer mit einer kurzen Unterbrechung seit April ausfiel, ist den Bayern eine eindringliche Warnung. Ehe sie noch einmal aufs Tempo drücken und einen Rückschlag riskieren, lassen sie dem Patienten lieber alle Zeit der Welt. Die Auftritte seines Stellvertreters Sven Ulreich, der die Erwartungen bisher weit übertroffen hat, verschaffen der sportlichen Leitung und den Medizinern etwas Spielraum. Lieber belasten sie den Torwart und seinen fragilen Fuß zu wenig als zu viel.

Manuel Neuer kennt sich aus mit Verletzungen vor großen Turnieren und dem unguten Gefühl, dass jeder Tag zählt. 2014 flog er mit leidlich ausgeheilter Schulterverletzung zur WM nach Brasilien und war erst auf den allerletzten Drücker einsatzbereit. Diesmal hätte er es gerne weniger dramatisch, auch wenn ihm bewusst ist, dass sein Kredit in Verein und Nationalmannschaft grenzenlos ist: „Ich bin guter Dinge und weiß, dass ich in der Rückrunde auf jeden Fall noch spielen werde.“ In diesem Fall sind es nicht nur 80 Prozent Überzeugung. Sondern 100.

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