Letzte Feuertaufe

Zum Abschluss der Vorbereitung unter Guardiola sind bei Bayern mehr Fragen offen als geklärt von andreas werner

München – Bei diesem Turnier, dem Audi Cup, hat, so geht die Geschichte, alles angefangen mit dem FC Bayern und Pep Guardiola. Der Trainer hat das gestern noch einmal genau erzählt, wie er damals in Diensten des FC Barcelona bei der Partie AC Mailand gegen die Gastgeber auf der Tribüne saß und dann mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge plauderte. Das Münchner Duo ließ Guardiola verdutzt zurück, als er zum Abschied meinte, er könne es sich ganz gut vorstellen, mal für den FC Bayern zu arbeiten. „Ich habe damals selbst nicht gedacht, dass es soweit kommt“, erzählt er – aber nun sitzt er hier, zwei Jahre später, als Coach des Triple-Siegers.

Für Guardiola ist das Turnier eine kuriose Konstellation – er selbst ist Titelverteidiger, weil er es mit Barca damals gewann. Nur coacht er nun den Klub, den er im Finale 2:0 schlug. Die Tore erzielte, hier schlägt das Schicksal die nächste Kapriole, Thiago Alcantara. Auch er ist inzwischen bei den Münchnern angestellt. Es wurde viel Qualität aus Katalonien importiert, dabei ist man selbst gerade Triple-Sieger geworden – nun stellt das Show-Turnier den Abschluss der Vorbereitung unter Guardiola dar, und festzuhalten ist, vielleicht doch etwas überraschend: Es sind mehr Fragen offen als geklärt.

Die Bayern haben am Wochenende sogar schon ihren ersten Titel verloren. Den Super-Cup musste man an den BVB abtreten, nun sind die Spiele heute und morgen (erst gegen den FC Sao Paulo, tags darauf entweder gegen den AC Mailand oder Manchester City) die letzte Feuertaufe, die allerletzte Möglichkeit, Stellschrauben zu drehen, ehe am Montag das erste Pflichtspiel ansteht. Das ist zwar nur die erste Pokalrunde gegen den unterklassigen BSV Rehden, aber offene Fragen sind eine Sache, die man bis zum Saisonstart geklärt haben sollte.

Guardiola hat viel ausprobiert in seinem ersten Monat, überraschend viel, obwohl er ja zu seinem Dienstantritt gesagt hatte, er werde nicht viel verändern. Nun grübelt Philipp Lahm, ob er künftig eher im Mittelfeld spielt, Javi Martinez, ob er künftig in der Innenverteidigung spielt, Mario Mandzukic, ob er überhaupt noch spielt und ein paar andere, ob sie jemals noch gebraucht werden. Eine Frage klärte der neue Trainer gestern wenigstens deutlich: David Luiz werde man dem FC Chelsea nicht abspenstig machen. „Das ist ein Gerücht aus England, daran ist nichts wahr“, sagte Guardiola, „wir haben fünf Innenverteidiger, und ich bin sehr zufrieden mit ihnen.“ Ist er das wirklich?

Das Abwehrverhalten muss besser werden, das haben die flinken Borussen am Samstag erbarmungslos offengelegt. In Guardiolas Kopf hat sich der Gedanke an ein offensiv ausgerichtetes 4-1-4-1 manifestiert, mit einem künstlerisch veranlagten Thiago oder Toni Kroos als alleinigem Abfangjäger vor der Viererkette. So eine Konstellation ist toll für die Vorwärtsbewegung – und riskant für die Defensive.

Es wird die große Frage, ob Pep Guardiola mit dem Ernstfall die Experimente abstellt – oder auf Teufel komm’ raus den Plan verfolgt, mit dem FC Bayern ein neues Kunstwerk des Fußballs zu erschaffen. Beim Audi Cup hat er das erste Mal seinen kompletten Kader beisammen, bloß Mario Götze steigt erst am Freitag ins Training ein. Franck Ribery und Manuel Neuer stehen nach leichten Blessuren wieder zur Verfügung, dazu tastet sich Bastian Schweinsteiger heran, über den Guardiola sagt, er brauche Zeit, den er aber auch „einen unglaublichen, unglaublichen Spieler“ nennt. Der Coach kann also noch einmal vieles testen gegen prominente Gegner.

Es ist ein Fußball-VIP-Treffen: Die vier Teams, die den Audi Cup unter sich ausspielen, haben insgesamt neun Mal den Weltpokal gewonnen, 15 Mal die Krone ihres Kontinents geholt und 52 Meistertitel errungen. Milan ließ zwar Mario Balotelli zuhause und Sao Paulo den suspendierten Ex-Bayern Lucio – für ein paar Geschichten ist das Turnier dennoch immer gut. Und wenn in diesem Rahmen jetzt auch noch Pep Guardiola und der FC Bayern endgültig zusammenfinden, würde das die Geschichte mit der ersten Kontaktaufnahme erst so richtig rund machen.

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