Der kälteste Sport der Welt

„Beruf: Lehrer. Berufung: Extremschwimmer.“ So hat es sich Christof Wandratsch, 49, in seinen Lebenslauf geschrieben.

Der Franke, der in Haiming bei Burghausen lebt, war ein Pionier des Langstreckenschwimmens, 1991 erstmals Europameister über die 25 km, später mit der Mannschaft Weltmeister. Er war Schnellster beim längsten Rennen der Welt (88 km), Weltrekordler bei der Überquerung des Ärmelkanals, der Straße von Gibraltar, schwamm 2013 in gut 20 Stunden die 66,67 km durch den Bodensee. Nur beim Versuch, sieben berühmte Meereswege (Ocean’s Seven, die maritime Version des Bergsteigertraums Seven Summits) als erster Mensch schwimmend zu überqueren, scheiterte er. Nun ist Wandratsch Eisschwimmer. Vom 8. bis 10. Januar wird er am Wöhrsee in Burghausen bei den German Open wieder ins eiskalte Wasser tauchen. Nur mit Badehose und Bademütze. Neoprenanzüge sind nicht erlaubt. Ein Gespräch über Schrecken und Magie der Kälte.

-Wir hatten bislang einen milden Winter. Die Temperaturen werden jetzt aber runtergehen. Was bedeutet das für den Wöhrsee in Burghausen?

Bis jetzt war das Wasser wunderbar, viereinhalb Grad hat es immer gehabt. Das Wetter, das die nächsten Tage kommt, hat sicher seinen Einfluss, die Wassertemperatur wird noch einmal ein Grad runter gehen. So um die drei Grad wird’s haben.

-Um sich das mal vorstellen zu können. Wenn wir eine Bergwanderung machen und auf ein Bächlein treffen, gespeist von Quellwasser, dann kommt uns das erfrischend, aber ganz schnell auch saukalt vor. Welche Wassertemperatur haben wir hier?

Quellwasser hat acht Grad. Vier Grad sind also schon mal doppelt so kalt.

-Spürt man in diesen Bereichen überhaupt noch einen Unterschied?

Ja. Acht oder fünf Grad, das ist schon ein Riesenunterschied. Daher werden Rekorde nur dann als offiziell anerkannt, wenn es fünf Grad hat oder noch kälter ist.

-Welche Kategorien von Eisschwimm-Rekorden gibt es denn?

Die 1000 Meter sind die klassische Strecke, da halte ich den Rekord mit genau 13 Minuten. Dann gibt’s die Eismeile, 1,6 km, aber da fehlt die Vergleichbarkeit, weil man das in einem Becken machen kann, das in einen See hineingebaut wird, oder in einem Fluss. Dazu gibt es Rekorde auf den kürzeren Strecken ab 50 Meter.

-Aber es gibt keinen Rekord, was die niedrigste Temperatur war, bei der überhaupt geschwommen wurde?

Nein, aber es gibt die längste Strecke, die in Eiswasser zurückgelegt wurde, die hält ein Este mit 2,5 Kilometern, der deutsche Rekord von Jochen Aumüller sind 2,2 Kilometer – alles bei Wassertemperaturen unter fünf Grad. Kälter als minus vier Grad kann Wasser nicht werden. . .

-. . . denn dann ist Salzwasser gefroren.

Bei den Weltmeisterschaften 2015 in Murmansk, wo ich Erster geworden bin, hatte es 0,6 Grad. Das ist schon zapfig.

-Zapfig, klingt, als friere es einen halt ein wenig. Sagt sich so leicht.

Also, 25 oder 50 Meter kann jeder gesunde Mensch im Eiswasser schwimmen. Das ist nicht anders, als wenn man nach der Sauna ins kalte Becken hüpft. 25 Meter, dafür braucht man 30 Sekunden, für 50 Meter eine Minute – das hält man schon aus. Man merkt: Die Leute steigen bei uns mit 25 oder 50 Metern zum Schnuppern an, das geht immer gleich. Ab 200 Metern muss man regelmäßig ins kalte Wasser gehen und rechtzeitig anfangen. Die nächsten Strecken, 500 und 1000, das ist was Extremeres. Dafür muss man den Nachweis erbringen, das in den vergangenen zwölf Monaten schon mal gemacht zu haben. Da kann man nicht einfach hergehen und sagen: Jetzt hüpfe ich hinein und schwimme.

