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Die „Hölle des Südens“ ist am Abgrund

Abstieg des Champions TSV Wasserburg: Wie geht es weiter beim FC Bayern des Frauen-Basketballs?

Selfie vom letzten Wasserburger Meisterteam im Jahr 2017.
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Selfie vom letzten Wasserburger Meisterteam im Jahr 2017.
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  • Hans-Jürgen Ziegler
    Hans-Jürgen Ziegler
  • Leon Simeth
  • Thomas Neumeier
    Thomas Neumeier

Eine Ära geht zu Ende – nach über 20 Jahren in der Damen-Basketball-Bundesliga mit elf Meisterschaften und acht Pokalsiegen verpasst der TSV Wasserburg den Klassenerhalt und steigt in Liga zwei ab. Das sind die Stimmen dazu und die Zukunftsaussichten.

Wasserburg – Und plötzlich ist alles vorbei: Mehr als 20 erfolgreiche Jahre im Oberhaus des deutschen Damen-Basketballs sind für den TSV Wasserburg bitter zu Ende gegangen. Erst musste man am Samstag in Frankfurt die Entscheidung hinnehmen, dass es bei vier Absteigern aus der 1. Bundesliga bleibt und die Innstädterinnen damit den Gang nach unten antreten müssen. Und dann stemmten sich fünf wackere Kämpferinnen im letzten Saisonspiel in Hannover den Gastgeberinnen entgegen und hätten bei der 86:93-Niederlage beinahe noch Punkte mitgenommen.

Mit dem Abstieg des TSV Wasserburg ist aber eine Ära zu Ende gegangen. 2001 in die Bundesliga aufgestiegen, gehörten die Damen vom Inn zu den Dominatoren des deutschen Damen-Basketballs in diesem Jahrhundert. Insgesamt stehen elf Meistertitel – der erste 2004, der letzte 2017 – sowie acht Siege im DBBL-Pokal (der letzte 2018) zu Buche. Es bleiben die Erinnerungen: An die Anfangsjahre, als rotgekleidete Anhänger die Badria-Halle in den Play-offs zur „Hölle des Südens“ machten, an spannende Duelle um Meisterschild und Pokale und an glanzvolle Spielerinnen, sei es aus dem eigenen Nachwuchs wie Anne Breitreiner und Svenja Brunckhorst, oder aus dem Ausland wie Mirka Jarchovska, Wanda Guyton, Diana Pop, Emma Cannon, Shey Peddy, Kelly Moten oder Rebecca Thoresen.

Aufschwung unter Rebecca Thoresen

Letztere war auch beim Abschied aus der 1. Bundesliga beteiligt. Als Interimstrainerin hatte Thoresen noch einmal für einen Aufschwung gesorgt, konnte den Punkterückstand in der Tabelle aber nicht mehr wettmachen. „Wir haben vier Spiele am Stück gewonnen, das haben wir davor in der ganzen Saison nicht geschafft. Und wir haben auch oft nur sechs oder sieben Spielerinnen zur Verfügung gehabt. Daher bin ich sehr stolz auf die Mädels, die letzten Wochen waren wirklich gut. Aus meiner Rolle sehe ich die vergangenen Wochen nur positiv“, sagt Thoresen. „Ich bin Rebecca sehr dankbar. Sie hat alleine durch ihre Persönlichkeit viel erreicht und das Team aufgeweckt“, sagt Gabi Brei, eine der Macherin der großen Wasserburger Ära.

Ex-Abteilungsleiterin Gabi Brei ist sauer

Die frühere Abteilungsleiterin zeigte sich „sauer, was aus unserer Arbeit gemacht wurde.“ Sie habe im Sommer bei der Kaderzusammenstellung mitgeholfen. „Und mit dieser Mannschaft war wesentlich mehr möglich. Sie hat gegen den Ersten gewonnen, gegen den Tabellendritten gewonnen. Die hätten niemals absteigen dürfen“, findet sie.

