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(Fast) alle gegen Leipzig

Von Günter Klein. RB Leipzig spielt eine erfolgreiche Saison – Ausnahme: im DFB-Pokal.

Da war die erste Runde die letzte, beim Zweitligisten Dynamo Dresden verlor man im Elfmeterschießen. Zur sportlichen Überraschung gab es einen Skandal: Dresdener Fans warfen einen abgetrennten Bullenkopf aufs Feld, um ihre Verachtung für das Produkt des Getränkekonzerns Red Bull zum Ausdruck zu bringen (was der DFB mit Geldstrafe und Sperren ahndete).

Szenarien von Ablehnung und Hass hatte der Klub auf seinem Weg, den er 2009 in der fünften Liga begann, hinreichend kennengelernt. Und gedacht, er hätte das alles hinter sich, weil es in der Bundesliga gesitteter, gelassener zugehen würde. Tatsächlich erntete RasenballSport Leipzig Respekt dafür, dass Geld dort gut angelegt wird, und manche fragen, was an dem Modell anders sein soll als in Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen. Dennoch erfährt Leipzig überall Ablehnung – in unterschiedlichsten Formen. Mal kreativ, mal wüst.

1. Spieltag: Hoffenheim – Leipzig. Willkommen zum „El Plastico“ – Hoffenheims Fans nennen das Duell des vormaligen mit dem jetzigen Retorten- und Hassklub der Bundesliga so. Der TSG-1899-Block hat weitere lustige Spruchbänder vorbereitet wie: „Den Fußball zerstört nur einer – Hoffe und sonst keiner.“ Gibt allerdings auch eine böse Anspielung auf die Burnout-Erkrankung des jetzigen Leipziger Managers und früheren Hoffenheim-Trainers Ralf Rangnick.

2. Spieltag: Leipzig – Dortmund. Die Ultras des BVB beschließen, nicht nach Leipzig zu fahren – ein Boykott also. Dennoch wird der Auswärtsblock ausverkauft – es gibt genügend BVB-affine Menschen im Osten, die die Gelegenheit wahrnehmen, den Klub ihres Herzens vor Ort zu sehen.

Zwischenspiel: Die jährliche Fußballstudie der TU Braunschweig ist da. Aus einer repräsentativen Umfrage (4122 Personen) geht hervor, dass RB Leipzig seine Werte zwar gesteigert hat, aber weiter unsympathischster Klub der 1. und 2. Bundesliga ist. In der Kategorie Attraktivität lässt RB zumindest Dresden, Fürth und Aue hinter sich.

Kevin Großkreutz vom VfB Stuttgart, zuvor in Dortmund, lästert, indem er bei Instagram eine Fake-Nachricht über seinen Wechsel nach Leipzig platziert: „Wie ich jetzt schon öfter gehört habe, dauert es nicht mehr lange, bis es ein Traditionsverein wird, das Geld lockt einfach und das Stadion mit den grandiosen Fans bebt jedes mal aufs neue.“

3. Spieltag: Hamburg – Leipzig. Protestmarsch der HSV-Fans vor der Begegnung. „Wir haben keinen geplant“, sagt RB-Trainer Ralph Hasenhüttl in Anspielung darauf, dass es ja auch beim Hamburger Traditionsverein einen Investor, Michael Kühne, gibt.

Zwischenspiel: Der „Rasenfunk – die Schlusskonferenz“ ist der beliebteste Podcast zur Bundesliga, produziert wird er in München. Moderator Max-Jacob Obst findet, „RB Leipzig“ zu sagen, komme dem Produkt, das hinter dem Verein steht, phonetisch sehr nahe. Daher wird er künftig von „Raba Leipzig“ sprechen. Mit Hörern seiner Sendung muss er darüber im Netz diskutieren.

4. Spieltag: Leipzig – Mönchengladbach. Man fährt hin. „Alle nach Leipzig! Scheiß RB“ ist eine Mitteilung der Gladbacher Fanszene betitelt, in der es heißt, Leipzig sei „der Gipfel der Abscheulichkeit“. Die Borussia-Fans schweigen demonstrativ die ersten 19:00 Minuten des Spiels. 1900 ist das Gründungsdatum des Gladbacher Klubs. Der Protest richtet sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballs durch RB Leipzig, Gladbach-Manager Max Eberl nennt die Maßnahme „legitim“.

