1860-RÜCKKEHRER GORENZEL ÜBER SEINE AMBITIONEN ALS SPORTCHEF – UND DIE PERSPEKTIVEN DER AKTUELLEN MANNSCHAFT

„Das Limit setzt sich jeder selbst“

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München – Den angebotenen Cappuccino lehnt Günther Gorenzel, 46, ab.

Ungewöhnlich für einen Österreicher, doch das Geringschätzen der Kaffeehauskultur ist nicht das einzige, das den Kärntner von vielen seiner Landsleute unterscheidet. „Ich habe nur einen österreichischen Reisepass“, sagt er entschuldigend: „Ich fühle mich der deutschen Mentalität eher verbunden.“ Und ganz speziell fühlt sich Gorenzel dem TSV 1860 verbunden, denn bereits zum dritten Mal hat er sich auf ein Engagement beim Giesinger Traditionsklub eingelassen. Beim ersten Mal (2006 – 08) war er Co-Trainer von Walter Schachner und Marco Kurz. Beim zweiten Mal war er Cheftrainer der wichtigsten Juniorenteams (2014 – 16). Jetzt ist Gorenzel Sportchef mit dem Fokus auf die Regionalliga-Mannschaft, der er einiges zutraut, wie er im Interview verrät.

-Herr Gorenzel, der TSV 1860 gilt als Klub, der das Chaos anzieht. Sie aber scheinen trotz des Doppelabstiegs gerne zurückgekommen zu sein. Ist denn alles so wie erwartet?

Ich muss sagen, die Professionalität, wie der Trainer und sein Team hier arbeiten, ist auf höchstem Level – und ich war schon bei vielen Vereinen. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Mannschaft Tabellenführer ist. Wenn man das Rad zum Schwarzen Freitag zurückdreht, hätte man die aktuelle Situation sicher gerne genommen.

-Wie kam denn jetzt der Kontakt zustande?

Ich habe ja Daniel Bierofka schon als Spieler trainiert. Und später habe ich auch im Jugendbereich bei der U 21 mit ihm zusammengearbeitet. Das hat sehr gut funktioniert. Wir verstehen uns zu 100 Prozent, fachlich und menschlich. Wir kommen beide über die akribische Arbeit, wollen gemeinsam etwas für 1860 bewegen. Für mich war klar, dass ich das machen will, als der Anruf kam. Der Klub fasziniert mich einfach.

-Sie sind seit 20 Jahren im Profifußball unterwegs, waren unter anderem Chef-, Co- und Juniorentrainer, Sportchef, zuletzt auch in leitender Funktion beim Kärntner Verband. Wo sehen Sie selbst Ihre größten Stärken?

Komplexe Dinge zu analysieren und in einen inhaltlich nachvollziehbaren Plan zu bringen. Das war auch immer meine Rolle in den Trainerteams. Und im Management. Die Herangehensweise ist für mich immer die gleiche.

-Ihre Stationen wechseln dafür ständig. 13 unterschiedliche Arbeitgeber finden sich in Ihrer Vita.

Ich habe gelesen, dass die Haltbarkeit von Trainerteams in den großen Ligen derzeit 1,4 Jahre ist. Wenn man das auf meine 20 Jahre hochrechnet, ist das also ganz normal. Ich suche generell die Herausforderung.

-Als erste Amtshandlung nach Ihrer Rückkehr haben Sie Michael Görlitz verpflichtet, den Wunschspieler des Trainers. Zuletzt gab es auch Gerüchte um Eftan Bekiroglu vom FC Augsburg II. Können Sie das Interesse bestätigen?

Ich kann nur so viel sagen: Wir arbeiten bis Mittwoch an den Lösungen B, C und D – neben Michael Görlitz. Genauso sind aber auch noch kurzfristige Abgänge möglich.

-Die Mannschaft trat zuletzt als Einheit auf, als eingeschworenes, charakterstarkes Team. Bestätigt sich der Eindruck auch bei näherem Hinsehen?

Das ist ja zu großen Teilen eine gewachsene Mannschaft – und auch eine ihrer großen Stärken. Wenn die meisten Spieler aus einer Region kommen, tust du dich natürlich leichter. Trotzdem ist es auch spannend, unterschiedliche Mentalitäten in Einklang zu bringen, wie ich das bei Rubin Kazan erfahren durfte.

-Dem Spiel der Löwen taten zu Beginn der Saison vor allem die spielerischen Impulse von Timo Gebhart gut. Wie wichtig wäre es, dass er sich bald fit und gesund zurückmeldet?

Timo Gebhart bringt dieses gewisse Extra-Element mit – dafür stand er schon seine ganze Karriere. Er kann aus dem Nichts ein Spiel entscheiden. Mit Görlitz haben wir einen weiteren Spieler dazubekommen, der über viel Erfahrung verfügt – und über hohe individuelle Klasse. Beiden muss man Zeit geben. Aber auch ohne die beiden hat das Team viel Qualität.

-Geschäftsführer Michael Scharold hat einen Fünfjahresplan ausgearbeitet, an dessen Ende die Rückkehr in die 2. Liga stehen soll. Halten Sie das für realistisch?

Bei drei Jahren hätte ich gesagt: sehr ambitioniert. Binnen fünf Jahren müsste das aber zu schaffen sein – vorausgesetzt, das Ganze basiert auf einer wirtschaftlich seriösen Schritt-für-Schritt-Planung. Freuen würde es mich.

