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Urteil im Prozess um Insolvenzvergehen

Boris Becker schuldig gesprochen - aber er könnte dem Gefängnis doch noch entgehen

08.04.2022, Großbritannien, London: Boris Becker, ehemaliger Tennis-Profi aus Deutschland, verlässt den Southwark Crown Court. Im Londoner Strafprozess gegen Boris Becker haben die Geschworenen den deutschen Ex-Tennisstar in mehreren Anklagepunkten für schuldig befunden
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08.04.2022, Großbritannien, London: Boris Becker, ehemaliger Tennis-Profi aus Deutschland, verlässt den Southwark Crown Court. Im Londoner Strafprozess gegen Boris Becker haben die Geschworenen den deutschen Ex-Tennisstar in mehreren Anklagepunkten für schuldig befunden

Die Londoner Geschworenen haben ihr Urteil über Ex-Tennis-Star Boris Becker gefällt. Dem 54-Jährigen wurde vorgeworfen, in seinem Insolvenzverfahren Vermögen verschleiert zu haben.

  • Die Geschworenen haben Boris Becker im Londoner Strafprozess in vier Anklagepunkten schuldig gesprochen.
  • Der 54-Jährige habe seinem Insolvenzverwalter Teile seines Vermögens vorenthalten, entschied die Jury am Freitag.
  • In 20 Punkten wurde er für nicht schuldig befunden.
  • Becker könnte theoretisch eine Haftstrafe drohen.
  • Strafmaß soll am 29. April 2022 verkündet werden.

„Schuldig“ in vier Anklagepunkten

Nach zähen Stunden des Wartens auf den zugigen Fluren des Southwark Crown Court ging dann auf einmal alles ganz schnell. Einer der Geschworenen im Londoner Strafprozess gegen Boris Becker erhob sich und ratterte im Sekundentakt die einstimmige Entscheidung der Jury in 24 Punkten der Anklage herunter. Viermal lautet das Urteil: „schuldig“. Die Laienrichter sind überzeugt: Der Ex-Tennisstar hat Teile seines Vermögens im Insolvenzverfahren bewusst nicht vollständig angegeben. Nach Ansicht der Jury hat er unter anderem eine Immobilie in Leimen verschleiert und unerlaubterweise hohe Summen auf andere Konten überwiesen.

Nur wenige Zentimeter trennten Boris Beckers Gesicht von der Glasscheibe, vor der die Worte gesprochen wurden, die über seine Zukunft entscheiden. Der junge Mann, der im Namen der gesamten Jury das Urteil verkündete, trug ein schwarzes T-Shirt, Becker Nadelstreifenanzug. Das Gesicht des Ex-Profis war gerötet, der Blick fest nach vorn gerichtet.

Berufsrichterin legt am 29. April Straßmaß fest - Haft ist möglich

Theoretisch drohen Becker jetzt bis zu sieben Jahre Haft. Ob er tatsächlich hinter Gittern landet, entscheiden nicht die elf Geschworenen, sondern die Berufsrichterin. Bis zum 29. April geht das große Zittern weiter, dann will Richterin Deborah Taylor ihr Strafmaß verkünden. Becker kann danach noch immer Einspruch einlegen - sowohl gegen den Schuldspruch als auch gegen das Strafmaß.

Die Anklage hatte Becker in 24 Anklagepunkten vorgeworfen, in seinem Insolvenzverfahren Teile seines Vermögens - darunter Immobilien, Konten und einige der wichtigsten Trophäen seiner Karriere - verschleiert zu haben und die Schuld seinen Beratern zuzuschieben, die sich ihm zufolge um seine Finanzen gekümmert haben. Becker selbst stritt die Vorwürfe ab. Sein Verteidiger erklärte, sein Mandant sei zwar naiv, aber unschuldig. Es sei kein Verbrechen, sich auf Berater zu verlassen. In 20 von 24 Punkten folgte die Jury dieser Argumentation.

Doch der Schuldspruch in vier Punkten könnte ausreichen, um Beckers Leben zu verändern. „Diese Verurteilung ist eine klare Warnung für diejenigen, die glauben, sie könnten ihr Vermögen verbergen und damit davonkommen. Sie werden ermittelt und strafrechtlich verfolgt“, heißt es von der Insolvenzbehörde.

