Deutsch-Amerikaner Klinsmann: „Ich freue mich auf Jogi“

Der US-Trainer vor dem Duell mit seiner ehemaligen Nationalmannschaft: „Vor allem bei Bayern viel gelernt“ – Stuttgart bleibt Heimat Miami – Der frühere Bundestrainer Jürgen Klinsmann betreut die amerikanische Nationalmannschaft seit 2011.

Am Sonntag (20.30 Uhr MESZ/ZDF) trifft der 48-Jährige mit seinem Team in Washington auf die DFB-Auswahl.

-Herr Klinsmann, wie groß ist die Vorfreude auf das Wiedersehen mit Joachim Löw und der DFB-Auswahl?

Sehr groß. Natürlich freue ich mich auf die Treffen mit Jogi Löw – aber auch auf viele andere Mitglieder des Betreuerteams und auch auf die Spieler, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich alle kenne.“

-Welche Erwartungen haben Sie an das Spiel, zumal Deutschland nicht in Bestbesetzung anreist?

Deutschland hat auch in den USA einen erstklassigen Ruf und deshalb richten sich unsere Erwartungen nicht an der Besetzung der deutschen Mannschaft in diesem Spiel. Wir freuen uns auf den Vergleich – und für uns ist das ein standesgemäßes Spiel zum Jubiläum des Verbandes und vor allem ein sehr guter Test für die WM-Qualifikationsspiele, die direkt anschließend folgen.

-Was verbindet Sie nach wie vor mit dem deutschen Fußball?

Mich verbindet noch sehr viel mit dem deutschen Fußball, zumal ich ja mehrere amerikanische Nationalspieler in der Bundesliga habe. Und ich kann auch jede Woche mehrere Bundesligaspiele live im Fernsehen verfolgen. Natürlich habe ich auch noch Kontakte zu Jogi Löw, obwohl ich jetzt auch schon ein halbes Jahr nicht mehr in Deutschland war. Aber es gibt ja heutzutage moderne Kommunikationsmittel.

- Welchen Anteil würden Sie sich an der Entwicklung des deutschen Fußballs geben?

Ich freue mich darüber, dass der Prozess, den der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder mit den Jugendleistungszentren begonnen hat, zu solchen Erfolgen führt. Aber ich gehöre nicht zu den Personen, die Anteil für sich reklamieren müssen. Das entspricht nicht meinem Naturell.

-Was fehlt Deutschland zum großen Titel?

Ein starkes Turnier, bei dem man das höchste Niveau bis zum Ende durchhält, in den entscheidenden Momenten da ist und dann auch das nötige Quäntchen Glück hat.

-Wie sehen Sie die Entwicklung Ihrer eigenen Mannschaft?

Sehr positiv. Nach einem Fehlstart in die WM-Qualifikation haben wir gegen Costa Rica gewonnen und einen wichtigen Punkt in Mexiko geholt. Wir haben noch einen langen Weg vor uns – im Mittelpunkt steht jetzt die Qualifikation für die WM in Brasilien.

-Was ist der US-Mannschaft in Brasilien zuzutrauen?

Ich habe mir angewöhnt, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Wir wollen uns jetzt erst einmal qualifizieren, und dann sehen wir weiter, was dem Team bei der WM zuzutrauen ist. Wir haben erst drei von zehn Spielen in der Qualifikation absolviert, und es ist kein Zuckerschlecken, in Mittelamerika um die WM-Qualifikation zu spielen.

-Zuletzt hatte es Kritik an Ihrer Arbeit gegeben. Wie gehen Sie damit um?

Kritik ist nie ein Problem. Das zeigt auch, dass sich der amerikanische Fußball auch auf diesem Gebiet dem europäischen Fußball annähert. Wir haben mit dem US-Team in 2012 das erfolgreichste Jahr gespielt, zum allerersten Mal in Italien gewonnen, erstmals auch beim Erzrivalen in Mexiko. Wir haben einige weitere gute Ergebnisse erzielt wie das Unentschieden in Russland. Leider haben wir das erste WM-Qualifikationsspiel in Honduras verpatzt, weil sich viele europäische Spieler im Februar innerhalb von zwei Tagen nicht auf die brutale Hitze von Honduras anpassen konnten – aber das ist früher schon passiert und kann immer wieder passieren.

-Lebt es sich als US-Coach ruhiger?

In bestimmten Bereichen wie Medienarbeit oder Privatleben sicherlich.

-Welchen Stellenwert haben in Ihren Planungen die US-Spieler aus der Bundesliga und aus Europa?

Einen sehr hohen. Aber wir sollten im internationalen Fußball keine so großen Unterschiede mehr machen. Wir haben in unserem Team Spieler aus vielen unterschiedlichen Ländern – und am Ende zählt die Leistung. Der Wettbewerb in den europäischen Ligen ist etwas härter und deshalb sind diese Spieler auch robuster. Aber sie sind deshalb nicht automatisch im Vorteil.

-Was konnten Sie aus Ihrer Zeit als Bundestrainer und beim FC Bayern in die USA mitnehmen?

Man lernt im Fußball immer dazu. Ich konnte schon als Spieler viel mitnehmen, als ich unter Trainern wie Cesar Luis Menotti, Arsene Wenger, Giovanni Trapattoni, Berti Vogts, Otto Rehhagel oder Ossi Ardiles gespielt habe. Ich habe auch als Bundestrainer und vor allem auch das Trainer des FC Bayern dazugelernt. Und das fließt natürlich in die heutige Arbeit ein.

-Fühlen Sie sich eigentlich nach wie vor als Deutscher?

Fühlen ist ein schwieriger Ausdruck. Ich handle und lebe natürlich oft wie ein Deutscher, klar. Und meine Wurzeln sind in Deutschland. Aber ich lebe jetzt schon 15 Jahre in den USA, meine Frau ist von hier, meine Kinder gehen in amerikanische Schulen, haben amerikanische Freunde – da ist es völlig logisch, dass man auch Dinge annimmt. Um zu diesem ,Fühlen’ zurückzukommen: Dann fühle ich mich vielleicht wie ein Deutsch-Amerikaner.

-Werden Sie die US-Staatsbürgerschaft annehmen?

Das wird man sehen. Das sehe ich sehr pragmatisch. Wenn ich hier lebe, möchte ich eigentlich auch mit allen Rechten und Pflichten hier leben – wie zum Beispiel zu wählen.

-Was oder wo ist für Sie Heimat?

Heimat ist und bleibt Deutschland, Stuttgart. Das ist völlig klar.

Das Interview führten Thomas Niklaus und Holger Schmidt

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