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Verbände hätten Wüsten-WM verhindern können

„Die deutsche Arroganz“: Ex-Nationalspieler Träsch bewertet WM-Aus und fordert DFB-Umbruch

  • Moritz Bletzinger
    VonMoritz Bletzinger
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Die WM hätte nie nach Katar gehen dürfen, sagt Christian Träsch. Der Ex-Nationalspieler spricht über Boykott, deutsche Arroganz und fordert die „One Love“-Binde auf der Tribüne.

München/Gerolfing – Christian Träsch ist ehemaliger Nationalspieler und war als Profi in den Emiraten (zwei Jahre bei Al-Wasl). Er sagt, die Verbände hätten die Katar-WM boykottieren sollen, Deutschland ist an der eigenen Arroganz gescheitert und Jürgen Klopp wäre für ihn als Nationaltrainer eine Fehlbesetzung. Außerdem erzählt Träsch, wie er beim FC Gerolfing ein Flüchtlingskind kennenlernte. Dem Jungen gibt er jetzt Einzeltraining und hofft für ihn auf eine große Karriere.

Kritischer Blick: Christian Träsch befürwortet Protest gegen Katar und hadert mit dem deutschen Team.
Hallo Herr Träsch, eine grundlegende Frage vornweg. Schauen Sie die WM?
Ja, bei uns läuft der Fernseher. Den Boykott hätte man schon vor zehn Jahren angehen müssen.
Wie meinen Sie das?
Es war ein Fehler, die WM nach Katar zu geben. Damals wollte die FIFA sogar noch eine Sommer-WM abhalten. Im Sommer kann man in den Golfstaaten nicht mal in den Pool. Es ist so heiß, dass Kinder ab April in der Schule nicht mehr nach draußen dürfen. Da sieht man schon, dass da jemand nicht nachgedacht hat.
Sie sehen das Turnier auch kritisch?
Absolut. Ich habe viel über die Menschenrechtsverletzungen gelesen. Es ist nicht in Ordnung, dass Menschen sterben, damit wir eine schöne WM haben. Die Verbände hätten sich gegen dieses Turnier stellen sollen.
Hätten sie die Katar-WM verhindern können?
Ja! Sie hätten es schaffen können, aber vor zehn Jahren. Warum haben sie sich nicht zusammengetan? Wenn die europäischen Nationen gesagt hätten: Wir spielen da nicht mit – das hätte etwas bewirkt. Die FIFA hätte nicht Deutschland, Holland und Frankreich zu Hause gelassen.
Das Verbot der „One Love“-Binde war der Aufreger zu WM-Start. Dagegen hat auch die deutsche Mannschaft protestiert. Wie wären Sie als Spieler damit umgegangen?
Ich finde es gut, dass die Mannschaft ein Zeichen gesetzt hat, aber man darf das nicht auf die Spieler abwälzen. Das sind Sportler, die ein Leben lang dafür gekämpft haben, zu einer WM zu fahren. Manche erleben das nur einmal. Die Funktionäre hätten Zeichen setzen müssen, sich mit der „One Love“-Binde auf der Tribüne zeigen.
Die deutsche Mannschaft protestiert in Katar: Christian Träsch sagt, die Zeichen hätten andere setzen müssen
Sportlich hat Deutschland dann ein Debakel erlebt. War die Mannschaft wirklich so schlecht?
Nein, die Entscheidung in der Gruppe war eng. Aber das Deutschland, das man von früher kennt, gibt es nicht mehr. Es fehlt, dass jeder über das ganze Spiel für den anderen rennt. Man hat keine Sicherheit gespürt. Auch nicht, wenn die Mannschaft vorne lag. Gerade dann haben es die Spieler schleifen lassen.
Die deutschen Spieler haben es zu locker genommen?
Mir ist eine Szene gegen Japan im Kopf geblieben: Rüdiger rennt überheblich im Sprintduell, hat den Oberkörper nach hinten und wirft die Beine in die Luft. Wenn Deutschland in Führung war, hatte man das Gefühl, sie spielen mit der Einstellung: Was soll schon passieren? Das ist die deutsche Arroganz. Ein bisschen davon kann man sich erlauben, aber es darf nicht Überhand nehmen.
Die Außenverteidiger wurden als Schwachstelle ausgemacht. Unterschreiben Sie das als gelernter Defensivspieler?
Nein, verteidigen muss jeder. Das fängt vorne an, da braucht man zehn Spieler. David Raum ist zum Beispiel sehr offensiv eingestellt, wenn hinter ihm eine Lücke entsteht, ist das nicht sein Fehler.
Trotzdem war Deutschland hinten schon einmal besser aufgestellt …