-Der Trainer scheint in allen Plänen eine Rolle zu spielen. Gibt es schon konkrete Überlegungen, wer Daniel Bierofka vertreten soll, wenn dessen angestrebte Ausbildung zum Fußballlehrer Präsenztage an der Sportschule Hennef erfordert?

Ich denke, ich bin nicht zuletzt hier, weil die Überlegungen da auch in meine Richtung gehen . . . Daniel und ich denken sehr ähnlich über Fußball, und ich wäre gerne bereit, ihn noch stärker zu unterstützen. Wie das dann im Detail aussehen könnte, wird man sehen. Jetzt hat er erst mal seine Bewerbungsunterlagen raufgeschickt. Das ganze Aufnahmeprozedere startet im März. Ich gehe aber davon aus, dass er sich final dafür entscheiden wird – und dann auch zugelassen wird. Als Drittligatrainer müssten sie ihn eh zulassen.

-Sie selbst sind ja auch ausgebildeter Fußballlehrer. Gibt es aus Ihrer Sicht eine maßgeschneiderte Spielphilosophie für einen Verein wie 1860?

Ich bin heute noch dankbar, dass ich 2015 die Ausbildung bei Frank Wormuth machen durfte. Das hat mich unheimlich geprägt, speziell sein Ansatz bezüglich der Variabilität. Demnach hat die größte Chance auf Erfolge derjenige, der während eines Spiels zwei-, dreimal seine Herangehensweise anpasst. Die Basis muss aber immer die Identität eines Vereins sein. 1860 ist ein Arbeiterklub – daher wäre es Schwachsinn, hier Tikitaka spielen zu lassen. Die Grundlage bei 1860 muss immer das Malochen sein. An alldem arbeitet Biero – seine Handschrift gefällt mir sehr gut.

-Gibt es eine Mannschaft in Deutschland oder Europa, die Ihre Idee von einem variablen Offensivfußball verkörpert?

Mir gefällt Atletico Madrid. Die können hoch und tief attackieren, sind stark im Umschaltfußball und haben eine Idee bei eigenem Ballbesitz. Pep Guardiola verkörpert ebenfalls diese Flexibilität. Und auch Julian Nagelsmann ist ein flexibler Trainer.

-Mit ihm haben Sie damals in Hoffenheim zusammengearbeitet…

Er war bei uns im Trainerteam. Nach dem ersten Gespräch war für mich klar, dass Julian durchstarten kann. Ich habe mich auch dafür starkgemacht, dass er in unserem Trainerteam bleibt.

-Nach eigener Aussage denken Sie 24 Stunden am Tag über Fußball nach. Schalten Sie nie ab?

Nur bei der Familie, die aber seit 2008 nicht mehr mitreist. Mein g3roßer Sohn ist 21, der kleine 14. Seit Kazan, wo es keine deutsche Schule gab, ziehe ich als Nomade herum (lacht). Von hier aus ist der Wörthersee zum Glück nicht ganz so weit wie bei einigen meiner früheren Stationen. Ich habe dort jetzt auch ein kleines Elektroboot liegen – und wenn ich damit raus aufs Wasser fahre, dann kann ich da wunderbar abschalten. Ansonsten verfolgt mich der Fußball bis in den Schlaf. Selbst im Traum schiebe ich noch die Magnete auf der Taktiktafel herum.

„Selbst im Traum schiebe ich noch die Magnete auf der Taktiktafel herum.“

-Ist Taktik denn alles im modernen Fußball?

Nicht alles, aber eine der wichtigen Säulen neben der Athletik, der Technik und der Mentalität. Wenn ich das in Balance bringe, dann hole ich das Optimale raus. Auch in unserem aktuellen Team weiß manch einer gar nicht, was alles in ihm drinsteckt. Ich sehe einige, bei denen das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Das kann theoretisch bis rauf zur Bundesliga gehen. Das Limit setzt sich jeder selbst – und ich limitiere mich nur, wenn ich nicht bereit bin, an meinen Limits zu arbeiten. Wer hätte damals gedacht, dass José Holebas mal in der Champions League aufschlagen würde?

-An wen im aktuellen Team denken Sie?

Haben Sie bitte Verständnis, dass ich keine Namen nenne, denn wenn das öffentlich wird, dann verlängert mir der Spieler nicht mehr (lacht).

-Wie wichtig wäre der Aufstieg für den Verein?

Sehr wichtig – es ist auch das finale Ziel. Das ist schon eine Herausforderung und kein Selbstläufer, als Meister über die Ziellinie zu gehen. Die Relegation hat dann Pokalspiel-Charakter.

-Wie kontraproduktiv wäre ein Scheitern für die Entwicklung des Vereins?

Ich bin davon überzeugt, dass wir eineinhalb Jahre Zeit bekommen. Wenn es bis dahin nicht klappt, könnte es sein, dass die Euphorie eventuell nachlässt. Ich glaube aber, dass die Emotionen für den Verein so stark sind, dass ein schnelles Abkühlen des Interesses unwahrscheinlich ist. 1860 ist so stark verankert hier. Ich weiß nicht, was passieren müsste, damit diese Strahlkraft verloren geht.

-Was muss passieren, dass Sie diesmal länger bei den Löwen bleiben?

Im Fußball wird es immer schwieriger, langfristig zu planen. Nach 20 Jahren im Profigeschäft habe ich mir angewöhnt, von Vorbereitung zu Vorbereitung zu denken, von Transferphase zu Transferphase. Es gibt nur ganz wenige Vereine auf der Welt, wo du in gewissen Positionen über drei oder vielleicht fünf Jahre planen kannst.

Das Gespräch führte Uli Kellner

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