Konsequenz eines klaren Konzepts

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Ernst Tanner wusste, dass seine Fußball-Akademie „zu den führenden in Europa“ zählt, schon lange bevor nun dieser Coup gelang, der dann auch manchen Experten verblüffte.

Red Bull Salzburg gewann die Youth League, jenes jugendliche Pendant zur Champions League, setzte sich im Finale durch gegen Benfica Lissabon, im Halbfinale gegen den FC Barcelona. Zuvor wurde schon Manchester City ausgeschaltet, Paris St. Germain, Atletico Madrid. „Dass wir gut dabei sind, war uns klar, das haben wir ja schon auf vielen internationalen Turnieren gezeigt“, sagt Nachwuchschef Tanner, den sie nun in Österreich als den Vater eines Erfolgs feiern, der als der größte gilt, den die Alpenrepublik im europäischen Vereinsfußball je erreicht hat.

Ernst Tanner, 50, hat einst 1860 München zu einer anerkannten Talentschmiede gemacht, war dann in Hoffenheim, wo er auf Ralf Rangnick traf, der ihn 2012 nach Salzburg holte. Vergangenen Montag nun durfte er reichen Lohn ernten für viereinhalb Jahre harter Arbeit, er hat, gemeinsam mit einem Stab an herausragenden Trainern, die Ausbildung bei Red Bull völlig umgekrempelt und den Anforderungen des modernen Fußballs angepasst. Natürlich sagen jetzt viele, okay, ist nicht schwer mit den Millionen aus dem Red Bull-Imperium. Da kann man leicht die besten Talente zusammenkaufen, optimale Rahmenbedingungen schaffen.

Optimale Ramenbedingungen

Das aber ist nur die halbe Wahrheit. Die 2014 in Liefering eröffnete Akademie, died mit modernsten Einrichtungen eine optimale Talentförderung ermöglicht, ist ein Prunkstück, „aber nur das Tüpfelchen auf dem i“, sagt Tanner. „Unser Erfolg ist die Konsequenz aus einem längeren Prozess.“ Ein „langfristiges Arbeiten über viele Altersstufen hinweg“, das ist sein Credo, Tanner hält es nämlich für einen gefährlichen Weg, wenn Vereine in sehr frühen Stadien sehr viel Geld für junge Spieler locker machen. „Das zerstört Mentalitäten.“

Natürlich holt auch Red Bull Talente, auch von weit her, wie Daka Patson, Torschütze gegen Barcelona und Benfica, der aus Sambia stammt. Im 18-Mann-Kader, der nun in Nyon das Finale der Youth League bestritten hat, standen aber auch elf Österreicher (zwei, die zur Stammelf gezählt hätten, fehlten sogar noch). Dazu mit Nico Gorzel ein Deutscher, der nahe der Grenze groß wurde, mit Mergim Berisha ein Albaner, der in Berchtesgaden geboren ist und wie Gorzel seit der U11 bei Red Bull ausgebildet wird. Das ist es, was Tanner mit langfristigem Arbeiten meint, mit dem sich Salzburg nun unter den besten Nachwuchsakademien Europas etabliert hat.

Was aber unterscheidet Liefering von Barcelonas La Masia, von der Ajax Youth Academy, von Sporting Lissabon, die lange Jahre als die Top-Adressen für Talente galten? „Wir haben unseren eigenen Ansatz“, erklärt Tanner. Seit seinem Amtsantritt habe er eigentlich alles umgedreht, von einem positionsorientierten, technisch ausgerichteten System, das die individuelle Förderung in den Vordergrund rückte, auf ein ballorientiertes Umschaltspiel, das absolute Teamplayer benötigt: „Fußball ist nun mal Mannschaftsspiel, keine Bühne für Zirkusartisten.“ Dennoch entwickeln sich auch hier großartige Individualisten, wie Hannes Wolf, der in der Youth League zum Top-Vorbereiter wurde und auch siebenmal selbst traf.

Obwohl 1999 geboren und damit noch jüngerer A-Junior, spielt Wolf schon regelmäßig Herrenfußball, zweitklassig beim FC Liefering, wie die meisten seiner Kollegen aus der in der Youth League erfolgreichen Salzburger U19. Mit dem Farmteam Liefering, wie es manche nennen, hat Red Bull ein durchgängiges Ausbildungskonzept geschaffen, mit 18 oder 19 gehen die Talente den Weg über Liefering, gewöhnen sich auf relativ hohem Niveau an den Herrenfußball und empfehlen sich dort für das Bundesliga-Team von Red Bull. „Ein optimaler Übergang“, findet Tanner, wobei für viele der Weg dort nicht endet. „Wer ein gewisses Niveau erreicht, ist für uns nicht zu halten.“ Für den bietet sich als nächste Stufe RB Leipzig an, dort verfolgt man eine ähnliche Philosophie, der Austausch ist rege, „aber die Vereine haben organisatorisch nichts miteinander zu tun“, entgegnet Tanner jenen, die eine (zu) enge Verflechtung monieren.

