Ein buntes Volk

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Von Günter Klein. Eine typische Läuferbewegung ist diese: Rechte Hand sucht linkes Handgelenk, Daumen drückt auf die Stoppuhr.

So fangen sie alle an: Die vorne an der Linie stehen und wegspritzen, weil sie schon auf dem ersten Kilometer in Position und im angestrebten Schnitt sein wollen. Und die, die erst Minuten später die Startlinie erreichen, weil sie warten müssen, bis sich die Masse Mensch mit ihnen vorgeschoben hat. Doch auch für die, die gemächlich und johlend lostrotten, ist es ein Rennen. Ganz vorne laufen sie um den Sieg über den Gegner, weiter hinten um den Sieg über eine Zeitmarke und sich selbst. Und ganz am Schluss ums Ankommen. Und darum, sagen zu können: Ich habe es geschafft, ich bin Marathonläufer.

Bei den großen City-Marathons umfasst das Feld derer, die sich für die Volldistanz von 42,195 Kilometern angemeldet haben, Tausende von Leuten, in München werden es am Sonntag 6950 sein. Die schnellen werden ins Ziel kommen, wenn die langsamsten gut ein Drittel der Strecke hinter sich gebracht haben. Der Sieger ist mit seinen Preisen schon auf dem Nachhauseweg, wenn das Ziel schließt. In München sechseinhalb Stunden nach dem Startschuss.

Die Marathonis – was für ein buntes Völkchen. Wen man dabei alles antrifft.

Die Profis: Der Marathon wird beherrscht von Afrikanern, vor allem Kenianern, Äthiopiern. In der ewigen Weltrangliste stehen allein 230 Kenianer vor dem besten Deutschen. Das heißeste Thema der Branche derzeit: Wann wird der erste Läufer durch die Zwei-Stunden-Schallmauer brechen? Knapp drei Minuten fehlen noch.

Woran der Profi zu erkennen ist: an seiner Figur. Er ist klein, spindeldürr, scheint nur aus Gliedmaßen zu bestehen. Und: Neben einem schwarzen Marathonprofi wirkt auch ein schlanker weißer fast dicklich.

Das Spitzenfeld: In München wird man keine Top-Afrikaner antreffen, das Konzept sieht vor, auf den „Einkauf“ dieser Leute zu verzichten. Hier wird keine Zeit unter 2:05 Stunden gelaufen, der Sieger in München wird ein Viertelstündchen länger auf der Strecke sein. Und vielleicht sogar ein Bayer und eine Bayerin. Vom Laufen leben kann man als Zwei-Stunden-zwanzig-Athlet nicht. Aber trainieren muss man, als wäre es der Brotberuf. Günther Zahn, bekannt geworden 1972 als olympischer Fackelläufer, ist Trainer des Münchner Vorjahressiegers Tobias Schreindl (Passau). Er sagt: „In der unmittelbaren Marathon-Vorbereitung läuft man in der Woche bis zu 250 Kilometer.“ Zur aktiven Zeit von Zahn „war das Training sogar noch intensiver, denn wir sind die Einheiten schneller gelaufen, als das heute üblich ist“.

Die Bleistifte: Sie sind Ausdauertalente, sie haben die Beine, die es ihnen ermöglichen, die 42 Kilometer unter drei Stunden zu laufen. Aber sie wollen mehr: 2:45, 2:40, 2:35 vielleicht. Das geht, auch wenn man im Berufsleben steht. Man muss das Training eventuell arbeitswegintegriert gestalten, das ist so ein Terminus: Morgens zur Arbeitsstelle laufen, abends zurück. Und wenn das zu wenig Kilometer sind, dann noch regulär trainieren. Vor allem am Wochenende: Sonntags wird gerne mal eine 30-km-Einheit runtergerissen.

Unter den Bleistiften findet man viele großgewachsene Läufer, die für bessere Zeiten dann doch zu massig sind. Gegenüber dem Normalläufer punkten sie mit enormer Schrittlänge.

Die Manager: Es gibt wissenschaftliche Erhebungen dazu. Vor allem Männer mit Personalverantwortung sind überdurchschnittlich vertreten unter den Marathonläufern, mehr als andere Berufsgruppen. Warum das so ist: Wer Marathon läuft, beweist, dass er über Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit verfügt, dass er sich überwinden, dass er planen kann. Das soll wiederum ein Einstellungsvorteil sein. In Frankfurt beim Marathon gibt es sogar eine eigene Manager- und Führungskräfte-Wertung. Zeiten kommunizieren die laufenden Manager offensiv natürlich nur, wenn es schmückende Zahlen sind. Wobei eine, die mit „Zwei Stunden. . .“ beginnt, fast schon verdächtig ist (hat wohl zu viel Zeit zum Trainieren), „Drei Stunden nochwas“ ist perfekt.

Die breite Masse: Die vier Stunden sind die Schallmauer des kleinen Mannes. Bei den Stadt-Marathons mit üppigen Teilnehmerfeldern werden Zugläufer eingesetzt, die einen Ballon mitführen, auf dem die magischen Zahlen stehen: 3:59 etwa oder gerne auch schneller. Wobei: Am Ballon wird konstant das Tempo gelaufen, das nötig ist, um eine Zeit zu erreichen. In dieser Leistungsklasse sieht die Realität aber anders aus: Man wird hinten raus langsamer, man bricht ein (wenigstens zwischendurch mal, wenn der „Mann mit dem Hammer“ kommt). Deshalb: Wer unter vier Stunden ankommen will, orientiert sich am 3:45-Ballon – solange es geht.

