Eine Story für die ganze Welt

Live-Schaltungen, Internet-Diskussionen, die ersten Gedenkseiten Von Günter Klein

München – Am Sonntagmittag, als die ersten Meldungen kamen, klang es noch nach Schmonzette: „Michael Schumacher bei Skiunfall verletzt.“ Eher was für die Witzmaschine: mal eine Fahrt im Akia statt mit Hunderten von PS. Es hieß auch, Schumi habe ja einen Helm aufgehabt. In den Zeitungen was fürs Vermischte.

In den Abendstunden des Sonntags gewann die Geschichte um Michael Schumachers Unfall an Gewicht, ab 22.30 Uhr war es eine für die ganze Welt. CNN, die Mutter aller Nachrichtensender – sie schaltete live vors Krankenhaus in Grenoble. Al Jazeera, das Pendant der arabischen Welt zu CNN, gleichfalls, ebenso die BBC, die Sky News. Nur das englischsprachige Russia Today setzte andere Prioritäten: Bombenanschlag in Russland. Gibt es Zusammenhänge zum bevorstehenden Olympia-Fest in Sotschi?

In Deutschland reagierte n-tv. Der Nachrichten- und Börsensender spart, am Sonntagabend kommt normalerweise nur Konserve. Nun aber musste die Belegschaft ran. Und sie fand mit Dr. Christoph Specht einen Arzt und Medizinjournalisten, der die Zuschauer auch noch am Montag durchs Programm begleitete.

Die Informationen waren spärlich – und schwer zu bebildern. Man hatte im Archiv Aufnahmen von Schumacher beim Skifahren. Zu erkennen: Er fährt sportlich und sicher, er beherrscht die Grundzüge der Renntechnik, bringt den Körper über den Außenski, so kann man schnell und auch sicher fahren. Doch die Bilder sind noch aus der Ferrari-Zeit, Schumacher trägt roten Anorak.

ARD und ZDF stiegen so richtig erst am Montagmorgen ein. Im Frühstücksfernsehen. Jede halbe Stunde: Schumacher-Block, Reporter vor dem Krankenhaus in Frankreich, Reporterin am Bahnhof des Schumi-Orts Kerpen. Seltsame Atmosphäre im Studio: Dürfen die Moderatoren noch die notorisch gute Morgenlaune verbreiten, wenn einer, der vielen Zuschauern viel bedeuten könnte, zu sterben droht? Darf man noch über eine schöne Wetterprognose reden oder die Vorfreude aufs Silvester-Feuerwerk?

In Zeiten der Kommunikation und Nachrichtenverbreitung über Social Media ist das Meinungsbild gespalten. Bei Twitter werden die Beiträge im Sekundentakt abgeschossen. Hier die Besserungswünsche, die Anteilnahme – von Fans (auch von bekennenden Nicht-Fans), von Prominenten, von Wegbegleitern. Auf der anderen Seite entsteht Kritik. „Kein Leben ist mehr wert als ein anderes“, schreibt einer. Manche erinnern daran, dass täglich Tausende Kinder verhungernd ihr Leben lassen und das kaum jemanden betroffen mache.

Es gibt auch die Zyniker, die auf Facebook schon am Sonntag, als gerade erst von „Lebensgefahr“ und „kritischem Zustand“ die Rede ist, die erste „R.I.P. Michael Schumacher“-Seite auf Facebook anlegen. Sogar Schumachers Tod wird von Sonntag auf Montag fälschlicherweise schon vermeldet. Eine der Todesseiten kommt auf über 20 000 Likes – als wäre Tragik ein Videospiel.

Mit den ersten Meldungen über den Schumacher-Unfall beginnt auch der Wettlauf der Medien: Wer hat eine Info? Doch Greifbares, Belastbares gibt es wenig. Sogar seriöse Blätter wie die „Welt“ lassen sich im Internet zu Deutungen verleiten wie dieser: „Ich stelle mir vor, wie Michael Schumacher und sein 14-jähriger Sohn Mick. . . durch den Tiefschnee wedeln. Der Sohn fährt exzellent Ski, vielleicht schon besser als der Vater. Sie kennen die Pisten, denn sie fahren im Winter regelmäßig hier. Also heizen sie abseits der Strecken.“

Der Text wird zum Aufreger der Internet-Diskutanten. Es beteiligt sich auch Nick Heidfeld, deutscher Formel-1-Fahrer: „Liebe ,Welt’, ich bin lange und gerne Follower, aber dieser Artikel ist weder Ihnen noch Michael Schumacher würdig!“

Die Klinik in Grenoble, so erfährt man, muss abgeriegelt werden. Die Krankenschwestern und Ärzte dürfen ab dem Montagvormittag keine Mobiltelefone mehr bei sich tragen, das wird kontrolliert. Jedes Zitat, womöglich sogar ein Handybild vom Krankenbett, sind zu einer hohen Währung geworden in der Medienwelt. Eine (zu) große Versuchung für die, die darüber verfügen.

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