Staatsanwältin zufrieden mit Jury-Urteil gegen Becker

Auch Staatsanwältin Rebecca Chalkley, die den Angeklagten im Prozess scharf angriff, zeigte sich erleichtert. Ob sie zufrieden damit sei? „Ja, bin ich“, sagte sie auf Nachfrage und nickt lächelnd. Für Chalkley gehen Tage zu Ende, die zuletzt fast ausschließlich aus Warten bestanden. „Daran gewöhnt man sich nie, egal, wie oft man es macht“, gab sie im Laufe der Woche zu. Seit Mittwochnachmittag hatten die Geschworenen diskutiert, allen anderen blieb nichts anderes übrig, als auf das ersehnte Lautsprechersignal zu warten. Lediglich die Farbe der Anzüge von Boris Becker wechselte noch, Mittwoch schwarz, Donnerstag graublau, Freitag dunkelblau.

Nach dem Urteil blieb Becker, der tagein tagaus draußen Blitzlichtgewitter über sich ergehen ließ, schmallippig. Auf Reporterfragen antwortete er nicht. Seine Strategie, sich auf seinen Namen und die Erfolge seiner Vergangenheit zu verlassen, ist vorerst ans Ende gekommen. Auf dem schnellsten Wege machte er sich am Freitagnachmitag mit seiner Freundin und seinem Sohn Noah im Taxi auf den Weg. Beide hatten ihn in den Tagen des Zitterns im Gericht unterstützt und mit ihm stundenlang ausgeharrt.

Eine Zigarette vor dem Eingang oder ein Sandwich vom Gerichtskiosk im Erdgeschoss - mehr Abwechslung gab es zuletzt nicht im Leben des einst so glamourösen Stars, der sich sonst eher in den nobleren Vierteln der Metropole aufhält. Wenige Minuten bevor er über die Lautsprecher zur Urteilsverkündung in den Saal gerufen wurde, saß der Wahl-Londoner noch auf einem Stuhl am Ende eines Flures, die Augen geschlossen und die Beine auf den fleckigen, roten Teppichboden ausgestreckt.

Tennis-Urknall mit 17 Jahren

Als Boris Becker am 7. Juli 1985 auf dem Centre Court von Wimbledon den deutschen Tennis-Urknall inszenierte, schien der Weg zum ewigen Wohlstand geebnet. Sein Manager Ion Tiriac war der beste im Business. Große Firmen rissen sich damals um den mit 17 Jahren jüngsten Sieger aller Zeiten beim wichtigsten Turnier der Welt.

ARCHIV - Der deutsche Tennisspieler Boris Becker hechtet am 30.06.1985 während des Turniers in Wimbledon nach einem Ball. Als jüngster Spieler und erster Deutscher überhaupt gewann der ungesetzte Boris Becker am 07.07.1985 gegen Curren in vier Sätzen das Wimbledon-Finale.

Im Team mit dem cleversten Dealer in der Tennis- und Sportindustrie

Tiriac, einer der cleversten Dealer in der Tennis- und Sportindustrie, ist heute einer der reichsten Bürger Rumäniens. Sein Firmenkonglomerat hat Milliardenwert. Aber während Tiriac nach dem Ende der Allianz mit dem Jungen aus Leimen weiter wuchs als Unternehmer und sein Imperium festigte, wurde Beckers Lage schwer und schwerer. Heute, gut 30 Jahre nach der Trennung von Tiriac, kann man Becker in Werbespots beobachten, in denen er etwas schal über Kreditvergaben spricht.

Was ist bloß schief gelaufen im Hause Becker?

Was ist bloß schiefgelaufen mit und bei Becker bis zu diesen Tagen im März und April 2022, in denen er sich vor einem Londoner Gericht zu verantworten hatte und sogar eine Gefängnisstrafe befürchten muss? Tiriac, der einstige Manager, kann jedenfalls kaum glauben, wohin Beckers Weg führte: „Er hätte zu einem der reichsten Sportler werden können, ja müssen“, sagt der Impresario, „aber er hat nicht mehr auf die Leute gehört, die das Richtige für ihn wollten.“ Tatsächlich hatte Becker in seiner Karriere nur zwei Berater von Format, die ihm kompetent zur Seite standen – Tiriac und später der (inzwischen verstorbene) Münchner Anwalt Axel Meyer-Wölden.

Vor Gericht in London hatte Beckers Verteidigungstruppe in den letzten Wochen eine simple Strategie entwickelt: Der sechsmalige Grand SlamChampion sei in Finanzfragen gewissermaßen unmündig, sein Anwalt Jonathan Laidlaw präsentierte im Schlußplädoyer den einprägsamen Satz, der alte Champion sei „hoffnungslos mit Geld.“ Becker habe über Vermögen, Konten, die Gegenstände im Insolvenzverfahren nichts Genaues gewusst.