5. Spieltag: Köln – Leipzig. Das Spiel beginnt mit 15 Minuten Verspätung. Fans des 1. FC Köln blockieren sitzend die Stadiontiefgarage, sodass der RB-Bus nicht einfahren kann. Leipzigs Vorstands-Chef Oliver Mintzlaff fordert „Stadionverbot für die Chaoten“. Auf dem Gästeparkplatz werden die Reifen von sieben Kleinbussen zerstochen. Im Vorfeld des Spiels waren an Haltestellen und Brücken Transparente mit der Aufschrift „Ganz Köln hasst RB“ zu sehen, auch „Kölsch statt Brause“ ist zu lesen. Sogar auf Türkisch wird Leipzig geschmäht. Die Kölner „AG Fankultur“ teilt mit: „Der FC spielt Fußball nicht, um damit die Marke seiner Eigentümer ,emotional aufzuladen’, ein Produkt berühmt zu machen oder den Lebenstraum eines Mäzens zu erfüllen.“ Und spielt mit Zahlen: 80 000 Mitglieder gegenüber den 17, die bei RB Leipzig Stimmrecht genießen. Im Stadion gibt es zwei „Spruchband-Schleusen“, damit diskriminierende Banner draußen bleiben.

6. Spieltag: Leipzig - Augsburg. Der harte Kern der FCA-Kurve verzichtet auf die Reise nach Leipzig, stattdessen gehen alle am nächsten Tag zum Punktspiel der zweiten Mannschaft (Regionalliga Bayern) in die frühere Spielstätte, das Rosenaustadion. Motto: „Traditionstag.“ Der Verein, dessen Präsident Klaus Hofmann mal sagte, „dass ich mir bei jeder Leipziger Niederlage ein Bier gönne“, unterstützt den Traditionstag. Beim Spiel in Leipzig lässt sich der von RBL nach Augsburg gewechselte Spieler Georg Teigl von seinen früheren Fans feiern – bei den FCA-Ultras ist er in der Folge unten durch. „Georg Teigl Hurensohn“ und „Winterpause nutzen: Teigl abschieben“ steht bei nächster Gelegenheit auf den Spruchbannern. Es dauert einige Wochen, ehe auf den Rängen Gleichmut einkehrt.

7. Spieltag: Wolfsburg - Leipzig. Keine Proteste gegen den Neuling.

Zwischenspiel: Rapper aus zehn Vereinen (aus der Bundesliga Dortmund, Hertha BSC, HSV, Köln) veröffentlichen unter dem Namen M.I.K.I. den Song „Anti RB (In der Sache vereint)“.

8. Spieltag: Leipzig – Bremen: Vier Werder-Ultra-Gruppen entschließen sich, nach Leipzig zu fahren. Sie kritisieren sogar die bundesweite „Nein zu RB“-Kampagne: „Wir finden es falsch, uns auf sogenannte Retortenvereine oder Plastikclubs, welche nur die Spitze des Eisbergs markieren, einzuschießen. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Konsequent wäre also eine allgemeine Kritik am Kapitalismus, nicht nur bei RB, nicht nur im Fußball, sondern überall!“

9. Spieltag: Darmstadt – Leipzig: Darmstädter Ordner sollen bei den Einlasskontrollen mehreren Leipzig-Fans in den Schritt gefasst haben.

Bei Sky ist das Spiel Quotengift. Weniger als 5000 Kunden schalten ein, offiziell sind das 0,00 Millionen. Zuvor waren die Quoten besser gewesen, allerdings war RB sechs von acht Mal zu Zeiten angetreten, in denen keine parallelen Spiele stattfanden (Freitag, Sonntag).

10. Spieltag: Leipzig – Mainz. FSV-Fans decken mit ihren Zaunfahnen Werbebanden im Leipziger Stadion ab. Gegen drei von ihnen wird ein Stadionverbot ausgesprochen, und sie sollen 7000 Euro zur Wiederherstellung der Planen bezahlen. Andere Fans sammeln, damit die Strafe beglichen werden kann. Gekommen waren die Mainzer im Sonderzug, in der Fanszene war folgender Aufruf ergangen: „Rafft euch auf, fahrt nach Leipzig und unterstützt Mainz 05 gegen dieses beschissene Marketing-Projekt! Wir sind anders und geiler! Alle nach Leipzig!“ Provozierende Begriffe wie „Rattenballsport Leipzig“ unterlassen die Mainzer.