„Ich glaube, man hat gesehen, dass wir Spielerinnen die letzten Wochen wirklich alles dagegen gestemmt haben, um mir einem positiven Gefühl rauszugehen. Wir wollten nach dem Trainerwechsel alles rausholen, was möglich war“, erklärt Spielerin Levke Brodersen. Ihre Teamkollegin Sophie Perner bestätigt: „Wir wollten unser Bestes geben und die Saison bestmöglich beenden, da alles andere nicht mehr in unserer Macht stand. Wir haben die letzten Spiele auch gut und erfolgreich gespielt. Es geht eine große Ära zu Ende. Ich muss das erst einmal verdauen und habe es auch noch nicht wirklich realisiert.“

Svenja Brunckhorst war in der Halle

Dass die Mannschaft durchaus leistungsfähig war, bestätigt auch die frühere Meisterspielerin Svenja Brunckhorst, die mittlerweile in Hannover lebt und beim Spiel am Sonntag in der Halle war. „Respekt an die Mannschaft. Auch mit der Nachricht, dass sie schon abgestiegen sind, dann noch so einen Fight zu leisten – die fünf Spielerinnen haben sich wirklich nichts vorzuwerfen.“ Brunckhorst war dann auch nach dem Spiel noch mit dem Team zusammengesessen. „Für mich persönlich ist das ein trauriger Tag.“ Sie hofft auf bessere Zeiten in der Innstadt, „dass es zukünftig hohes Basketball in der Region gibt. Das war auch, wieso ich so erfolgreich geworden bin.“

Anne Breitreiner: „Kaum zu glauben“

Eines dieser Vorbilder war Anne Breitreiner, ein Eigengewächs, das sich zur Meister- und Nationalspielerin entwickelte: „Die bedauerliche Nachricht ist für mich kaum zu glauben. Das Lebenswerk von Gabi und Hans Brei, das sie mit Leib und Seele aufgebaut haben, geht zu Ende.“ Sie erinnert sich an die glorreichen Zeiten, „als die Halle fast auseinandergeplatzt ist. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, als wir damals in die 1. Bundesliga aufgestiegen sind und den ersten Meistertitel geholt haben. Ich hatte das große Glück, genau in dieser Zeit hineinzuwachsen, das war mein Sprungbrett für eine internationale Karriere. Seit damals prägt das Damen-Basketball das ganze Stadtbild. Wasserburg war mein Sprungbrett für meine internationale Basketball-Karriere.“

Anja Sattler: „Trifft mit mitten ins Herz“

Rot war Trumpf in der Wasserburger Badria-Halle nach dem ersten deutschen Meistertitel 2004.

Als erste Wasserburger Mannschaftsführerin hatte Anja Sattler 2004 den Meisterschild in der Hand. „Die Nachricht über den Abstieg trifft mich mitten in mein Basketballherz. Bis zuletzt hatte ich gehofft, dass der TSV in der 1. Liga bleibt, zumal die Wasserburgerinnen um Rebecca Thoresen – wir sind immer noch Ü40-Teamkolleginnen – sich bis zum Schluss gegen den Abstieg gewehrt hatten. Es erinnert mich ein bisschen daran, als das Eishockeyteam der Starbulls Rosenheim sich im Jahr 2000 aus der DEL zurückziehen musste. Da trauert nicht nur der Verein, da trauert eine ganze Stadt und weit über dessen Grenze hinaus“, sagt Sattler. Und weiter: „Die Wasserburger Basketballdamen waren viele Jahre ,die‘ Hochburg des Frauen-Basketballs. Dass hier nun in der 2. Liga weitergemacht werden soll, ist momentan schwer zu begreifen.“

Kapitänin Anja Sattler nach der Meisterschaft 2006.

„Ich habe die letzten Spiele der Mannschaft mit Emotionen verfolgt und mich über die in dieser Zeit erzielten Siege sehr gefreut“, sagt die einstige Top-Spielmacherin Diana Pop. „Ich bewundere die Leidenschaft, die sie bis zum Ende ins Feld gezogen haben und nutze die Gelegenheit, meiner ehemaligen Teamkollegin Rebecca und ihren Spielern zu ihrem voller Kampfgeist und Charakter zu gratulieren. Schade, dass dies nicht genug war und die Mannschaft absteigen wird!“

