Eine wie Höfl-Riesch?

Die 18-jährige Jessica Hilzinger aus Liechtenstein startet jetzt für die deutschen Alpin-Damen – Maier: „Ein Rohdiamant“. Von Jörg Köhle.

München – Einwanderung ist das Thema dieser Tage, und Wolfgang Maier kam bei der Vorstellung seines Neuzuganges im alpinen Skiteam nicht an dieser Bemerkung vorbei: „Wir sind ja in gewisser Weise ein Zuwanderungsland“, merkte der Alpindirektor augenzwinkernd an, als er beim Medientag im Zillertal eine junge Dame an seiner Seite präsentierte: Jessica Hilzinger aus Liechtenstein startet ab sofort für den Deutschen Skiverband, ein „Flüchtling“ der ganz anderen Art.

Im Liechtensteiner Verband vermisste die 18-Jährige jene Strukturen, um ihre Karriere richtig in Schwung zu bringen. Maier bezeichnet sie als „Rohdiamant“, und vielleicht erinnert die junge Dame ja bald nicht nur von der Statur her an Maria Höfl-Riesch. Auch Jessica Hilzinger, 1,75 Meter groß, fährt alle vier Disziplinen, bislang im Europacup, sogar als Beste ihres Jahrgangs (1997).

Was den Verbandswechsel erleichterte: Jessica Hilzinger ist Lichtensteinerin, hat aber auch einen deutschen Pass. Ihr Vater ist Deutscher, die Mutter Liechtensteinerin (mit österreichischen Wurzeln) „Ich bin als Deutsche auf die Welt gekommen“, stellt Jessica klar, geboren im Schweizerischen Graps (Kanton St. Gallen). Erst im Alter von acht Jahren bekam sie auch den Liechtensteiner Pass. Im Fürstentum wuchs sie auf, „ich fühle mich entsprechend auch als deutsche Liechtensteinerin“. In der Familie Hilzinger dreht sich alles um den Skisport, Papa Günter ist Skilehrer und Skilehrerausbilder, der ältere Bruder Alexander fährt nach wie vor für Liechtenstein. Für Jessica war bald klar, „dass ich diesen Schritt für meine Karriere machen muss“.

Ihre Eltern kamen mit dem Wechselwunsch auf Wolfgang Maier zu, wie das einst auch beim Deutsch-Österreicher Fritz Dopfer passierte, der seine ganze Jugend im Österreichischen Skiverband verbracht hatte, ehe er sich 2007 dem DSV anschloss. „Wir werben niemanden ab“, sagte Maier, „sie müssen zu uns kommen.“ Denn ein Nationenwechsel muss die Zustimmung des Internationalen Skiverbandes finden, die beim Verdacht einer Abwerbung gewöhnlich untersagt wird. Wechseln man trotzdem, sind eine einjährige Sperre und der Verlust aller Ranglistenpunkte die Folge. Im Vorjahr noch verweigerte der Liechtensteiner Ski-Verband seinem größten Talent die Freigabe, man traf das Agreement, sie müsse noch ein Jahr bleiben, danach dürfe sie gehen, wenn immer noch der Wunsch besteht. Man versuchte sie umzustimmen, bot bessere Trainingsbedingungen und einen eigenen Techniktrainer an, verstärkte die Zusammenarbeit mit Weltcup-Fahrerin Tina Weirather. Vergeblich, in diesem Frühjahr erhielt Hilzinger die Freigabe.

Die Weichen nach Deutschland waren schon gestellt, als sie 2014 ins Skiinternat Oberstdorf einzog, wo sie in den kommenden zwei Jahren die Doppelbelastung Skisport und Abitur stemmen muss. Sportlich fand sie beim SC Oberstdorf eine neue Heimat und beim Deutschen Skiverband, wo sie u.a. mit Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg trainieren darf. Alle ihre Hoffnungen auf ein professionelleres Umfeld hätten sich erfüllt, berichtet sie glücklich – kein Vergleich zur alten Heimat: „In Liechtenstein lief es da nicht so gut. Der Wechsel kommt ja nicht von ungefähr.“

Trotz ihres außergewöhnlichen Talents geht es für den deutschen Cheftrainer Markus Anwander nun darum, den Rohdiamanten behutsam zu schleifen. Die Weltmeisterschaft 2017 in St. Moritz mag ein mittelfristiges Ziel sein, der Fokus für Jessica Hilzinger liegt aber auch im kommenden Winter auf dem Europacup, mit gelegentlich Ausflügen in die erste Liga. Der Weltcup-Auftakt Ende Oktober in Sölden kommt noch zu früh, der erste Slalom im finnischen Levi im November könnte eher zur Thema werden. „Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist“, kündigt Anwander an, „dann lassen wir sie im Weltcup los“. Es wird nicht allzu lange dauern.

Kommentare