SKISPRUNG-TRAINER LEITNER ÜBER WELLINGER UND ANDERE MUSTERSCHÜLER, DIE NUN TOURNEEFAVORITEN SIND

„Andis Charakter ist enorm“

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Oberstdorf – Er ist einer der effizientesten Talentschmiede der deutschen Skispringer.

Mit Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler haben gleich zwei der derzeitigen Topspringer ihre Grundausbildung Christian Leitner zu verdanken. Der 46-Jährige ist an der Berchtesgadener Christophorus-Schule, einer Eliteschule des Wintersports, als Trainer aktiv. Im Interview spricht er über seine Musterschüler.

-Christian Leitner, zwei Deutsche gehen als Topfavoriten in die Vierschanzentournee. Erleben wir eine neue goldene Ära?

Ach, ich weiß nicht. Wir waren in den letzten Jahren mit Severin Freund als besten der Mannschaft ja auch schon gut. Da hat es halt bei der Tournee nicht funktioniert. Was jetzt passiert, ist erst mal eine Momentaufnahme. In dieser Sportart kann vieles sehr schnell kippen.

-So wie es Richard Freitag erlebt hat ...

Im Fall von Richard Freitag stecke ich nicht drin. Aber generell ist es so, dass sehr viele Springer im Weltcup körperlich auf einem sehr guten Niveau sind. Und dann reicht ein einzelnes Erfolgserlebnis und vieles geht sehr viel leichter.

-Das dürfte auch für Ihren früheren Schützling Andreas Wellinger gelten, der seit seinem Sieg in Willingen im Höhenflug ist.

Der Andi ist in den letzten Jahren sehr gereift. Ich denke, das ist auch ein ganz entscheidender Faktor. Und was auch wichtig ist: Er weiß auch, was man tun muss, wenn man am Boden war. Wenn man Verletzungen hatte wie er, als er in Kuusamo so schwer gestürzt ist. Sich da wieder zurückzukämpfen, das ist schon ein enormer Charakter von dem Kerl.

-Hat man diese Seiten schon erkennen können, als er zu Ihnen kam?

Andi Wellinger ist 2008 ja als Kombinierer aufgenommen worden – vom Skiclub Ruhpolding. Nach drei Jahren wollte er nicht mehr Langlaufen und dann ist er zu uns in die Gruppe gekommen. Er hatte auf jeden Fall gute Voraussetzungen. Mit seiner Größe, seinen Hebeln. Es war schon klar, dass das vielleicht etwas werden könnte. Aber dass das dann gleich so funktioniert, das hat man nicht voraussehen können.

-Kann man rückblickend sagen, was den Ausschlag gegeben hat?

Was bei ihm sicher ein wesentlicher Punkt war: Er hat sich entschieden, die Schulzeitstreckung anzunehmen. Man kann bei uns ja die letzten zwei Jahre im Abitur auf drei Jahre strecken. Das war aus meiner Sicht ein entscheidender Schritt, weil die Anforderungen der Schule auch immer höher werden. Das hilft schon sehr, gerade wenn man sportlich besser wird. Ich glaube, dass er in den letzten beiden Jahren bei uns nicht mehr oft in der Schule war. Da ist das System bei uns an der Eliteschule des Wintersports, dem CJD, schon eines der besten in Deutschland. Da ist es ein großer Vorteil, wenn du eine staatlich anerkannte Privatschule bist.

-Mittlerweile hat er die Schule beendet und ist nach München gezogen. Für Bundestrainer Schuster ein Schlüsselaspekt.

Ja, das denke ich auch. Er macht dort ja auch viel mit Severin Freund. Wenn der erst wieder fit ist, dann wird das dem Andi auch noch einmal viel helfen. Das wird auch so kommen. Der Severin ist ein Kämpfer. Nächstes Jahr ist er wieder da.

-Nicht zu vergessen Markus Eisenbichler, der bei den Aufzählungen gerne übersehen wird.

Ja, und er ist ein ehrgeiziger Typ, der sich nie damit zufriedengibt, der Zweite oder Dritte zu sein. So eine Situation wie im letzten Jahr, wo er plötzlich vorne war, das war schon seins. Das haben ihm nicht viele zugetraut, aber er ist mit der Rolle immer besser zurechtgekommen. Markus ist übrigens auch als Kombinierer zu uns gekommen.

-Was auffällt, ist Ihre Quote. Drei Topspringer der letzten Jahre kamen von Ihrer Schule.

Na ja, zunächst einmal haben diese Jungs in ihren Vereinen schon sehr gute Trainer gehabt. Irgendwann ist es halt die Entscheidung, ob man auf ein Internat geht. Ich denke, in Deutschland ist der Schritt nach oben heute nicht mehr zu schaffen, ohne an ein Skiinternat zu gehen. Und da sind wir eine der Eliteschulen. Wobei wir auch noch den Vorteil haben, dass wir vom Schulsystem unabhängig sind. Bei uns gibt es alle. Aber was die Talente betrifft – es gibt schon auch andere Typen als diese drei. Wir haben auch Kinder, die gehen nach drei Wochen wieder nach Hause, weil sie mit dem Internatsleben nicht zurechtkommen oder Heimweh haben. Aber dafür gibt es Probewochen.

-Wie funktioniert der Schritt zu Ihnen?

Man muss entweder dem D/C-Kader angehören oder in der Schülermannschaft des Bayerischen Skiverbandes sein. Dort sehen wir die Kinder, los geht es ja mit 13, 14 Jahren schon das ganze Jahr über bei Nachwuchswettkämpfen. Wenn da welche rausstechen, dann haben wir sie auf dem Schirm. Jetzt sind gerade wieder zwei talentierte Burschen auf dem Vormarsch. Vielleicht holen wir die fürs nächste Schuljahr.

-Noch einmal zurück zur Aktualität: Wagen Sie einen Tipp für die Tournee?

Da lege ich mich nicht fest. Aber dass Richard Freitag die Tournee gewinnen kann, liegt nach seinen Vorleistungen auf der Hand. Ebenfalls Chancen sehe ich für Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler. Viel hängt wohl davon ab, wie das erste Springen verläuft. Wenn das gut ist, dann kann das die Tournee der Deutschen werden.

Das Gespräch führte Patrick Reichelt

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