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Deutschland, einig Anti-Land

Von Günter Klein. Red Bull investiert viel Geld in den Sport, weil es viel Geld hat.

Der Konzern hat viel Geld, weil sein Produkt, ein Energiegetränk, in diversen Variationen zu haben, sich gut verkauft. Wegen des Geschmacks oder wegen des Images – egal.

Vielleicht sollte man, so dachten sich die beiden Hannoveraner Studenten Tobias Meyer und Dirk Zimmermann, die Menschen einfach dazu verleiten, eine andere Brause zu trinken. Eine politisch korrekte. Eine, die nicht einen Konzern reich macht. „5gegen2“ – in Anlehnung an eine beliebte Trainingsspielform – soll ihre Gegen-Brause heißen, die nähere Bezeichnung lautet „Energiegetränk zum Erhalt der Fußballkultur“. Die Zielgruppe, so Meyer: „Leute, die mehr als zwanzig Spiele im Jahr besuchen, in der Bezirks- oder in der Bundesliga; Fans, denen der Fußball und ihr Verein am Herzen liegen, die ihren Klub aber auch kritisch hinterfragen.“ Protestler also. Die Idee: Man trinkt nicht mehr Red Bull, sondern 5gegen2 – die Gewinne fließen in Fanprojekte und Amateurklubs.

Im Mai haben sich Meyer und Zimmermann das Modell vom „moralischen Gegengewicht zur fortschreitenden Kommerzialisierung“ in ihrer WG-Küche ausgedacht – nun sind sie dabei, über Crowdfunding ans Startkapital zu kommen.

Ob’s ein Erfolg wird? Zumindest ist es ein kreativer Form von Protest. Sonst wird dem Projekt Red Bull meist mit martialischer Wortwahl zu Leibe gerückt.

Es gibt im deutschen Sport keine größere Bewegung als die gegen RB Leipzig. RB steht offiziell für Rasenballsport, aber jeder weiß, dass das ein Trick ist, um hiesige Fußball-Regularien zu umgehen. Rasenballsport Leipzig ist der Bruder von Red Bull Salzburg. RB heißt Red Bull.

Leipzig ist eine Stadt mit großer Fußballvergangenheit. die Klubs mit Zugkraft waren Lokomotive und BSG Chemie (später FC Sachsen). Doch sie waren auch zu verschieden, um zu einer Ballung der Kräfte überredet werden zu können. Im Jahr 2003 hielt der FC Bayern mal ein Trainingslager in Leipzig ab und setzte ein Testspiel gegen eine Stadtauswahl an, die aus beiden Klubs gebildet werden sollte. Gewagte Unternehmung: Der Münchner Trainer Ottmar Hitzfeld befürchtete gar „Straßenschlachten“; die blieben zwar aus, doch nur, weil die Klubs die angedachte Gemeinsamkeit vermieden. Eine Halbzeit spielte Lok vor seinen Fans, die danach nach Hause gingen – die zweite Halbzeit übernahm Sachsen, vor seinem Anhang, der zuvor das Stadion nicht betreten hatte. Vor sechs Jahren schließlich tauchte Red Bull auf, kaufte das Spielrecht des Fünftligisten SSV Markranstädt – und begann den Marsch nach oben. Rasenballsport Leipzig – gelenkt aus Österreich. Von Red-Bull-Managern. Weitere Vereinsmitglieder nicht erwünscht. Das Projekt war noch weit entfernt von den Profiligen, als sich der Widerstand bereits formierte.

Bundesweite Häme, als die Leipziger mal in der vierten Liga hängen blieben, doch danach erfolgte der Durchmarsch: vier, drei, zwei. Nach ein paar Spieltagen der Zweitligasaison stand das Team sogar an der Spitze. Inzwischen hat es sich im besseren Mittelfeld eingependelt, mit einem dritten Aufstieg in Folge wird es nichts werden. Die Protestbewegung lässt deswegen aber noch lange nicht locker. Neulich, als RB Leipzig bei Eintracht Braunschweig spielen musste, einem Klub, der vor Tradition nur so strotzt, hatten sich niedersächsische Fans eine Choreografie ausgedacht: Sie zogen gelbe Regenponchos über und setzten sich so, dass sich ein Schriftzug ergab: „Anti RB“. Das Bild machte in den sozialen Medien die Runde – ein Coup.

Ein Bündnis aus 25 Fußball-Standorten

Die Anti-Red-Bull-Bewegung ist wohlorganisiert. „Nein zu Red Bull! Für euch nur Marketing – für uns Lebenssinn!“ lautet der Slogan, unter dem sich Fangruppen aus ganz Deutschland zusammengefunden haben. 19 Fanclubs aus neun Städten sind Initiatoren, 161 Fangruppen an 25 Standorten haben Unterstützerstatus. Hochburgen der Anti-RB-Bewegung sind Braunschweig, Dortmund, Erfurt, Kaiserslautern, Stuttgart. Selbst in Ingolstadt, dessen FC 04 selbst ein Klub aus der Retorte ist, stehen Fußballfans gegen Red Bull auf.