-Als Kind bekommt man eingebläut, man solle nie ohne Abkühlen ins Wasser springen, auch bei über zwanzig Grad könne man Übles erleiden. Kühlt man sich beim Eisschwimmen ab, bevor man eintaucht?

Gar nicht. Es heißt: ,Take off your clothes’ und dann ,Go in the water’. Man geht auf seiner Bahn an der Einstiegsleiter rein, wartet aufs Startkommando und schwimmt los. Hineinspringen muss man nicht, in Russland bei den Wettbewerben kann man es. Das ist natürlich sehr sehr hart. Im internationalen Reglement geht man an der Leiter rein. Man sollte zügig starten und ohne Hektik und Panik losschwimmen.

-Eisschwimmen kommt ja wohl aus Russland.

In Skandinavien machen es viele, auch in England gibt’s Winterschwimmen. Eigentlich ist es weltweit. In Burghausen sind für die 2. Ice Swimming German Open Teilnehmer aus 15 Nationen gemeldet. Aus Simbabwe, Südafrika, woher der Präsident unseres Internationalen Verbandes herkommt. Wir haben Spanier, Italiener, Bulgaren, Franzosen, Iren, Schweizer, Österreicher; letztes Jahr sind auch Brasilianer und Argentinier gekommen.

-Wer würde im Zweifelsfall besser sein? Der toptrainierte Beckenschwimmer, der im WM-Endlauf war und sich mal im Kalten über 100 Meter versucht – oder der Eiswasserspezialist, der im Becken nicht mithalten könnte?

Über 25 und 50 Meter würde der Topbeckenschwimmer bei uns gewinnen. Wobei: Um bei uns Weltmeister über 50 Meter Freistil zu werden, muss man die Strecke in 27 Sekunden schaffen, das ist schon ordentlich (der Becken-Weltrekord liegt bei 20,91 Sekunden, d. Red.). Und man darf nicht vergessen: Es gibt keinen Startsprung, und man darf keine Saltowende machen. Beim Abstoß darf der Kopf nicht unter Wasser sein. Da dann 27 Sekunden schaffen bei minus zehn Grad Luft- und null Grad Wassertemperatur. . . Wenn das über 50 Meter hinausgeht, würde das für den Beckenschwimmer, der das einfach mal so machen will, nicht hinhauen. Das kriegt er von der Muskulatur, die hart und fest wird, und von der Atmung nicht hin.

-Um es den Leuten fühlbar zu machen: Die meisten Hallenschwimmbecken haben 28 Grad.

Ja, man merkt, dass 16 Grad schon was ganz anderes ist, wenn man im Sommer mal in einem See schwimmt.

-Wie trainiert man sich an die Kälte heran?

Am besten, man fängt im Herbst an, wenn die Seen zwanzig Grad oder knapp darunter haben. Man geht regelmäßig rein, damit man den Temperaturrückgang mitnimmt. Der Vorteil der Weihnachtszeit ist: Man kann sich einen sogenannten Biopren anfuttern, denn eine gewisse Fettschicht isoliert.

-Für Ihr Projekt Ocean’s Seven haben Sie 20 Kilo zugelegt. Der Stand jetzt?

Zwischen zehn und fünfzehn Kilo bin ich über dem Normalgewicht, damit ich gut durch den Winter komme.

-Und im Sommer geht das alles wieder runter?

Ja. Ich reduziere je nachdem was im Sommer für Sachen anstehen.

-Hilft zur Vorbereitung auch kalt duschen?

Zum Einstieg auf alle Fälle, wobei man nicht vergessen darf: Das Duschwasser ist nicht sooo kalt. Wichtig: Nicht direkt über den Kopf laufen lassen, denn dort verliert man ein Drittel der Körperwärme. Der Kopf muss immer warm sein. Beim Eisschwimmen sind eine Badekappe und Ohrstöpsel erlaubt, das hilft schon.

-Kaltes Duschwasser ist wie kalt?

Wenn man Quellwasser nimmt, acht Grad.

-Kann aber auch 20 sein – und fühlt sich trotzdem kalt an.

