Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


„Definitiv nicht nur ein Einzeltäter“

Der Feuerzeugwurf von Osnabrück war der Skandal zum Ausklang der ersten DFB-Pokalrunde. Ein Gewaltakt, der sich gegen den Schiedsrichter richtete, wohl aber auch gegen RB Leipzig.

Wo der reiche Zweitligist auftaucht, stößt er auf Ablehnung bis zu blankem Hass.

Der Feuerzeugwurf von Osnabrück war der Skandal zum Ausklang der ersten DFB-Pokalrunde. Ein Gewaltakt, der sich gegen den Schiedsrichter richtete, wohl aber auch gegen RB Leipzig. Wo der reiche Zweitligist auftaucht, stößt er auf Ablehnung bis zu blankem Hass.

Von Günter Klein

München – Man wird den Wurf eines Feuerzeugs in einem Fußballstadion nie verhindern können.

Es darf geraucht werden in den Stadien, allenfalls Familienblöcke und geschlossene, aber allgemein zugängliche Räume sind mit einem Verbot belegt. Die UEFA propagiert inzwischen gänzlich rauchfreie Sportstätten, doch Deutschland ist nicht auf dem Weg dahin. Wer ins Stadion geht, hat das Recht, sich eine Zigarette anzuzünden.

Sonst gibt es nichts mehr zu schmeißen. Auf Flaschen, Dosen und größere Tetra-Paks (über 0,5 Liter) werden die Taschen an den Eingängen kontrolliert; man muss sich Getränke im Stadion kaufen. Wie diese ausgeschenkt werden, das ist in den DFB-„Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen“ vom Februar 2013 festgelegt. §23.4 besagt: „Getränke dürfen nur in Behältnissen verabreicht werden, die nach Größe, Gewicht und Art der Substanz nicht splittern können und nicht als Wurf- oder Schlagwerkzeuge geeignet sind.“ Außerdem sollen sie recyclingfähig sein. Mit einem Becherwurf kann also kein Schaden mehr angerichtet werden.

Schiedsrichter Martin Petersen, 30, wurde in der 71. Minute des Montagsspiels VfL Osnabrück – RB Leipzig von einem Feuerzeug rechts am Kopf getroffen. Es war nicht so, dass er k.o. ging, dass er ohnmächtig auf den Rasen sank. Doch er war natürlich überrascht von diesem Treffer, er fasste sich an den Kopf, krümmte sich, musste sich auf den Knien abstützen. Petersen war klar genug, die Partie zu unterbrechen, er suchte einen Sanitätswagen auf, ließ sich untersuchen. Er hatte eine leichte Gehirnerschütterung erlitten (so der DFB am Dienstag), mit dem vierten Offiziellen wäre ein Ersatzmann parat gestanden, um weiterspielen zu lassen – doch Martin Petersen handelte regelgerecht: Es konnte keine Toleranz geben. Angriff auf den Schiedsrichter ist ein Tabu; er musste abbrechen.

Das Fernsehen hat dann viele bestürzte Fan-Gesichter auf den Tribünen an der Bremer Brücke gezeigt. Und den VfL-Präsidenten Hermann Queckenstedt, der sich, in ein Trikot gewandet, das Mikrofon griff und „vom schwärzesten Tag meiner Karriere“ sprach. Denn die Schuldfrage war offensichtlich: Das Feuerzeug war aus dem Osnabrücker Fanblock geschleudert worden. Keine Vereinsführung will mit einer solchen Eskalation in Verbindung gebracht werden, Queckenstedt als Angestellter der katholischen Kirche (Direktor des Diözesanmuseums im Bistum Osnabrück) erst recht nicht. Zudem ist der Abbruch ein Ärgernis, weil der Drittligist VfL gegen den ambitionierten Zweitligisten RB Leipzig 1:0 führte und vor einer Sensation stand.