Zwischenspiel: Der FC Bayern beginnt, RB Leipzig wahrzunehmen. Uli Hoeneß sagt: „In meinen Augen hat Leipzig den Vorteil, dass sie während der Woche immer auf der Couch liegen, wenn wir im Champions-League-Rhythmus sind.“

Auch Dortmunds Chef Aki Watzke befasst sich mit Leipzig. Nichts sei da historisch gewachsen, „auch im Gegenteil zu Hoffenheim und Wolfsburg“. Seine Wahrnehmung: „Da wird Fußball gespielt, um eine Getränkedose zu performen.“ Watzke dürfte „promoten“ gemeint haben. RB-Kapitän Dominik Kaiser kontert, er sei seit sieben Jahren in Leipzig, um Fußball zu spielen „und nicht eine Dose zu performen“.

11. Spieltag: Leverkusen – Leipzig. RB übernimmt die Tabellenführung – zuvor über Nacht (Freitag auf Samstag), dann richtig, weil der FC Bayern in Dortmund verliert. Vor dem Spiel kommt es an einer Ampel auf dem Weg zum Stadion zu einem Farbbeutelangriff durch – so der Polizeibericht – sechs bis acht vermummte Leverkusener. Zwei Beutel klatschen an die Frontscheibe des Busses, andere gehen daneben. Hasenhüttl rät, beim nächsten Mal den Bus von der Seite anzugreifen, da sei er leichter zu treffen. In der Arena dann Plakate: „Aspirin statt Taurin“ und „Turn- und Spielverein der Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. von 1904 – Gegründet auf Initiative der Belegschaft“ – Hinweis darauf, dass die Bayer-Geschichte eine ganz andere ist als die des RasenballSports.

Zwischenspiel: Im Emsland meldet der Traditionsverein TuS Lingen Insolvenz an. Das Spielrecht will er unter dem Namen RasenballSport Lingen wahrnehmen. Beim VFC Plauen kommt es zu einer Mitgliederversammlung, ob man in der Winterpause ein Testspiel gegen RB Leipzig II austragen soll. Zwei Drittel sind gegen einen Boykott.

Zwischenspiel: Uli Hoeneß wird zum Präsidenten des FC Bayern gewählt und nennt Leipzig einen „Feind“. Tags darauf entschuldigt er sich für seine Euphorie-Äußerung und relativiert: Leipzig ist Gegner.

12. Spieltag: Freiburg – Leipzig. Das Austria-Salzburg-Spendival. Der Erlös aus dem Verkauf von Fleischkäse und Getränken geht an „den Verein, der durch Red Bull beinahe ausgelöscht wurde“, so die organisierenden SC-Fans. Ferner erscheinen zum Spiel die Broschüre „Wie Red Bull den Fußball ausnutzt“ (von der Freiburger Ultra-Gruppe „Corillo“) und ein satirischer Zeichentrickfilm. Eine Zukunftsvision des Fußballs. „Limo Leipzig“ wirbt darin Jugendspieler bereits im Kita-Alter ab.

13. Spieltag: Leipzig – Schalke: Erinnern wird man sich an die Partie wegen der Schwalbe des RB-Stürmers Timo Werner. Die 3000 Schalke-Fans tragen mehrheitlich blaue Regenjacken mit einem Logo, das einen Zechturm zeigt. Inschrift: „Kumpel- und Malocherclub Gelsenkirchen“. Nach dem Spiel zeigte sich die Mannschaft mit einem Transparent „S04 - Gegründet von Kumpeln und Malochern“, Kapitän Benedikt Höwedes holte das Spruchband bei den Ultras in der Kurve ab.

14. Spieltag: Ingolstadt - Leipzig: RB verliert mit seiner ersten Bundesliga-Niederlage die Tabellenführung und kann auch beim gerade mal fünf Jahre älteren Ingolstädter Fusionsklub nicht auf Nachsicht hoffen. Timo Werner wird permanent ausgepfiffen („Schwalbenkönig“), Trainer Hasenhüttl mit einem Spruchband begrüßt, das die Presse als „nicht jugendfrei“ bewertet.

Was noch kommt: Diesen Samstag erwartet Leipzig die Berliner Hertha, am Mittwoch muss sie zum FC Bayern, die Hinrunde endet im neuen Jahr mit dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt. Drei traditionsbewusste Fan-Szenen.