MÜNCHEN MARATHON AM SONNTAG

Härter als Stahl? Unmöglich

Er ist 70 – und läuft immer noch: Kjell-Erik Stahl. Foto: fkn
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Er ist 70 – und läuft immer noch: Kjell-Erik Stahl. Foto: fkn

Der Schwede, Sieger von 1983, lief die 42,195 Kilometer so oft so schnell wie kein anderer – ohne Profi gewesen zu sein

Von Günter Klein

München – 1981 gab es den ersten Frankfurt Marathon. Kjell-Erik Stahl aus Schweden ist mitgelaufen und hat ihn gewonnen. 1983 war auch der erste Bremen Marathon. Dabei und der Sieger: Kjell-Erik Stahl. 1983 war zudem die Premiere für den Marathon durch München. Wer allen davonlief und sich erinnert, „dass ich ab irgendwo zwischen Kilometer 10 und 15 schon alleine war“: Kjell-Erik Stahl.

Dass sein Name der erste in etlichen Siegerlisten von Marathon-Veranstaltungen ist, erweist sich für den heute 70-Jährigen als angenehm: „Ich werde zu Jubiläen immer eingeladen.“ Münchens Marathon begeht 2016 zwar kein rundes Jahr, dennoch hat Veranstalter Gernot Weigl den Mann der ersten Stunde nach Bayern geholt. Für ein paar Tage ist Herr Stahl nun da. Und wenn ihm am Sonntag danach ist, wird er mitlaufen. Nicht im Hauptwettbewerb über die 42,195 Kilometer, aber über die 10 Kilometer, die ebenfalls angeboten werden. Die Marathonzeiten hat Kjell-Erik Stahl hinter sich gelassen, seine letzten Großtaten waren vor einiger Zeit Weltrekorde, die er für die Altersklassen der Über-40- und der Über-45-Jährigen aufstellte. Aber er hat den Marathon so intensiv gelebt wie kein anderer Läufer. Manchen gilt der Schwede als in diesem Metier „Härtester aller Zeiten“.

Was für ein besonderer Athlet er war, zeigt sich schon daran, dass seine 1983er-Siege in Bremen und München nur zwei Wochen auseinander lagen. Bremen war am 24. April, er lief 2:12:38 Stunden, „eigentlich eine 2:11“, sagt er, „weil man beim Nachmessen der Strecke herausfand, dass sie 300 Meter zu lang war“. Die Organisatoren in München hatten nach seinem Bremer Start Bedenken geäußert, dass er unmöglich noch einmal eine Topleistung abliefern könnte. Doch Kjell-Erik Stahl war in dieser Hinsicht ein Wunder: „Ich konnte schnell regenerieren.“ Andere Läufer waren nach einem Marathon eine Woche übersäuert und bewegungsunfähig, „ich bin ab dem vierten Tag wieder im Training gewesen, mit zwei Einheiten täglich“.

Er finishte bei 101 Marathonläufen, 70 Mal blieb er unter zwei Stunden zwanzig Minuten, in seinem besten Jahr trommelte er 14 Marathons herunter, die Durchschnittszeit dafür betrug 2:16:11 Stunden. Heute tut sich kaum ein Topmann mehr als zwei Marathons pro Saison an, einen im Frühjahr, einen im Herbst.

Kjell-Erik Stahl wurde 1983, ein paar Wochen nach München, Vierter bei der WM, die Zeit von 2:10:38 Stunden ist immer noch schwedischer Rekord. „Letztes Jahr erst hat man für eine Studie, warum die jetzigen Läufer bei uns nicht an diese Zeit herankommen, Untersuchungen bei mir durchgeführt“, sagt Stahl, „und man hat festgestellt, dass ich einfach einen sehr ökonomischen Laufstil habe“. Ihn plagten lange Zeit auch keine Verletzungen: „Ich war früher in der schwedischen Orientierungslauf-Nationalmannschaft, durch das Laufen in den Wäldern waren meine Unterschenkel sehr gut trainiert.“ Erst mit 33 wechselte Stahl zum Marathon.

Zwischenzeitlich hatte er schon aufgehört, der beruflichen Karriere wegen, als Manager beim schwedischen Telekommunikationskonzern Telia („Ich hatte Personalverantwortung für bis zu 650 Angestellte“). Als sich die Wochenarbeitszeit bei 50 Stunden eingependelt hatte, konnte er wieder zweimal am Tag trainieren: „Manchmal habe ich erst um 23 Uhr anfangen können mit Laufen. Aber ich war diszipliniert.“

In den 80er-Jahren, das weiß Stahl, konnte er eine Karriere noch so aufbauen, als Mischung aus Hobby („Im schwedischen Winter bin ich immer auf Hawaii den Honolulu-Marathon gelaufen, 13 Mal war ich dort“) und Hochleistungs-Ambition. Seine Gegner kamen überwiegend aus Europa, oft lief er gegen die Deutschen Ralf Salzmann und Günther Mielke, „die den Vorteil hatten, dass sie beim Militär waren und in ihrer Arbeitszeit trainieren konnten“. Doch die Konkurrenz aus Afrika war überschaubar: „Es gab einige Äthiopier, Kenianer, Tansanier, doch man hatte nicht den Eindruck, dass man bereits geschlagen war, ehe das Rennen gestartet war.“

Kjell-Erik Stahl findet, „dass das Fenster in den 80er-Jahren für mich einfach offen stand. Ich hatte Glück.“ In München erinnert er sich dankbar daran.

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