Joachim Deckarm: Für immer ein Pflegefall

Ein deutscher Sportstar mit schwerer Hirnverletzung – man erinnert sich an 1979 Von Günter Klein

München – Die Ärzte in Grenoble wollten nicht zu viele medizinische Details verraten, doch die Experten, die in den Fernsehsendern zugeschaltet wurden, vermuteten: Michael Schumachers Gehirnverletzungen dürften von der schwersten Art sein. Naheliegende Mutmaßung also: Wird der verunglückte Formel-1-Weltmeister, falls er überlebt, zum Pflegefall werden?

Man muss an Joachim Deckarm denken, wenn man das hört. Auch Deckarm war ein deutscher Sportstar, Handballer, der beste der Welt zu seiner Zeit, 1978 war er mit der Nationalmannschaft Weltmeister geworden – es war ein Team voller Helden: Klühspies, Brand, Wunderlich. Am 30. März 1979 spielte der VfL Gummersbach, das große deutsche Vereinsteam, in Tatabanya in Ungarn. Europapokal. Es ist eine gewöhnliche Spielsituation: Tempogegenstoß. Als Deckarm den Pass von Heiner Brand annimmt, prallt er mit seinem Gegenspieler zusammen. Man kann die Bilder im Internet sehen: Ungebremst, ohne Körperspannung, knallt Deckarm, damals 25, auf den Bodenboden. Mit dem Kopf. Der schwillt sofort an. Die medizinische Erstversorgung ist schlecht, es sind 60 km bis zur Klinik. Deckarm hat ein Schädelhirntrauma erlitten, resultierend aus einem Riss der Hirnhaut, dazu einen doppelten Schädelbasisbruch. 131 Tage liegt er im Koma. Deutschland nimmt Anteil: Wird es ein Wunder geben, kann Mathematikstudent Deckarm wieder gesund werden, Handball spielen? Die Republik hat noch keine Erfahrung mit so etwas, sie ist geschockt.

Joachim Deckarm geht es heute gut. Verhältnismäßig gut. Mit Spenden, über die Deutsche Sporthilfe und eine von Freunden für ihn gegründete Stiftung wurde seine Reha finanziert, vor allem sein früherer Trainer Werner Hürter engagierte sich. Seit acht Jahren lebt Deckarm in einer Einrichtung für betreutes Wohnen in Saarbrücken, eine hauptamtliche Kraft und zwei Leute im Freiwilligen Sozialen Jahr kümmern sich.

Joachim Deckarm lernte, wieder zu gehen – aber es ist kein flüssiges Gehen, man sieht ihm die Einschränkung an. Er kann auch wieder reden – schleppend. Aber er ist geistig wach, hat ein Buch geschrieben („Teamgeist. Die zwei Leben des Joachim Deckarm“), er ist charmant, er ist witzig. Als Günther Jauch noch „stern tv“ moderierte, hat er Joachim Deckarm regelmäßig eingeladen. Und ihm einen Wunsch erfüllt: einen Tandem-Fallschirmsprung mit Eberhard Gienger, dem ehemaligen Spitzenturner und jetzigen Bundestagsabgeordneten.

Deckarm kommt ganz gut durchs Leben, er hatte Freunde um sich und ist nie vergessen worden. Am 19. Januar wird er 60.

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