Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


DER FRÜHERE STABHOCHSPRUNG-STAR TIM LOBINGER KEHRT NACH MÜNCHEN ZURÜCK, UM EIN LEISTUNGSZENTRUM AUFZUBAUEN

Neustart nach vier Jahren bei RB Leipzig

von armin gibis. München – München, sagt Tim Lobinger, sei ihm ans Herz gewachsen, „das ist auch ein bisschen Heimat für mich“.

Hier hat er die letzten sieben Jahre seiner Stabhochsprung-Karriere verbracht, hier lernte er seine zweite Frau Alina kennen, hier spielt sein Sohn Lex-Tyger Fußball beim TSV 1860 – und hierher zog es ihn nun zurück, um einen beruflichen Neustart in Angriff zu nehmen – als Coach in einem, wie er sagt, „unabhängigen Sportleistungszentrum für Jedermann“.

Für einen wie Lobinger, einst Star und auch Lautsprecher der deutschen Leichtathletik, war es ein eher geräuschloses Comeback in der von ihm so geschätzten Wahlheimat. Aber vielleicht lag das auch daran, dass er in München sehr plötzlich von der Bildfläche verschwand. 2012 war das, und Lobinger bestritt auf der Rheinpromenade in Köln einen Show-Wettkampf, der der letzte seiner Sportlerlaufbahn werden sollte. Seine Erinnerungen daran sind nicht die besten: „Elf Grad, strömender Regen, eine Katastrophe.“ Unbedingt geplant war es nicht, dass Lobinger, der erste deutsche Sechs-Meter-Stabhochspringer, auf diese abrupte Weise Abschied vom Leistungssport nehmen würde. Doch kurz darauf erreichte ihn ein verlockendes Angebot aus Sachsen: Er sollte als Athletik-Trainer die Fußballer von RB Leipzig, damals noch in der vierten Liga, trimmen.

Für Lobinger gab es da kein großes Überlegen mehr. Er bekennt zwar: „Das war schon traurig, dass mein Karriereende so extrem unvorbereitet war.“ Aber er meint auch: „Ich habe immer gesagt: Ich höre auf, wenn es passt.“ Und RB Leipzig passte. Hundertprozentig. Lobinger sagte alle noch ausstehenden Wettkämpfe ab, kehrte seinem Verein, der LG Stadtwerke München, den Rücken, nur zehn Tage später begann der damals 39-Jährige seine Karriere nach der Sportlerlaufbahn beim hochambitionierten Leipziger Fußballklub. „Ich bin von einem fahrenden Zug auf den nächsten fahrenden Zug gesprungen“, sagt er.

Sein Engagement war nicht zuletzt durch die Bekanntschaft mit Ralf Rangnick, dem Macher der Leipziger Fußballer, zustande gekommen. „Wir hatten uns schon seit längerem akribisch über Fußball ausgetauscht. Ralf hat sich immer Puzzleteile aus anderen Sportarten rausgenommen und im großen Puzzle Fußball eingebaut.“ Das Puzzleteil namens Lobinger sah sich in seiner Rolle als „Leitender Athletiktrainer“ alsbald mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut. Er plante die neue Turnhalle, den Motorikpark, Lauftunnel, Schnelligkeitsparcours und zwei Krafträume. „Ich hatte ein Wahnsinnsbudget – und einen Wahnsinnsdruck“, erzählt er.

In der Woche kamen 70, 80 Arbeitsstunden zusammen. Aber Lobinger erlebte in Leipzig das, was er in der Leichtathletik immer vermisst habe: „Akribie, Professionalität, schnelle Entscheidungsprozesse.“ Wenn er zum Beispiel für die Anschaffung eines 80 000 Euro teuren Anti-Schwerkraft-Laufbandes plädiert habe, dann bekam er spätestens nach vier bis sechs Wochen das Okay des Vereins. „In der Leichtathletik dauert das sechs Jahre – und dann ist das Gerät veraltet.“

In Lobingers Zeit fiel Leipzigs Durchmarsch bis in die Bundesliga. „Dieses Unternehmen ist schon bewundernswert, Hut ab, wie die das gemacht haben“, sagt er. Und selbst als eingefleischter Fan des FC Bayern muss Lobinger zugeben: „Die Leipziger spielen einfach einen schönen Fußball. Das ist Kampf mit offener Maske.“

Doch 2016, als der Sprung in die Erstklassigkeit glückte, sah Lobinger seine Mission nach vier Jahren erfüllt. Wobei da auch gehörig mitspielte, dass ihm die frühere Lebensqualität abging: „Vier Jahre im Osten war schon ein wenig anstrengend. Es wird noch lange dauern, bis Leipzig solchen Städten wie München oder Köln gewachsen ist.“ Hinzu kam, dass er seinem 15 Monate alten Sohn Okkert, den er nach dem einstigen südafrikanischen Stabhochsprung-Rivalen Okkert Brits benannte, ein etwas heimeligeres Zuhause geben wollte.

Da traf es sich bestens, dass eine Offerte für ein Engagement im Functional Training (FT) Club München eintraf. „Ich wollte noch mal etwas Neues aufbauen“, sagt Lobinger. Und so sind die zwei Hallen an der Pelkovenstraße 148 nun zu seinem beruflichen Mittelpunkt geworden. Ideen hat Lobinger eine Menge: Ihm schwebt da, wie er sagt, „eine Art Institut“ vor, in dem einerseits Personaltraining für Leistungs- und Hobbysportler angeboten wird. Zugleich sollen die Fitnessübungen von Ärzten und Ernährungsberatern begleitet werden. Lobinger denkt da auch an eine „diagnostisch-medizinische Einrichtung“. Sein Ziel: „Ein Leistungszentrum, das es in dieser Form noch nicht gibt.“

Schon die jetzigen Angebote erfreuten sich regen Interesses: Auf den 700 Quadratmetern des FT Clubs tummeln sich bereits etliche Spitzensportler: Die Spieler des deutschen Eishockeymeisters EHC München zum Beispiel, oder die Frauen-Fußballmannschaft des FC Bayern.

Lobinger, immer noch rank und schlank wie zu seinen besten Zeiten, hat sich also einiges vorgenommen. Doch die Leichtathletik, wo er jahrzehntelang nicht zuletzt als eigenwilliger Querdenker unterwegs war, hat ihn offenbar immer noch nicht losgelassen. Weiterhin fühlt er sich als Kritiker herausgefordert. Sein Credo: „Man muss in der Leichtathletik manche Dinge ändern.“ Schon zu seiner aktiven Zeit habe er Reformen gefordert, sagt er. „Aber dann war ich immer das Enfant Terrible, der Böse, der Bad Boy.“

Inzwischen sieht er sich bestätigt: „Meine Eltern konnten von zehn meiner Wettkämpfe acht im Fernsehen kucken. Jetzt siehst du im Fernsehen von der Leichtathletik so gut wie nichts mehr.“ Ob sich die Popularität seiner früheren Sportart noch wiederbeleben lasse? Lobinger meint: „Ja. Aber man müsste erst sämtliche Landesfürsten in der Leichtathletik entmachten, um etwas umsetzen zu können.“ Dass Lobinger noch eine Funktionärslaufbahn einschlagen wird, dürfte eher unwahrscheinlich sein.

Kommentare