Osnabrück muss damit rechnen, dass dieses Spiel als verloren gewertet wird, eine sportgerichtliche Entscheidung fällt erst am Freitag, doch die Rechts- und Verfahrensordnung des DFB lässt keinen Spielraum: „Trifft eine Mannschaft oder ihren Verein ein Verschulden an dem Spielabbruch, ist das Spiel dem Schuldigen mit 0:2-Toren für verloren, dem Unschuldigen mit 2:0-Toren für gewonnen zu werten.“ Die Varianten, die Partie mit der Restlaufzeit von 19 Minuten wieder aufzunehmen oder auf die vollen 90 Minuten neu anzusetzen, werden also nicht zum Zug kommen können.

Rangnicks Angebot: Fair oder berechnend?

Ralf Rangnick, der Trainer von RB Leipzig, bot am Morgen danach über die Homepage seines Klubs ein Wiederholungsspiel an. Begründung: „Denn unser Verein steht für Fairness, Fair Play, Familienfreundlichkeit, soziales Engagement, sportlichen Wettkampf und gegenseitigen Respekt.“ Manche werden sagen: Anständig von ihm, den sportlichen Weg gehen zu wollen. Doch es wird auch dieses Meinungsbild geben: Hinterfotzig, eine Lösung anzubieten, die ausgeschlossen ist, einen aber in gutem Licht erscheinen lässt. Und dann schon wieder so ein Satz wie aus dem Marketing-Handbuch: Respekt, Fair Play, sozial, sportlich. . .

Wichtiger ist der erste Teil von Rangnicks Statement: „Das ganze Spiel über flogen Feuerzeuge, Trinkbecher und andere Wurfgegenstände in Richtung unserer Spieler sowie unserer Auswechselspieler, die sich gerade warmliefen. Es war demnach definitiv nicht nur ein Einzeltäter, dessen Handeln später zu dem für alle Seiten bedauerlichen Spielabbruch führte.“

Rangnicks Eindrücke verfestigen sich durch die TV-Bilder. Es herrschte eine Atmosphäre der Gehässigkeit gegenüber den Leipzigern. Auch vor der Feuerzeugwurfszene: Osnabrücker Reservisten, die sich am Zaun warmliefen, gifteten RB-Starstürmer Davie Selke an.

Selke ist in der öffentlichen Meinung zur Verteufelung freigegeben. Bester deutscher Stürmer seines Jahrgangs, U 19-Europameister, Torschützenkönig des Turniers, bei Werder Bremen in der Bundesliga auf Anhieb Stammspieler – doch mit 20 wechselt er in die 2. Liga. Das mutet vor allem an wie eine Geld-Geschichte.

Gehalt ist bei RB auch Schmerzensgeld. Für die Schmähungen, die man überall erfährt, wenn man für Leipzig spielt. Das ist seit Gründung des Klubs 2009 so. Die Vorwürfe: Der Verein ist nur ein Scheinkonstrukt, geleitet von Managern des österreichischen Getränkekonzerns Red Bull, er lebt nicht durch Mitgliedschaften. Und es gibt ihn nicht aus sportlichem Antrieb, er ist nichts anderes als eine Marketingplattform – was ihn von den Betriebssportgemeinschaften in Wolfsburg (VW) und Leverkusen (Bayer) unterscheidet. Und Red-Bull-Eigner Didi Mateschitz hat – anders als Dietmar Hopp in Hoffenheim – keine regionale Beziehung zu seinem Projekt.

Rasenballsport Leipzig tut sich schwer, Testspielgegner zu finden, es gibt die bundesweite Bewegung „Nein zu RB“, Spielpläne und Tabellen, in denen RBL weggelassen wird, und das meinungsbildende Fußballkulturmagazin „11Freunde“ hat sich gegen das Leipziger Kunstprodukt positioniert.

Osnabrück hat eine problematische Fan-Szene, die Atmosphäre wäre vermutlich auch bei einem anderen Pokalgegner hitzig gewesen. Doch geschehen ist der fatale Feuerzeugwurf eben im Kontext eines Leipzig-Spiels.

Nach dem Werfer wird gefahndet. Die Polizei sichtete gestern ihre Aufnahmen des Osnabrücker Blocks, auch Mitschnitte von Smartphones anderer Besucher sollen ausgewertet werden.

Kommentare