Boris Becker und Lilly haben sich getrennt

Neun Jahre hat die Ehe von Boris und Lilly Becker gehalten. Foto: Rolf Vennenbernd
Boris Becker und seine Frau Lilly waren 13 Jahre zusammen. Foto: Georg Wendt
Ein Liebesschloss, das Lilly Becker 2014 an der Kölner Hohenzollernbrücke angebracht hat. Foto: Rolf Vennenbernd
Ein glücklicher Tag - damals: Boris und Lilly Becker am 12.06.2009 nach ihrer standesamtlichen Trauung im Schweizer Segantini Museum. Foto: Arno Balzarini
Boris Becker und Lilly haben sich getrennt

Nach seiner Karriere wollte sich Becker von seinem vorherigen Leben emanzipieren und „anerkannt werden als jemand, der mehr kann.“ Doch bereits eines der ersten Projekte, das Internetportal „Sportgate“, scheiterte.

2003 Prozess in München wegen Steuerhinterziehung

Schon 2003 bekam sein Image einen heftigen Kratzer ab, als es in München wegen Steuerhinterziehung „Die Bundesrepublik Deutschland gegen Boris Franz Becker“ hieß. Die jahrelangen Auseinandersetzungen mit den Finanzbehörden fanden ein glimpfliches Ende für den einstigen Weltranglisten-Ersten, er kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Kurios genug, dass er das relativ milde Urteil einem gewissen Hans-Dieter Cleven zu verdanken hatte, dem früheren Generaldirektor der Schweizer Metro-Holding und Vermögensverwalter der milliardenschweren Beisheim-Gruppe. Nur zur Erinnerung: Cleven ist inzwischen der größte Gläubiger im Insolvenzverfahren gegen Becker. Seine Forderungen beliefen sich auf bis zu 35 Millionen Euro.

ARCHIV - Ex-Tennisprofi Boris Becker (r) plaudert 2012 mit seinem ehemaligen rumänischen Trainer Ion Tiriac (l) während eines Halbfinales der French Open.

Über die gut 20 Jahre von Beckers Leben nach den Centre Court-Duellen verfestigte sich ein Befund: Je weiter er sich vom Tennissport entfernte, umso schwieriger wurde es für ihn. Blieb er auf dem Terrain, in dem er einst der Beste war, feierte er immer noch Erfolge. Als TV-Experte, Trainer des Weltranglisten-Spitzenreiters Novak Djokovic oder als Teamchef im deutschen Männertennis sammelte er Pluspunkte.

„Wenn er zehn Millionen für ein Ziel braucht, dann werde ich sie ihm geben.“

Ion Tiriac

Gleichzeitig häuften sich die Verbindlichkeiten, die Zahlungen an seine früheren Gemahlinnen, der Unterhalt für die Kinder. Berater kamen und gingen, sein aktueller Rechtsbeistand Laidlaw erklärte im Gerichtssaal, keiner der ehemaligen Partner sei eine Hilfe gewesen. Wobei das auch und besonders auf jene Wochen zutrifft, die der Eröffnung des Insolvenzverfahrens 2017 folgten. Da hatte Beckers Team die Idee, die drohende Zwangsvollstreckung mit diplomatischer Immunität abzuwenden – sein Pass als Sonderattaché für Sport und kulturelle Angelegenheiten der Zentralafrikanischen Republik stellte sich allerdings als Luftnummer heraus.

Im Gerichtssaal war bei Becker auch nichts mehr von jener Laissez-Faire-Haltung zu spüren, mit der er jahrelang über Fehlschläge hinweggegangen war. Meist saß er angespannt da. „Ich habe vieles probiert, vieles hat auch geklappt, anderes nicht. Wem geht das nicht so“, hatte Becker vor ein paar Jahren einmal seinen Kritikern gesagt, „nur wird das bei Becker gleich zum Drama gemacht, zum Scheitern überhaupt. Bei mir geht es nur um Triumph und Tragödie.“

Tiriac übrigens, der ehemalige Wegbegleiter, hatte Becker schon vor Jahren Hilfe angeboten und ihm einen Rettungsanker zugeworfen: „Wenn er zehn Millionen für ein Ziel braucht, dann werde ich sie ihm geben.“

(Jörg Allmeroth/MZV und dpa)

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