„Eine starke Basketball-Familie

„Sehr bedauerlich“, findet Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl den Abstieg der Basketballerinnen. „Jetzt hat die fast unendlich wirkende Erfolgsgeschichte einen Dämpfer erhalten“, sagt er. Kölbl hat die Bundesliegateams in den vergangenen 20 Jahren intensiv begleitet. In seinem Amtszimmer hütet er den Ball, mit dem die Frauen 2004 zum ersten Mal die deutsche Meisterschaft gewonnen haben, wie einen wertvollen Schatz. Keine andere Gruppe hat sich nach seinen Angaben so oft im Goldenen Buch der Stadt eintragen dürfen wie die Basketballerinnen. Kölbl unterstreicht die große Bedeutung der Basketballerinnen für die Sportstadt Wasserburg. Die erfolgreichen Mannschaften aus der ersten Bundesliga hätten Wasserburg in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt gemacht. Die Sportlerinnen seien große Vorbilder, vor allem bei der Jugend. Der Rathauschef hofft jetzt, dass es gelingen wird, in der zweiten Liga Fuß zu fassen. Doch auch sie gehöre zum Profisektor, auch hier müsse die Finanzierung geregelt werden. „Gemeinsam mit dem Fanclub habe sich eine starke Basketball-Familie entwickelt, die auch jetzt nach dem Abstieg hinter dem Verein stehe“, versichert Kölbl.

Nun geht es also um den Verbleib in der 2. Bundesliga. Wieder mit „Bec“ Thoresen als Coach? „Dass ich als Trainerin übernommen habe, habe ich wirklich sehr genossen und es ist besser gelaufen, als ich es mir vorgestellt habe. Alleine könnte ich das nicht noch einmal machen. Und der Aufwand ist in der 2. Liga auch nicht unbedingt weniger. In einem Coaching-Team kann ich es mir auf jeden Fall vorstellen.“

„Mal sehen was sich im Sommer tut“

Vielleicht ist auch Levke Brodersen mit an Bord: „Ich bin mit ganz anderen Ambitionen nach Wasserburg gekommen, aber ich fühle mich hier super wohl. Die Gespräche werden in den nächsten Wochen laufen und dann werde ich eine Entscheidung treffen. Wenn man hier einen Neustart plant und dann das Team und das Konzept stimmen, kann ich mir das schon vorstellen.“ Teamkollegin Sophie Perner wartet die Entwicklung ebenfalls ab: „Ich weiß ich noch nicht, ob ich in Wasserburg bleibe. Die Entscheidung wird im Laufe des Sommers fallen, je nachdem was sich auch in Wasserburg tut.“

Anne Breitreiner mit dem Meisterschild 2014.

Es muss und wird sich auf alle Fälle etwas tun. Die Abteilungsleitung muss sich neu formieren, ein Finanzplan aufgestellt werden. Auch Gabi Brei würde eine Hilfe nicht verwehren. „Wenn ich gefragt werde, würde ich als Beraterin mithelfen. Aber von Anfang an und nicht erst, wenn es zu spät ist.“ Svenja Brunckhorst hofft auf eine „klare Linie“ in Zukunft. Und auf eine Verbesserung der Nachwuchsarbeit. „ Ich hatte damals Vorbilder und wollte unbedingt genauso werden.“

„Ich würde mir von Herzen wünschen, dass wieder auf eine Erstliga-Mannschaft hingearbeitet wird. Vielleicht kann eine neue Welle wie damals losgetreten werden“, hofft Breitreiner. „Ich denke, dass ein Wiederaufstieg in die 1. Liga nur eine Frage der Zeit ist. Ich schätze den Verein sehr und wünsche mir, dass es möglich ist, ein tolles Team in die 2. Liga zu schicken, welches diese tolle Basketballstadt weiterhin begeistert. Wasserburg lässt sich nicht so leicht unterkriegen“, glaubt Anja Sattler.

Den Niedergang akzeptieren

„Der Niedergang nach langem Erfolg ist ein natürlicher Vorgang und nach den Triumphen der letzten 20 Jahre müssen wir ihn jetzt akzeptieren. Generell wird der Spitzensport immer professioneller und das erfordert eine andere Herangehensweise als bisher“, stellt Diana Pop fest. Als ich 2003 hierher kam, war das Team auf einer Basis aufgebaut, die hauptsächlich Wasserburg und der Region gehörte. Wir haben jedoch festgestellt, dass dies im Laufe der Zeit an Relevanz verloren hat.“ Sie sagt: „Mit der richtigen Leidenschaft, Weisheit und dem Management, alles kombiniert in einem geeigneten Programm, kann die Motivation den Basketball-Enthusiasmus unter den Jugendlichen steigern und fördern.“ Und sie ruft aus: „Ich wünsche Wasserburg: Nutze diese Chance und sei wieder großartig!“

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