Salzburg als Ausbildungsstätte für andere? Warum dann dieser hohe Aufwand, warum finanziert das Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz? „Wir bilden hier Red Bull-Sportler aus, und das auf höchstem Niveau, die Investitionen werden sich bald amortisiert haben“, ist Tanner sicher. Es gehört zur Philosophie des Unternehmens, ehrgeizige junge Menschen zu unterstützen, ihnen Chancen zu eröffnen.

Nicht nur auf die Karte Fußball setzen

Was sich nicht nur, aber vor allem auf den Sport bezieht. Schulische und berufliche Ausbildung ist obligatorisch, Red Bull kooperiert mit einer großen österreichischen Bildungseinrichtung, die Wege führen, auch mit der Möglichkeit einer Schulzeitverlängerung, zu Abitur oder Fachabitur, „keiner setzt hier allein auf die Karte Fußball. Unsere vornehmste Pflicht ist, keine späteren Sozialfälle zu produzieren“, auch eine Vorgabe von Mateschitz, sagt Tanner. Wie wichtig die Schule ist, zeigt, dass in Nyon mit Oliver Filip ein Spieler fehlte, der gegen Paris St. Germain noch dreifacher Torschütze gewesen ist. Filip steckt gerade mitten in den Abitur-Vorbereitungen.

Ernst Tanner ist es ohnehin wichtig, dass „die Jungs auch anderes im Kopf haben“, der moderne Fußball werde immer schneller, immer komplexer, erfordere mehr und mehr kognitive Fähigkeiten, um blitzschnell richtige Entscheidungen treffen zu können. „Dem tragen wir in der Ausbildung Rechnung“, Sportpsychologie und Mentaltraining gehören genauso dazu wie Technik, Taktik und Athletik, „wir bilden jetzt viel ganzheitlicher aus“. Eine zu frühe Spezialisierung auf Fußball soll mit Vielseitigkeitstraining kompensiert werden, Tanner schaut auch gerne über den Tellerrand hinaus. Gelegenheit dazu hat er direkt in der Akademie, die neben den Fußballern auch den Eishockeynachwuchs beherbergt. „Man tauscht sich aus, macht im Athletik-Bereich auch vieles gemeinsam, in den Konzepten gibt es nicht so viel Unterschied.“

Bei den Jüngsten konzentriert man sich ausschließlich auf den Salzburger Raum, „mehr als eine halbe Stunde Anfahrt sollte nicht sein“, Tanner sieht die Talente lieber auf dem Platz. Deshalb unterstützt man die Landesausbildungszentren (LAZ), im Land Salzburg in Seekirchen, Zell am See und Bischofshofen angesiedelt, mit Know How und Menpower, um dann möglichst gut ausgebildeten Nachwuchs an die Akademie zu bekommen. Talente aus anderen Bundesländern folgen ab 15, in Ausnahmefällen schon ab 14, bis zu 60 Internatsplätze stehen dem Fußball zur Verfügung, der sie auch mal mit Spielern aus den anderen Red Bull-Akademien in Brasilien und New York belegt, oder Afrikanern aus der West African Football Academy, einem engen Kooperationspartner. Diese „Exoten“ müssen aber, so die FIFA-Bestimmungen, mindestens 18 sein, wenn man sie verpflichten will.

So konzentriert sich die Nachwuchsarbeit in Salzburg doch hauptsächlich auf Österreicher, der Fundus an Talenten ist hier natürlich begrenzt. Dass man dennoch mit akribischer Arbeit sogar die Youth League gewinnen kann, in der die deutschen Teams inklusive des FC Bayern meist die Vorrunde nicht überstehen, hat man nun bewiesen. Wobei Tanner schon zugibt, dass der sogenannte „Meisterweg“, in dem zunächst die A-Jugendmeister der nicht für die Champions League qualifizierten Klubs spielen, der leichtere ist. Bis man dann eben auf den Nachwuchs der europäischen Spitzenklubs trifft, der parallel zu den Profis die Gruppenphase absolviert.

Noch längst nicht am Ende des Weges

Und was Red Bull da zeigte, war schon beeindruckend. Manchester City nach überlegen geführtem Spiel im Elfmeterschießen bezwungen, Paris St. Germain mit 5:0 abserviert, dann Atletico Madrid, Vorrunden-Bezwinger der Bayern, ausgeschaltet. Damit hatte man sich für das Finalturnier der besten vier Teams in Nyon qualifiziert und dort mit den Siegen über Barcelona und Benfica für Furore gesorgt. „Spätestens seit heute weiß man in Europa, dass auch in Österreich richtig guter Fußball gespielt wird“, freute sich Trainer Marco Rose, übrigens ein Deutscher, nachdem er sich aus der Jubeltraube nach dem Finalsieg gelöst hatte. Ernst Tanner genoss den Triumph auf der Ehrentribüne, neben UEFA-Präsident Ceferin und Ehrenpräsident Johannsson, nach dem die Siegertrophäe benannt ist. „Der Erfolg ist schon mal eine richtig gute Visitenkarte. Wir wollen aber den Weg natürlich noch weiter gehen.“

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