Und auch Funktionäre. Wie Klaus Hofmann. Der war noch nicht sonderlich bekannt, als er vor einem Jahr im Rahmen einer Fandiskussion offenherzig erzählte, er stoße auf jede Niederlage von RB Leipzig an – inzwischen ist er Präsident des FC Augsburg, Und es kann sein, dass er den Leipzigern in den nächsten Jahren auf diplomatischer Ebene begegnen wird, wenn man in der gleichen Liga spielt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass Hofmann mit Red Bull geschäftlich zusammenkommt: Er ist Chef des global agierenden Unternehmens Minimax Viking (8000 Angestellte) – spezialisiert auf Brandschutz. Red Bull könnte ein Kunde sein, wenn es eine Halle baut.

In München will der Konzern das tun. Der Stadtrat ist dafür: Ja, im Olympiapark soll eine Multifunktionshalle entstehen, und es ist klar, dass dafür nur Red Bull als Bauherr in Frage kommt. So ganz durch ist das Projekt trotz des politischen Beschlusses noch nicht. Man hört vieles: Die Basketballer des FC Bayern wollen in einer gemeinsamen Halle nicht als der kleine Partner, als der Mieter, wahrgenommen werden. Und es soll noch Diskussionen geben zwischen Red Bull und der Stadt in Sachen Nutzungseinschränkungen. Eine neue Halle dürfe nicht ins Konzertgewerbe der Olympiahalle eingreifen – doch kann sie ausschließlich mit Eishockey und Basketball überleben?

Für die Anhänger des EHC Red Bull München zählt erst einmal: Der Hallenbau ist beschlossen und ein Zeichen dafür, dass Red Bull langfristig bleiben will. Im Mai 2012 haben die Österreicher die Namensrechte am Klub gekauft, ihn ein Jahr später komplett übernommen, als hundertprozentige Tochter. Das geht weit hinaus über die Regelungen des Fußballs, die vorsehen, dass der Verein mit 50 Prozent plus einem Stimmanteil immer die Mehrheit gegenüber Investoren behalten muss. Im Eishockey lautet das Verhältnis 0:100.

Eine Anti-Red-Bull-Bewegung ist deswegen aber nicht entstanden in der Puck-Branche. Es gibt in der DEL ja weitere Fälle, in denen ein Klub sich in Alleinabhängigkeit befindet. Die Eisbären Berlin gehören der US-amerikanischen Anschutz Entertainment Group (AEG), die mit den Hamburg Freezers sogar ein zweites Team steuert. Und die Nürnberger haben sich genauso verkauft – sie tragen den Namen ihres Besitzers: Thomas Sabo Ice Tigers.

In den Klubs der DEL wird auch nicht abfällig geredet über Red Bull. Man nimmt hin, dass München mit seiner finanziellen Power auch an Spieler mit laufenden Verträgen herangeht – doch so ist das Business. Schließlich bekommen auch alle DEL-Vereine von Red Bull: Dessen hauseigener Fernsehsender Servus TV hat vor drei Jahren die Deutsche Eishockey-Liga aus ihrer Pay-TV-Nische befreit, überträgt die Spiele frei empfangbar mit enormem Aufwand und stellt die Bilder auch ARD und ZDF zur Verfügung. Die DEL hat eine gute Fernsehpräsenz bekommen – damit lässt sich um Sponsoren werben.

Akzeptanzprobleme hat das Projekt München in der Fanszene. Nach den Beobachtungen der allerdings fußballlastigen Bewegung „Nein zu RB“ sogar in der eigenen Stadt. „Ein Großteil der aktiven Fans in der Kurve scheint sich vom Verein abgewendet zu haben, während die übrigen Zuschauer die Übernahme durch Red Bull wohl eher unkritisch begleitet und aufgrund der gestiegenen finanziellen Mittel in vielen Fällen sogar begrüßt haben“, sagt Sprecher Andreas Hensel.

Der selbstironische Schuhbeck-Gesang

Bis vor zwei Jahren war der EHC sportlich bestenfalls untere Mittelklasse, dazu hoch verschuldet. er bestätigte, was Franz Litzinger, eine langjährige Triebfeder des Münchner Eishockeys (Hedos, ESC) gesagt hatte: „Ohne fremde Hilfe trägt sich das hier nur bis zur Bayernliga.“ Doch von einem Tag auf den anderen konnte sich der EHC dank Red Bull jeden Spieler leisten – seitdem ist er auch ein Feindbild in fremden Stadien („Nie mehr, nie mehr Österreich“). Image: die Arroganzler aus München. Diese verweisen aber darauf, dass sie ein zugkräftiges Feindbild sind: Kein Klub erreicht einen höheren Auswärtsschnitt.

Die Fans des EHC gehen mit dem neuen Ruf ironisch um. Den an die jeweiligen Gegner als Schmähgesang gerichteten Klassiker „Ihr seid ..., asoziale ..., ihr schlaft unter Brücken oder in der Bahnhofsmission“ texteten sie auf sich selbst um: „Wir sind Münchner, arrogante Münchner, essen nur bei Schuhbeck und trinken Schampus im P1.“ Immerhin: Champagner – keine Taurinbrause.

Für einen Anti-Red-Bull-Energy-Drink wie von den Studenten Meyer und Zimmermann gäbe es im überschaubaren Eishockey gar keinen Markt. Und 5 gegen 2 ginge als Name nicht. Allenfalls 5 gegen 3 – das doppelte Überzahlspiel.

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