Charaktersieg und Blutspuren im Derby

3:2 nach 0:2 – EHC München findet in Ingolstadt zur Effektivität zurück – Torwart Reimer krank, Verteidiger Lewis verletzt Von Günter Klein

Ingolstadt – Es hat noch geweihnachtet am Samstag in der Ingolstädter Eishalle. Schöne Bescherung: Nach dem Spiel des örtlichen Klubs, des ERC, wurde eine Kindergruppe durchs Stadion geführt, sie durfte sogar Pressekonferenz spielen. Ingolstadts Torhüter Timo Pielmeier und Stürmer Alexander Oblinger setzten sich bereitwillig vor eine Stellwand mit den Sponsorenlogos und erklärten, wie Eishockey geht.

„Ich bin die Amelie, und meine Frage ist: Wie viele Zähne habt ihr noch?“, fragte ein Mädchen. Großer Heiterkeitserfolg. Bei Pielmeier noch alles vorhanden, „bei mir“, sagte Oblinger, „haben die vorderen Schneidezähne schon dran glauben müssen.“ Und er deutete ein Spiel mit seiner Zahnprothese an, so dass die Kinder leicht erschraken.

Dass Eishockeyspieler Zähne verlieren, ist ein Klischee – aber nicht ganz unwahr. Jede Sekunde auf dem Eis ist gefährlich – der schnelle Puck, der Schläger des Gegenspielers. Es kann den routiniertesten Mann treffen, urplötzlich.

Grant Lewis, Münchner Verteidiger, beendete das Spiel in Ingolstadt mit allen Zähnen, mit denen er angetreten war. Das war für ihn die gute Nachricht – eingebettet in die schlechte. Er sah ramponiert aus, als er in der 50. Minute das Eis verließ, gestützt von Betreuern. Der Kiefer war angeschwollen, Lewis hatte heftig geblutet, rote Batzen lagen auf dem Eis, es musste zur Säuberung der Eismeister gerufen werden.

Was war geschehen? Offiziell nichts, denn es wurde keine Strafe gegen einen Ingolstädter ausgesprochen. Münchens Trainer Pierre Pagé hatte die Schiedsrichter gleich angesprochen: „Habt ihr zu 100 Prozent gesehen, dass da nichts war?“ In der Wahrnehmung der Münchner war da sehr wohl etwas: Derek Hahn, Stürmerstar des ERC Ingolstadt, soll den Stock hochgerissen und Lewis auf diese Weise getroffen haben. „Wir werden uns die Szene auf dem Video genau ansehen“, kündigte EHC-Manager Christian Winkler an, ehe er gestern auf eine Reise nach Schweden ging (zur Junioren-WM nach Malmö). Gegebenenfalls werde dann die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) angerufen, sie kann einen Spieler, dem eine Verfehlung nachgewiesen wird, nachträglich sperren. München (7.) und Ingolstadt (8.) sind punktgleich, beide wollen sie auf mindestens den sechsten Platz. Man kämpft – auf allen Ebenen.

3:2 gewann der EHC München in Ingolstadt – nach 0:2-Rückstand. „Ein Charaktersieg“, sagte Trainer Pierre Pagé. Seine Truppe hatte ohne Darren Haydar auskommen müssen (mit Kanada beim Spengler-Cup in Davos) und die erkrankten Felix Petermann und Jochen Reimer. „Weihnachtsgrippe – vorsichtig“, so der Coach. Torwart Reimer hatte bereits am zweiten Feiertag bei der überraschenden 2:5-Heimniederlage gegen Augsburg unter Magen-Darm-Problemen gelitten, aber nichts gesagt. Pagé stellte nun Ersatzmann Niklas Treutle ins Tor, der in Ingolstadt gerade in der Schlussphase einige starke Paraden ablieferte. Für Jochen Reimer wird es wohl auch fürs heutige Spiel gegen Krefeld (19.30 Uhr/Servus TV) nicht reichen.

Ingolstadt spielte besser, der EHC effektiver, Daniel Sparre (16.), Thomas Merl ((37.) und Jan Urbas (58.) verwerteten ihre Chancen vor vollem Haus (4815 Zuschauer). Derby-Atmosphäre auf den Rängen, ein stetes vokales Hin und Her zwischen Ingolstadt- und München-Block: „Selbst in München kennt euch keine Sau.“ – „Hurra, das ganze Dorf ist da.“ – „Ohne Red Bull wärt ihr gar nicht hier.“ – „Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf.“ – „Und wie heißt ihr nächstes Jahr?“

Der vom österreichischen Getränkekonzern am Leben gehaltene EHC München kennt diese Begleitmusik. Pierre Pagé hört weg, für ihn zählt nur das Sportliche: „Wir sind zurück im Rennen.“

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