„Hohes Risiko für bleibende Schäden“

Der Münchner Oberarzt Dr. Florian Ringel über die möglichen Folgen von Schädelhirntraumata

München – Die Ärzte haben nach Michael Schumachers Skiunfall ein schweres Schädelhirntrauma festgestellt. Neurochirurg Dr. Florian Ringel, leitender Oberarzt im Klinikum rechts der Isar in München, erklärt, was das bedeutet – und warum ein Helm keinen absoluten Schutz bietet.

-Herr Dr. Ringel, was versteht man unter Schumachers Diagnose genau?

Der Begriff des Schädelhirntraumas (SHT) ist relativ weit gefasst. Es handelt sich um eine Verletzung des Schädels, bei der auch das Gehirn betroffen ist. Welche Folgen das hat, ist individuell sehr verschieden. Zum Zeitpunkt des Traumas ist nur eine erste Einschätzung der Schwere möglich, die mit Hilfe eines Punktesystems, der Glasgow-Koma-Scale, erfolgt. Öffnet ein Patient die Augen, wenn er dazu aufgefordert wird, gibt das beispielsweise vier Punkte. Bei einem Gesamtergebnis unter neun von 15 möglichen Punkten, liegt ein schweres Schädelhirntrauma vor.

-Schumacher trug einen Helm. Hätte ihn der nicht schützen müssen?

Das ist ein Trugschluss. Ein Helm reduziert sicherlich das Risiko für ein SHT deutlich ist aber keine Garantie dafür, bei einem Unfall keine Kopfverletzungen davonzutragen. Zumal man auch ohne einen Kopfanprall ein schweres Schädelhirntrauma erleiden kann, wenn man etwa mit dem Auto mit hohem Tempo gegen ein Hindernis prallt und der Kopf dadurch stark beschleunigt wird. Dabei wirken enorme Kräfte auf das Gehirn. Das schwimmt quasi im Hirnwasser, das Bewegungen normalerweise dämpft. Bei einem Aufprall wird es in der Flüssigkeit aber herumgeschleudert, prallt gegen die Schädeldecke und verformt sich. Ein Helm kann diese Kräfte bei einem Anprall reduzieren und er hilft auch, offene Verletzungen zu verhindern, schützt Schädel und Weichteile. Ich selbst trage daher beim Skifahren und Mountainbiken immer einen Helm.

-Worauf kommt es bei einem schweren SHT bei der Erstversorgung an?

Der Faktor Zeit ist wichtig. Der Patient sollte schnellstmöglich in eine Klinik mit Neurochirurgie gebracht werden. Am Unfallort gilt es zunächst, die wichtigsten Körperfunktionen wie Kreislauf und Atmung zu stabilisieren, der Patient wird bei einem schweren SHT intubiert und beatmet. Zudem kann es zu einer räumlich begrenzten Druckerhöhung im Kopf kommen. Gibt es da Anzeichen, verabreicht der Notarzt ein drucksenkendes Medikament. In der Klinik wird zudem sofort eine Computertomografie (CT) des Kopfes durchgeführt.

- Was lässt sich damit feststellen und wie behandelt man?

Damit lassen sich Blutungen an der Oberfläche des Gehirns erkennen. Blutergüsse kann man dann operativ entfernen. Im CT kann man auch Prellungen des Gehirns erkennen. Ein Problem ist es, wenn es durch das Trauma zu einer Schwellung des Gehirns kommt, die oft erst später auftritt. Dann kann es nötig sein, einen Teil der Schädeldecke zu entfernen, um dem Gehirn Platz zu geben. Im knöchernen Schädel eingeschlossen, kann sich das Gehirn nicht ausdehnen, der Druck erhöht sich. Reichen drucksenkende Medikamente nicht, muss man operieren. Der entfernte Teil der Schädeldecke wird nach etwa sechs bis zwölf Wochen wieder eingesetzt.

-Ist es kurz nach dem Unfall schon möglich, Spätfolgen abzuschätzen? Womit ist da zu rechnen?

In den ersten zehn bis vierzehn Tagen kann noch sehr viel passieren, es kann auch noch zu einer Verschlechterung kommen. Erst dann lässt sich eine erste Prognose zu möglichen Spätschäden abgeben. Generell ist die Sterblichkeit bei einem schweren Schädelhirntrauma hoch, etwa 30 Prozent der davon Betroffenen sterben. Die Überlebenden haben ein hohes Risiko für bleibende Schäden. Je nach dem Ort der Schädigung können dies zum Beispiel Bewegungsstörungen sein. Auch Gedächtnis, Sprache und Wahrnehmung können betroffen sein, ebenso das Bewusstsein: Manche Patienten fallen ins Wachkoma.

-Gibt es Patienten, die sich von einem schweren Schädelhirntrauma wieder vollständig erholen?

Die gibt es, der Anteil ist aber leider nicht sehr hoch.

-Michael Schumacher ist erst 44. Haben junge Patienten bessere Chancen?

Das Alter spielt in der Tat eine erhebliche Rolle. Jüngere haben generell bessere Regenerationskapazitäten. Studien haben gezeigt: je älter die Patienten, desto ungünstiger.

-Ältere Menschen fahren dafür seltener Ski . . .

Kopfverletzungen beim Freizeitsport und vor allem auch durch Verkehrsunfälle betreffen in der Tat vor allem junge Erwachsene. Bei älteren Patienten sind eher Stürze, oft im häuslichen Umfeld, die Ursache für Schädelhirntraumata. Ältere Menschen haben oft reduzierte Reflexe. Sie können sich im Fallen nicht mehr so leicht abstützen, fallen oft ungebremst. Ist der Patient dadurch kurz bewusstlos geworden, besteht definitionsgemäß ein Schädelhirntrauma. Dann sollte eine Computertomografie durchgeführt und der Patient im Krankenhaus überwacht werden. Auch wenn sich ein Patient nicht mehr an den Sturz erinnern kann, ist dies ein Anzeichen. Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen nach einem Sturz können ebenfalls darauf hindeuten.

Das Interview führte Andrea Eppner

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