Ja, aber einen neuen Philipp Lahm wird es nicht geben. Schlecht sind die aktuellen Spieler nicht. Die Wahrnehmung muss sich da ändern. Thilo Kehrer hat gegen Spanien ein gutes Spiel gemacht und die meisten seiner Duelle gewonnen, im Kopf bleiben aber nur die drei verlorenen.
Christian Träsch (Mitte) bildete zehnmal die defensive Flügelzange der Nationalmannschaft gemeinsam mit Philipp Lahm.
Was war dann der Stolperstein für die deutsche Mannschaft?
Das waren die einfachen Fehler. Es ist einfach eine Kopfsache bei uns. Die Qualität ist definitiv da, der Wille hat gefehlt. Und außerdem die Effizienz.
Auf dem Papier war es Japan. Sind Sie überrascht vom Underdog?
Nicht wirklich. Es gibt keine schlechten Mannschaften mehr, selbst in der Kreisliga nicht. Die stellen sich zu zehnt hinten rein und haben vornen einen schnellen Mann.
Was muss sich ändern?
Es ist längst überfällig, dass der DFB alles auf links krempelt. Der Rücktritt von Oliver Bierhoff ist wahrscheinlich der richtige Schritt. Das ist wie in jeder Firma, in der es schlecht läuft. Bierhoff hat viel für den deutschen Fußball geleistet, wurde Weltmeister. Es war nicht alles schlecht, aber er wird daran gemessen, was jetzt ist.
Und Hansi Flick?
Ich würde den Trainer nicht wechseln. Hansi Flick ist sehr sympathisch und sehr nahbar. Er hat beim FC Bayern unglaublich gute Arbeit geleistet. Er ist jetzt erst seit 16 Monaten im Amt, ich würde ihm auf jeden Fall noch Zeit geben. Außerdem gibt es gar keinen besseren Trainer auf dem Markt.
Viele Fans träumen von Jürgen Klopp ...
Ich sehe Jürgen Klopp überhaupt nicht als Nationaltrainer. Ihn will man jede Woche sehen, wie er die Außenlinie hoch und runterrennt und sich auch mal mit dem gegnerischen Trainer anlegt. Mir würde das in der Nationalelf nicht gefallen. Jürgen Klopp ist ein super Trainer, aber für mich passt er viel besser ins Vereinsleben.
Ex-Profi in der Kreisliga: Christian Träsch spielt seit Februar 2022 beim FC Gerofling.
Apropos Vereinsleben: Sie spielen beim FC Gerolfing in der Kreisliga und haben im Sommer am Aufstieg gekratzt. Jetzt steht ihr Team im Mittelfeld der Tabelle. Zufrieden?
Ich bin sogar sehr zufrieden mit der Vorrunde. Wir hatten vor der Saison elf Abgänge, das musst du erstmal kompensieren. Wir sind froh, dass wir nichts mit dem Abstieg zu tun haben, das werden schöne Spiele im neuen Jahr.
Sie waren selbst bislang bei nur sieben Spielen dabei. Warum?
Ich hätte gerne mehr gespielt, aber ich habe schulpflichtige Kinder und war deshalb fast den ganzen Sommer nicht da. Die Saison fängt eine Woche vor den Sommerferien an, das verstehe ich nicht. Die Ansetzung vom BFV ist kompletter Quatsch. Das muss der Verband familienfreundlicher gestalten.
Für die Amateure ist jetzt Winterpause. Wie nutzen Sie die fußballfreie Zeit?
Fußballfrei ist sie bei mir nicht. Ich habe zum Glück einen Jungen bei uns im Verein kennengelernt. Er ist ein Flüchtlingskind, unglaublich talentiert und wechselt jetzt zum FC Ingolstadt. Wir trainieren zusammen, das macht großen Spaß mit ihm. Er schreibt mir sehr oft, ob ich Zeit habe. Diese Energie und Spaß am Fußball – das ist toll.
Wie haben Sie ihn kennengelernt?
Er ist 13 Jahre alt und hat bei der zweiten Mannschaft mittrainiert. Da habe ich dann auch vorbeigeschaut. Er hat eine unglaubliche Statur, ist fast so groß wie ich.
Sie bereiten ihn auf den Schritt nach Ingolstadt vor. Gibt es über den Winter Einzeltraining auf Kunstrasen?
Einen Kunstrasen hat der FC Gerolfing nicht. Aber wir sind ein kleines Dorf, da kann man auch mal auf der Straße kicken. Oder eben im Garten. Der Wechsel nach Ingolstadt hängt gerade noch an der Spielerlaubnis. Der Junge hat leider keine Eltern mehr, deshalb ist das mit dem Passantrag super kompliziert. Aber das bekommen wir alles hin.

Das Interview führte Moritz Bletzinger

Rubriklistenbild: © Martin Hoffmann/Imago

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