Kraftakt auf dem Damenrad

Tour de Frantz: Nicolas Frantz (vorne) galt als phänomenaler Bergspezialist; das Foto zeigt ihn in den Alpen auf dem Weg zum Col de Aravis. Eines seiner größten Rennen fuhr er aber auf flacher Strecke auf einem Damenrad. foto: witters
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Tour de Frantz: Nicolas Frantz (vorne) galt als phänomenaler Bergspezialist; das Foto zeigt ihn in den Alpen auf dem Weg zum Col de Aravis. Eines seiner größten Rennen fuhr er aber auf flacher Strecke auf einem Damenrad. foto: witters

DIE 100. TOUR DE FRANCE – EIN MYTHOS FEIERT JUBILÄUM (VII)

Der Luxemburger Nicolas Frantz krönte anno 1928 seinen zweiten Gesamtsieg mit einem kuriosen Bravourstück

von Armin GIBIS

München – Es gibt einige gute Gründe, warum die Frankreich-Rundfahrt anno 1928 mit „Tour de Frantz“ betitelt wurde. Da war zum einen die grandiose Überlegenheit des Nicolas Frantz. Der mit 80 Kilo überaus kräftig gebaute Luxemburger hatte schon im Vorjahr für Furore gesorgt, als er nach 5321 Kilometern Paris unangefochten mit 1:48 Stunden Vorsprung erreichte. Bei seiner Titelverteidigung stellte der wortkarge Pedaleur gar einen Rekord für die Ewigkeit auf. Auf allen 22 Etappen trug er das Maillot Jaune, das Gelbe Trikot. Frantz vollführte sozusagen ein Solofahrt über 5375 Kilometer, auf der er fünf Tagessiege feierte. Und dennoch bedurfte es eines kuriosen Bravourstücks, um diesen Triumph sicherzustellen.

Frantz wurde von seinen Fans bereits als kommender Tour-Sieger gefeiert, als auf der 19. von insgesamt 22 Etappen das Schicksal dem Mann in Gelb einen ganz bösen Streich zu spielen schien. Auf der holprigen Straße zwischen Metz und Charleville brach der Rahmen seines Rennrads entzwei. Da war nichts mehr zu reparieren. Was tun? Frantz schnappte sich das Damenrad einer hilfsbereiten Zuschauerin und versuchte auf diese Weise ans Ziel zu kommen. Einige Jahren zuvor noch wäre das verboten gewesen – wie Hector Heusghem feststellen musste. Auch der Belgier hatte nach einem Totalschaden das Rad gewechselt. Die Jury maßregelte ihn deshalb mit 60 Strafminuten. Ohne diese Sanktion hätte er die Tour 1922 gewonnen.

Frantzens Problem aber war, dass sein Leih-Velo viel zu klein und auch sonst völlig untauglich für die Tour war. Auf den noch vor ihm liegenden 100 Kilometern, die das nun enteilte Peloton immerhin in einem Schnitt von rund 34 km/h zurücklegte, mobilisierte der 29-Jährige seine letzten Kräfte, strampelte mit dem Mut der Verzweiflung. Im Etappenziel hatte der Luxemburger zwar 28 Minuten auf seine schärfsten Rivalen eingebüßt, aber das reichte immer noch locker, um mit 50 Minuten Vorsprung zum zweiten Mal Toursieger zu werden. Nicolas Frantz galt als phänomenaler Ausnahmekönner der 20er Jahre. Sicher eines seiner größten Rennen fuhr er auf einem Rad mit Schutzblech, Klingel und Damensattel.

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