DIE GRENZEN DER BAYERN-FRAUEN

Antrieb oder Sargnagel

Andreas WernerSie erreichen den Autor unterandreas.werner@ovb.net
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Andreas WernerSie erreichen den Autor unterandreas.werner@ovb.net

Am Sonntag, drei Tage vor dem Rückspiel der Bayern-Frauen gegen Paris, ereignete sich im Kabinengang des Grünwalder Stadions eine kuriose Szene.

Annike Krahn, Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin in Diensten von Bayer Leverkusen, rannte mit Tempo zur Umkleide und wäre um ein Haar in eine Glastür geschlittert. Erst in letzter Sekunde fing sie sich. Ein gutes Omen für die Münchnerinnen? Annike Krahn spielte bis zum Sommer bei Paris St. Germain – ein Vorbote, dass die Französinnen ausrutschen würden? Im Nachhinein werden Auguren die Geschichte anders deuten: Annike Krahn, obwohl dochdekoriert, musste Paris verlassen, weil sie nicht mehr mithalten konnte. Rutschgefahr besteht vielmehr für die, denen das Level zu hoch ist.

Den Bayern-Frauen sind in diesem Viertelfinale der Champions League deutlich die Grenzen aufgezeigt worden. Das ist weder verwunderlich noch ein Grund, sich zu schämen. Wichtig ist allein, welche Schlüsse der Verein aus dieser Erfahrung zieht. Sind die Lehrstunden durch Paris St. Germain nun der Antrieb, die Frauen-Fußball-Sparte künftig noch aktiver anzugehen – oder ein Sargnagel nach dem Motto: Ach, da kommen wir nicht oben ran. Belassen wir es bei dem Aufwand, den wir jetzt betreiben.

Dass es eine derartige Abreibung gab, ist nachzuvollziehen. Die Bayern hatten etliche verletzte Stammkräfte, Paris gehört seit Jahren zur Bel-Etage des internationalen Frauen-Fußballs, und die Münchnerinnen sind trotz zwei Meisterschaften in Serie längst nicht auf dem obersten Level etabliert. Aber manche mögen sich noch gut daran erinnern, dass es auch eine Zeit gab, in der das Männer-Team von der Säbener Straße in Europa Schrecken nur in überschaubarem Rahmen verbreitet hat.

Es kann nur Schritt für Schritt gehen, nach wie vor. Doch unter dem Strich steht mehr als ein ernüchterndes 0:4. Am Beispiel Paris sah man, was alles möglich ist. Wichtig war zudem der hohe Spaßfaktor im Hinspiel, als 7300 Zuschauer auf den Rängen mitfieberten. In dieser Partie wurde klar, warum Frauen-Fußball seine Berechtigung hat. Sie bot alles: Kampf bei den Münchnerinnen, Finesse bei den Französinnen – und Stimmung auf den Tribünen.

Das Duell im Prinzen-Park zeigte, wie viel Luft insgesamt für Bayern nach oben ist. Unter den 12 000 Zuschauern saßen die Stars der PSG-Männer, der Verein investiert viel in die Frauensparte. In England forcieren die Top-Klubs diesen Bereich, Paris und Lyon geben seit jeher den Takt an, der FC Barcelona greift an. Bayern muss überlegen, ob man ernsthaft im Frauen-Fußball mithalten will. Sonst bleibt man auf der Strecke. Wie Annike Krahn.

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