FÜR DIE LEIDGEPRÜFTE BIATHLETIN FRANZISKA PREUß FÜHLT SICH DER VIERTE PLATZ IM EINZELRENNEN FAST WIE EIN OLYMPIASIEG AN

Die Holzmedaille als Balsam für die Seele

Der Blick zurück tut nicht mehr weh: Franziska Preuß hat schwierige Zeiten erfolgreich gemeistert. Foto: imago
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Der Blick zurück tut nicht mehr weh: Franziska Preuß hat schwierige Zeiten erfolgreich gemeistert. Foto: imago

Von Armin Gibis. Pyeongchang – Franziska Preuß lag bäuchlings im hartgefrorenen Schnee, total erschöpft vom längsten Rennen der Frauen, dem Einzel über 15 Kilometer.

Die Bronzemedaille hatte sie als Vierte trotz aller Anstrengungen um 18,5 Sekunden verpasst. Aber das zählte in diesem Moment nicht. Sondern nur das Gefühl, wie sie sagte, „jetzt schön langsam wieder die alte Franzi zu sein“. Das war ihr viel wichtiger als Edelmetall. „Natürlich ist das die Holzmedaille, das höre ich von allen Seiten“, sagte die 23-Jährige, „aber ich bin sehr, sehr glücklich mit der olympischen Holzmedaille. Das ist Balsam für die Seele.“

Eine Seele, die lange Zeit doch ziemlich gelitten hatte. Die letzte Saison musste die Skijägerin vom SC Haag krankheitsbedingt abbrechen, nach einer vierstündigen Operation war sie drei Monate außer Gefecht gesetzt. Manchmal fühlte sich Franziska Preuß so schlapp, dass sie schon froh war, mit ihrer Mutter zum Einkaufen gehen zu können. „Ich war so weit weg von dem Ganzen“, sagte sie. Die Chancen schienen gering, dass sie für Olympia noch rechtzeitig in Form kommen würde.

„Der Wendepunkt war an Weihnachten, da hab ich vom Kopf her was gemacht“, erzählte sie, „da habe ich gemerkt: Jetzt hat’s irgendwie geschnackelt im Körper.“ Bei den Staffelrennen in Oberhof und Ruhpolding schnackelte es dann auch in der Loipe, die hochbegabte Oberbayerin wartete mit Null-Fehler-Auftritten auf. Der Kampf um die Norm ging jedoch an die Nerven. Erst beim letzten Weltcup in Antholz machte sie die Olympia-Teilnahme perfekt.

Für Preuß, und auch das gehört zu ihrer Vorgeschichte, sind es ja bereits die zweiten Winterspiele. Ihr Debüt 2014 in Sotschi war jedoch mehr ein Desaster gewesen. Nach den Rängen 40 und 41 musste sie im dritten Rennen aufgeben, in der Staffel stürzte sie als Startläuferin schon nach einigen hundert Metern, dabei geriet Schnee in den Lauf und die Visiervorrichtung, es lief wirklich alles schief. Von Sotschi hat man vor allem Franzis Tränen in Erinnerung. „Damals waren viele Sachen, die nicht toll waren“, erinnert sie sich, „ich habe dabei aber total viel gelernt. Das härtet einen auch ab.“

Vielleicht trat Franziska Preuß bei ihrem Comeback bei Olympia auch deswegen so entspannt auf. „Ich bin so locker an die Sache ran gegangen, dass ich mir Gedanken gemacht habe, ob ich mir nicht zu wenig Gedanken mache.“ Sie habe sich letztlich gesagt: „Zu verlieren habe ich eh nichts mehr.“ Die Zolloberwachtmeisterin aus Albaching räumte alle 20 Scheiben ab, und als die letzte fiel, hüpfte Bundestrainer Gerald Hönig vor Freude wie Rumpelstilzchen. Die Ruhpoldinger Biathlon-Legende Fritz Fischer, in dessen Camp Franziska Preuß einst bei einem Schnupperkurs entdeckt wurde, meinte: „Für Franzi ist der vierte Platz bei der Vorgeschichte wie ein Olympiasieg.“ In jedem Fall war es der bislang meistbejubelte vierte Rang dieser Spiele.

Tags darauf gab es für die Vize-Weltmeisterin im Massenstart von 2015 noch eine höchst erfreuliche Überraschung. Hönig nominierte Franziska Preuß für das Massenstart-Rennen an diesem Samstag. In der Rangliste der Weltcup-Punkte liegt zwar Franziska Hildebrand vor ihr, doch die wiedererstarkte Oberbayerin erhielt den Vorzug. Er hätte, so räumte der Coach ein, „die Qual der Wahl“ gehabt. Aber Preuß hätte sich eben im Einzelrennen „hervorragend in Szene gesetzt“. Hildebrand bescheinigte er, „eine wichtige Athletin für die Staffel“ zu sein. „Nach drei Einzelrennen fehlt ihr jedoch die physische Frische, um in den Medaillenkampf einzugreifen.“ Das traut Hönig nun offenbar Franziska Preuß zu. Sie sagte: „Ich bin bereit.“

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