Netzer geht: "Ich habe genug geredet"

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Günter Netzer (r.) und Gerhard Delling moderieren 2006 beim Fußball-Länderspiel Italien - Deutschland im Sportschau-Studio in Florenz. Netzer trug dabei ein goldenes Jackett von Thomas Gottschalk und löste damit seine verlorene Wette bei "Wetten dass...?" ein.

Port Elizabeth - Trockener Humor, Fußball-Sachverstand und Sticheleien ohne Ende. Doch jetzt ist es aus mit dem kongenialen Duo Günther Netzer und Gerhard Delling.

Ohne Sticheleien geht es auch in den letzten gemeinsamen Tagen nicht. “Sie sind ja der Mann fürs Rustikale“, grantelte Günter Netzer mit gespielter Abscheu. Und: “Diese dumme Frage braucht eine dumme Antwort.“ Gerhard Delling, der vermeintlich dumme Fragesteller, konterte später, mit Blick auf das Ende der gemeinsamen Auftritte mit seinem kongenialen Partner: “Ich muss ihn motivieren. Das ist gar nicht so einfach.“

Eine Ehrenrunde in Südafrika

Netzer und Delling drehen in Südafrika ihre Ehrenrunden, am 10. Juli ist endgültig Schluss. Die Großmeister der gemeinsamen Fußball-Moderation beenden ihre TV-Zusammenarbeit nach zwei weiteren Viertelfinals und einem Halbfinale beim Spiel um Platz drei in Port Elizabeth. Und Netzer wird ein Loch hinterlassen, dass seine Erben wie Mehmet Scholl bei der ARD oder Oliver Kahn beim ZDF nicht ansatzweise schließen können.

Sie oder Du?

Netzers trockener Humor aus der Tiefe des Hirns ist in der Fußball-Fernseh-Branche einmalig. Im Zusammenspiel mit dem gelernten Redakteur Delling ergaben sich verbale Doppelpässe, die auch journalistisch und fußball-faktisch höchsten Ansprüchen genügen. Nur hin und wieder machten sie Späße um ihrer selbst willen. Netzer und Delling kultivierten den Schlagabtausch mit dem künstlich beibehaltenem Sie. Abseits der Kamera sind sie schon seit längerem auch privat miteinander verbunden. “Ohne die Freundschaft wäre das nicht möglich gewesen“, erklärte Netzer. “Mit einem Neutrum kann ich nicht an die Grenze gehen - bis zur Beleidigung.“

Auch Scholli ist Netzer-Fan

Hemmungen hatte Netzer in der Tat wenig. “Er teilt ja auch gerne aus“, sagte der Ex-Nationalspieler über seinen Partner Delling. Netzer ist sich bei der Frage nach den munteren Wortwechseln sicher: “Das war nur möglich, weil wir authentisch sind.“ Über sich selber sagte er: “Ich bin kein Show-Mann.“ Trotzdem wurden er und Delling mehrfach geehrt, unter anderem mit dem Grimme-Preis. Inwieweit die kleinen verbalen Scharmützel, die den Unterhaltungswert ja erst ausmachten, abgesprochen, vorbereitet oder spontan waren - das bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen. Sicher aber wirkten sie bei den meisten ähnlich wie beim neuen ARD-Experten Mehmet Scholl: “Die haben mich immer sehr amüsiert. Das war wie Kino.“

12 Jahre ARD

Nach zwölf Jahren bei der ARD ist nun Schluss für Netzer. “Das ist eine persönliche Entscheidung. Ich habe für mich gespürt, dass es genug ist“, sagte der einstige Nationalspieler. “Ich hatte immer einen Horror vor Menschen, die man mit einem Lasso von der Bühne holen musste.“ Und in seiner unnachahmlichen Art fügte er an: “Ich habe genug geredet. Ich kann mich selbst nicht mehr im Fernsehen anschauen.“ Er ist sich sicher: “Da wird mir nichts fehlen. Ich falle in kein schwarzes Loch.“ Eigentlich wollte er schon eher aufhören, und so erklärte er mit dem ihm eigenen Humor die Vorbereitung auf seine letzte WM als Fernseh-Experte: “Ich bin ein Held, dass ich mich immer noch motivieren kann.“

Auch mit 65 Jahren wird Netzer ohne TV-Job nicht langweilig werden. Er ist Teilhaber und Executive Director bei der Vermarktungs-Agentur Infront, schreibt gelegentlich Gast-Kommentare. “Ich bin ein rundum zufriedener Mensch“, beschrieb Netzer sich selber: “Ich führe ein privilegiertes Leben.“ Wahrscheinlich ist es tatsächlich so, dass Netzer die TV-Bühne nicht vermissen wird. Es ist wohl eher umgekehrt so, dass die meisten TV-Zuschauer den Experten Netzer vermissen werden.

Von Michael Rossmann, dpa

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