Ich habe jedenfalls 2013 als Vorbereitung auf die WM 2014 so angefangen. Der nächste Schritt war, dass ich mich ein, zwei Minuten bis zur Brust ins kalte Wasser gestellt habe, dann es mit Brustschwimmen versucht habe, den Kopf über Wasser. Bis ich dann richtig Kraul und auf Tempo schwimmen konnte, das hat schon einige Zeit gedauert. Jetzt absolviere ich im Eiswasser ganz normales Training.

-Ist Eisschwimmen der neue Zweig, den Sie entdeckt haben? Das Unternehmen Ocean’s Seven haben Sie abgebrochen.

Ja, das habe ich abgebrochen. Nach meiner erfolgreichen Bodensee-Längsdurchquerung bin ich mit meinem Trainer Stefan Hetzer und meinem Betreuer Matthias Hofmann auf die Suche gegangen nach etwas neuem Extremen und sind aufs Eiswasserschwimmen gestoßen. Wir sind alle fasziniert davon. Besonders ich. Wenn ich daran denke, dass ich früher als Langstreckenschwimmen im kalten Wasser überhaupt nicht zurechtgekommen bin. War ganz lustig: Bei der Eis-WM waren einige dabei, die mich von den Weltcups im Langdistanzschwimmen kannten, und die sagten: Jetzt bist du Weltmeister geworden – und wo das Wasser 20 Grad gehabt hat, da hast du gejammert, dass das so kalt ist und du nicht gescheit schwimmen kannst. Doch wenn es sein muss, kann man den Körper an alles gewöhnen.

-Sonstige Vorbereitungstipps?

Ich laufe das ganze Jahr in Flip-Flops oder Crogs ohne Socken herum – zum Abhärten. Strümpfe ziehe ich nur kurz nach dem Schwimmen an.

-Manche Sportarten haben Schutzgrenzen für Kälte. Fußball oder Nordischer Skisport – bei weniger als minus 15 Grad wird da nicht mehr angetreten.

Beim Eisschwimmen gibt’s keine Grenze. In Russland, wo 2016 die Wettkämpfe über die kurze Distanz sein werden, gab es Wettkämpfe, die bei minus 38 Grad stattfanden. Da wird auch geschwommen – und das ist schon frisch.

-In Russland müssen sie dann aber wohl erst das Eis aufbrechen, damit Ihr schwimmen könnt.

Da schneiden sie ein Becken ins Eis hinein. Bei der WM über 1000 Meter hatte das Eis eine Stärke von einem Meter.

-Friert Ihr Revier, der Wöhrsee in Burghausen, im Winter überhaupt zu?

Manchmal schon, freilich.

-Gibt’s für die Szene Traumlocations, an denen sie gerne eintauchen würde? Etwa: der St. Moritzer See, auf dem als Wintersport bislang Pferderennen ausgetragen werden?

Natürlich gibt’s herrliche Gebirgsseen. In St. Moritz täte ich schon auch schwimmen wollen. Im Sommer war ich etwa am Funtensee, bin dort geschwommen am kältesten Punkt Deutschlands. Ist doch wunderbar, dass man bei uns zu jeder Jahreszeit in jedem Gewässer schwimmen kann. Es gibt so viele schöne Orte: In Schweden, England oder zum Abschluss die WM Mitte März in Tjumen in Sibirien – das wird ganz toll.

-Und Burghausen ist auch einer der Hot, Verzeihung, Cold Spots des Eisschwimmens.

Ja – und ganz wichtig: 2017 haben wir die Weltmeisterschaften über 1000 Meter hier. Darauf wird sich gezielt und intensivst vorbereitet.

-Sie waren Lehrer in Burghausen, haben sich dann mal freistellen lassen für das Projekt Ocean’s Seven.

Das war für ein Jahr, ich bin wieder normal im Schuldienst.

-Gibt es Schüler, die dem berühmten Lehrer nacheifern?

Die zehnten Klassen des Gymnasiums haben für die German Open eine Staffel zum Eisschwimmen gemeldet. Es sind Jugendliche da, die Geschmack am Eisschwimmen gefunden haben. Auch einige Beckenschwimmer sind umgestiegen und machen mit – es wird an Nachwuchs nicht mangeln. Es tut sich was: Bei der ersten Auflage hatten wir 80 Teilnehmer mit 150 Starts, jetzt werden es 143 Teilnehmer mit knapp 400 Starts sein.

Das Interview führte Günter Klein

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