Fürchterlich gelacht mit Spartacus

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Nach dem Wurf seines Lebens lernte Klaus Wolfermann sogar Kirk Douglas kennen – Heute wird der Olympiasieger 70. VON ARMIN GIBIS.

München – Es war ein Wurf, der sein Leben veränderte. Ein Kraftakt, der in die deutsche Sportgeschichte einging. „Das vergisst man nie“, sagt Klaus Wolfermann. Sogar die Gedanken, bevor er anlief am 3. September 1972 im mit 80 000 Zuschauern vollbesetzten Münchner Olympiastadion, hat er noch parat. Es war sein fünfter Versuch, und der scheinbar unschlagbare Janis Lusis, der für die UdSSR werfende Olympiasieger und Weltrekordler, befand sich immer noch in Reichweite. „Da habe ich mir gesagt: Junge, jetzt geht die Post ab, jetzt packst du aus, was du zu bieten hast“, erzählt Wolfermann. Längst hatte er seinen Tunnelblick aufgesetzt, „die Scheuklappen runtergelassen“, wie er sagt, „ich war so konzentriert, dass ich später erschrocken bin, als ich die Bilder von mir gesehen habe“.

Die wilde Entschlossenheit des Sportlehrers aus Franken entlud sich dann in einer gewaltigen Wurfbewegung. „Ich hatte den Speer voll getroffen. Das spürte ich im ganzen Körper. Ich wusste sofort: Der fliegt weit.“ Sehr weit sogar. Auf 90,48 Meter, deutscher Rekord. Durchs Stadion ging ein Jubelschrei wie bei einem Tor in einem Fußball-Endspiel. Wolfermann hatte die Führung übernommen im olympischen Finale. Lusis versuchte im letzten Versuch zu kontern, der Speer flog über die 90-Meter-Marke, es wurde schlagartig still unterm Zeltdach, dann leuchtete das Ergebnis auf: 90,46 Meter – zwei Zentimeter weniger als Wolfermann. Sensationelles Olympiagold für Deutschland also. „Ich war so überrascht“, so Wolfermann, „dass ich zu Lusis gegangen bin und mich entschuldigt habe.“

Wolfermann, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, war fortan eine große Nummer im deutschen Sport. Die Schlagzeilen kündeten vom „kleinen Riesen mit dem goldenen Arm“. Schon am Tag nach seinem Olympiasieg bekam der 1,76 m große Athlet einen Vorgeschmack auf das Leben als Star. Auf der Ehrentribüne im Schwimmstadion fand er sich zwischen dem König von Griechenland und dem Filmschauspieler Kirk Douglas wieder. „Das war schon der Hammer.“ Zumal er ja ein Fan des Films „Spartacus“ mit Kirk Douglas war. Zu Wolfermanns Überraschung war der scheinbare Gigant kleiner als er selbst. Spartacus, das erzählte Wolfermann dann dem weltberühmten Mimen, habe er sich viel größer vorgestellt. Die Reaktion: „Wir haben beide fürchterlich gelacht.“ Die Kinolegende aus Hollywood und der Speerwerfer vom SV Gendorf.

Es dauerte allerdings seine Zeit, bis sich Wolfermann, der 1973 auch noch Weltrekord warf (94,08), an den neuen Rummel gewöhnte. Zuerst habe er seiner Frau Friederike sogar gesagt: „Schmeiß bloß die Waschkörbe voller Autogrammpost raus. Die will ich gar nicht sehen.“ Die Gattin brachte das dann doch nicht übers Herz, und Wolfermann musste einsehen: „Da bleibt einem dann gar nichts anderes übrig, als sich damit zu beschäftigen.“

Doch allzu viele Kompromisse wollte er nicht eingehen. „Ich habe mich öfter gefragt: Will ich den ganzen Schickimicki-Zirkus mitmachen?“ Seine Konsequenz: „Ich wollte versuchen, der zu bleiben, der ich war.“ Das ist Wolfermann bestens gelungen. Er galt stets als untadeliger, bodenständiger Sportsmann. Nicht von ungefähr wurde er zweimal zu Deutschlands Sportler des Jahres (1972 und 1973) gewählt. Eine Auszeichnung, in der auch charakterliche Qualitäten berücksichtigt werden. Und für Wolfermann, der inzwischen in Penzberg lebt, spricht auch, dass er stets darum bemüht war, seinen prominenten Namen für gute Zwecke einzusetzen. Er engagiert sich für die Aktion „Sportler für Organspende“, organisiert Charity-Golf-Turniere zugunsten der Kinderhilfe-Organtransplantation und ist Sonderbotschafter für die Special Olympics.

Von seinem Geburtstag macht Wolfermann nicht viel Aufhebens: „Ich verstecke mich, um im kleinsten Kreis mit meiner Familie zu feiern.“ Seine größten Wünsche: „Möglichst bis ins hohe Alter körperlich und geistig gesund bleiben. Und mit meiner Frau eine Weltreise machen.“ Für die Gesundheit tut Wolfermann einiges. Täglich trainiert er eine Stunde an Fitnessgeräten, sein Golfhandicap liegt bei 12. Und: „Mein Hund hält mich frisch.“

Typisch Wolfermann ist auch, dass ihn bis heute eine enge Freundschaft mit Janis Lusis, seinem einst größten Rivalen, verbindet. Er hat den Letten schon öfter in Riga besucht, Lusis kommt regelmäßig nach Oberbayern. „Wir quatschen uns aus, lachen viel.“ Festes Ausflugsziel ist der Olympiaturm. „Janis schaut gerne von dort oben runter aufs Olympiastadion. Wir frischen da immer die Szenerie von 1972 auf.“ Wobei Wolfermann dieses Stelldichein in 181 Meter Höhe gerne zu einem kleinen Seitenhieb nutzt: „Ich sage immer: Janis, wenn du damals nicht diesen Fehler gemacht hättest und nicht im Stemmbein eingeknickt wärst, hättest wahrscheinlich du gewonnen – aber dann gäbe es unsere Story nicht.“

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