In Haching kam der Glaube zurück

Es war Frühsommer 2011, als es Lucas traf: Fast zehn Jahre hat er bei den Bayern gespielt, hat bis zur U17 alle Mannschaften durchlaufen, hat Jahr für Jahr miterlebt, wie andere gehen mussten, Kollegen, Mitspieler, die zu Freunden geworden waren. Bittere Augenblicke.

Es war Frühsommer 2011, als es Lucas traf: Fast zehn Jahre hat er bei den Bayern gespielt, hat bis zur U17 alle Mannschaften durchlaufen, hat Jahr für Jahr miterlebt, wie andere gehen mussten, Kollegen, Mitspieler, die zu Freunden geworden waren. Bittere Augenblicke. Nun musste er selbst damit klar kommen.

Wachstumsprobleme haben ihn in der U16 fast die gesamte Saison gekostet, als er in die U17 aufrückte, war zwar der Körper wieder fit, aber das Selbstbewusstsein weg. Nur elf Spiele hat er in der Bundeliga der B-Junioren bestreiten dürfen, gerade mal drei davon in der Startformation. Er wusste, dass es „eng werden“ würde, um am Saisonende aufrücken zu können in die U19 der Bayern, das Sprungbrett in den Profifußball. Es wurde zu eng.

„Ein harter Schlag“, erinnert sich Lucas Hufnagel. „Man will es erst mal gar nicht wahrhaben.“ Viele geben dann auf, sehen sich gescheitert. Lucas hat sein großes Ziel trotzdem nicht aus den Augen verloren, er wollte darum kämpfen, sich nicht geschlagen geben. Doch er wusste auch, dass es nun ganz schwer werden würde, sich seinen Traum zu verwirklichen. Über Ingolstadt ist er im Januar 2012 nach Unterhaching gekommen, hat plötzlich das Vertrauen gespürt, das er lange vermisst hatte. Und gilt heute als Hoffnungsträger für die kommende Saison, als eines der Talente, die sich einen Stammplatz in der blutjungen Drittligamannschaft sichern und damit empfehlen können für noch höhere Aufgaben.

„Unterhaching und die 3. Liga sind eine gute Plattform, um sich zu präsentieren“, weiß Lucas. Und freut sich wahnsinnig auf die neue Saison, die schon Mitte Juni mit dem Trainingslager in Grassau beginnt, auf eine „richtig geile Truppe“. Er darf wieder träumen, von der großen Karriere, vom Bundesligafußball. Weil er nicht aufgegeben, trotz des Genickschlags bei Bayern weiter an sich und seine Chance geglaubt hat.

Doch der Weg war nicht leicht. Wer bei Bayern aussortiert wird, geht oft frustriert nach Unterhaching. Lucas aber wehrte sich zunächst dagegen, irgendwie hatte er das Gefühl, es könnte das Eingeständnis des Scheiterns sein. Also Ingolstadt: „Die wollten mit der U19 in die Bundesliga aufsteigen, das reizte mich.“ Dort aber wurde er wieder von Verletzungen geplagt, die Fahrerei von München kostete Zeit und Nerven, zumal das nahe Abitur seine volle Konzentration beanspruchte. Also doch Unterhaching. Er sollte es nicht bereuen: „Im Nachhinein hat sich das als der bessere Weg herausgestellt. Mit den Erfahrungen von heute wäre ich vielleicht sogar freiwillig von Bayern nach Haching gegangen. Bei Bayern den Sprung zu schaffen, ist schon wahnsinnig schwierig.“

Unterhaching aber setzt auf die Jugend, hat aus der Not eine Tugend gemacht, Nachwuchsförderung zum Prinzip erhoben, nachdem Sponsorengeld nicht mehr so üppig fließt. Lucas Hufnagel durfte als A-Junior regelmäßig bei den Profis mittrainieren, bekam schon im letzten Sommer einen Vertrag, der jetzt bis 2015 verlängert wurde. „Lucas spielt in unseren Planungen für die kommende Saison auf seiner Position im Mittelfeld eine wichtige Rolle. Wir sind froh, dass wir mit ihm verlängern konnten, vor allem auch, weil er einen tollen Charakter hat“, so Präsident Manfred Schwabl über Lucas. Der hatte von Anfang an gespürt, dass man hier auf ihn setzt, sein Talent erkennt und fördert. Und das brachte ihm das Selbstvertrauen zurück, das man unbedingt braucht auf diesem Niveau.

Lucas wusste ja, dass er Fußballspielen kann, von der Ausbildung bei den Bayern hat er viel profitiert, ist sogar zum Jugend-Nationalspieler geworden. In Georgien, dem Land seiner Mutter. Dort hatte man mitgekriegt, dass im Nachwuchsleistungszentrum der Bayern ein Junge spielte, der georgisches Blut in seinen Adern hat. Im Frühjahr 2010 kam dann eine kleine Delegation nach München, hat mit Lucas gesprochen und ihn eingeladen zu einem Lehrgang auf Ibiza. Im Oktober bestritt er die ersten Pflichtspiele, qualifizierte sich mit der U17 für die Eliterunde der EM-Qualifikation. Georgien feierte das Team, feierte Luca, der zu einem Führungsspieler geworden war. „Fußball spielt dort eine ganz wichtige Rolle, im Fernsehen und Radio wurde groß über mich berichtet, ich musste viele Interviews geben.“

Auch mit der U19 hat er sich im letzten Herbst für die Eliterunde qualifiziert, die gerade in Belgien ausgetragen wird. Dort aber konnte er der Mannschaft nicht helfen, ein Muskelfaserriss zwingt ihn zu einer kleinen Pause. Deshalb konnte er auch nicht, wie eigentlich geplant, die beiden letzten Punktspiele der Hachinger in der 3. Liga bestreiten und so bleibt sein Debüt Anfang April gegen den späteren Meister Karlsruher SC sein vorerst einziger Profi-Einsatz. Lucas Hufnagel wurde in der U19 gebraucht, deren Verbleib in der Bundesliga im Verein höchste Priorität hatte.

Die Mission war erfolgreich, der entscheidende Schritt zum Klassenerhalt wurde am 20. April getan, mit einem sensationellen 2:1-Erfolg beim Tabellenführer, ausgerechnet beim FC Bayern. Lucas ist dort nicht nur seinen langjährigen Weggefährten Edwin Schwarz und Benno Schmitz begegnet, er hat auch Leopold Zingerle, mit dem er einst in der F-Jugend bei Bayern angefangen hat, zweimal überwunden. Aber nicht nur wegen der beiden Tore war Lucas Hufnagel der überragende Spieler auf dem Platz. „Nein“, sagt er, „Rachegefühle hatte ich nicht. Aber natürlich war ich höchst motiviert, dachte mir, denen zeig ich’s.“

Es wurde sein Spiel. Mit dem er das Kapitel FC Bayern auch für sich endgültig abschließen konnte. Doch seitdem lebt die Hoffnung mehr als je zuvor, seinen „Lebenstraum Profifußball“ verwirklichen zu können. „Mein Ziel ist, in den nächsten drei Jahren die zweite Liga zu erreichen und dann den Sprung in die Bundesliga zu schaffen.“ Ob er diesem Ziel so nahe wäre, wenn er bei Bayern hätte bleiben können? Müßig, darüber zu spekulieren. Das Thema ist abgehakt. Auf jeden Fall hat Lucas bewiesen, dass ein Abschied von der Säbener Straße nicht gleichzeitig auch das Ende aller Träume sein muss.

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