Ein 3:30-Zugläufer hat neulich vor dem Berlin-Marathon in der „Zeit“ erzählt, wie es in seinem Feld zugeht. „Hier wird am meisten gekotzt“, sagte er. Begründung: Eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was die Läufer erreichen wollen und wofür sie trainiert sind. Was jenseits der 30 Kilometer kommt, erfahren die meisten erst im Wettkampf. Man läuft 42,195 Kilometer nicht so einfach im Training.

Die Radiergummis: Das sind die Läufer, denen man die Marathon-Leidenschaft nicht ansieht. Sie gelten aber als durchhaltefähig, vor allem Frauen überraschen mit Zähigkeit. Marathon-Weisheit: Die Bleistifte können abbrechen, die Radiergummis rollen weiter. Bis ins Ziel.

Jeder 600. Deutsche ist Marathonläufer. „Wer zwischen drei und fünf Stunden läuft“, sagt der Fürstenfeldbrucker Ali Schneider, Veranstalter von Marathonreisen, Streckenvermesser und Mitbegründer des München Marathon, „der betreibt Hochleistungssport und verdient Achtung“.

Die Auffälligen: In München wird man wieder Läufer sehen, die Lederhose oder Dirndl tragen. Vielleicht einen, der im Kellnerkostüm antritt und ein Tablett balanciert. Manche verkleiden sich als Bären oder Kängurus oder, wie eine Truppe von vier Augsburgern, als Teletubbies, Normal laufen sie einen Marathon in 3:20 Stunden, wenn sie unterwegs Jux und Tollerei betreiben, kann es zwei Stunden länger dauern. Man sollte sich auch kein bisschen wundern, falls in München eine Bierflasche an einem vorbeiläuft. Eine Brauerei aus dem Münchner Umland mietet gerne mal ausdauernde Langstreckler an, um sie Werbung für ihr alkoholfreies Produkt (im Wortsinn) laufen zu lassen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Der Applaus des Publikums an der Strecke ist jedem Verrückten gewiss.

Die Sammler: Sie sind ein Club, sie haben in Deutschland 300 Mitglieder, und aufgenommen wird nur, wer nachweist, dass er 100 Marathons oder Ultradistanzen (noch länger als 42,195 km) bewältigt hat. Klaus Bangert ist Vorstandsmitglied des „100 Marathon Club“, er hat 267 Marathons hinter sich, als nächste Marke strebt er die 300 an. Denn damit kommt man in die vom japanischen 100 Marathon Club geführte ewige Bestenliste. Die wird angeführt von Christian Hottas, einem Arzt aus Hamburg, der um die 2300 Mal beim Marathon gefinisht hat. Hottas, 57, hat eine ausgeprägte Radiergummi-Figur, ja er trägt ein richtiges Bäuchlein vor sich her, sein Laufstil ist geduckt und wirkt schleppend, er benötigt über fünfeinhalb Stunden von Start bis Ziel.

„Der sportliche Ehrgeiz geht bei uns ins Sammeln von Läufen“, erklärt Bangert, „im Vordergrund stehen Spaß und Geselligkeit. Unsere Zeiten sind eher unauffällig“. Eine Hunderter-Szene gibt es in 40 Ländern. Man trifft die Hunderter eher bei kleineren Veranstaltungen (Bangert: „Kann auch mal ein Lauf mit zwanzig bis vierzig Teilnehmern sein“) als bei den Großstadt-Veranstaltungen. Mit ein Grund dafür ist: Die City-Events verschlingen schon mal zwei, drei Tage inklusive An-, Abreise, Startnummernabholung. So viel Zeit hat man dann auch nicht, wenn man im Jahr 15 bis 30 Marathons laufen will. Das ist der Schnitt im Club. Bangert: „Es gibt aber auch welche, die 100 im Jahr laufen.“ Zum Vergleich: Wer auf eine gute Zeit aus ist, kann allenfalls zweimal pro Saison – im Frühling, im Herbst – Leistung bringen.

Der Mann mit dem Hammer schlägt auf die Dauerläufer nur noch selten ein. „Es ist eher so, dass man eine Müdigkeit in den Knochen spürt“, sagt Klaus Bangert.

Der Mann mit dem Hammer hat es ja eigentlich auf alle normalen Läufer abgesehen. Er kommt je nach Konstitution des Athleten. Sind die Kohlehydratdepots des Körpers leergelaufen, geht es an die Substanz, Fett wird verbrannt, Stoffe wie Salz gehen verloren. Das ist die biochemische Erklärung für Erschöpfung. Man kann über diesen Punkt des Zweifels und der sich anbahnenden Willenslosigkeit hinwegkommen – und unter Umständen ins „Runner’s High“ geraten. Dann machen sich die Glückshormone auf den Weg und reden dem Körper ein, dass er wieder frisch ist. Viele erleben diesen Zustand aber nie.

Die Spaziergänger: Als in den 80er-Jahren sich die Städtemarathons über die Bundesrepublik ausbreiteten, wurde nach spätestens fünfeinhalb Stunden das Ziel abgebaut, wer dann nicht da war, wurde nicht gewertet. Längst sind die Veranstalter großzügiger. Marathon-Reisen-Veranstalter Ali Schneider hat Kunden, die in New York bis zu acht Stunden unterwegs sind. Wandertempo. „Aber diesen Leuten geht es darum, dass sie sagen können, sie haben es einmal gemacht.“

Jedenfalls: Wenn sie ankommen, geht die rechte Hand erst einmal zur Stoppuhr. Wie bei den Spitzenleuten. Im Ziel sind alle Marathonis wieder gleich.

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