EX-SKIRENNFAHRER MICHAEL VEITH, SELBST GERADE VERUNGLÜCKT, ÜBER STÜRZE UND DIE SUCHT DER ATHLETEN

„Abfahrer sind eine eigene Rasse“

München – Michael Veith wurde kürzlich 60 Jahre alt, eigentlich war es sein zweiter Geburtstag, wie er selber sagt.

Es war eng für den früheren Weltcup-Abfahrer nach seinem schweren Ski-Unfall im Freeriding-Gelände am Wallberg – verdammt eng. Am 19. Januar, einen Tag vor dem Geburtstag, wurde Veith von Professor Georg Gradl im Klinikum Harlaching operiert, die Bandscheibe zwischen zwei Halswirbeln war gerissen, er entkam nur knapp einer Querschnittslähmung. Gut eine Woche danach, am vergangenen Wochenende, stand Veith mit Halskrause schon wieder als Zuschauer im Ziel der Weltcup-Rennen von Garmisch-Partenkirchen, wo am Freitag katastrophale Stürze passierten. Auf der Kandahar hatte der Veith Michi bei der Weltmeisterschaft 1978 die Silbermedaille gewonnen. Wir sprachen mit ihm über die besondere Mentalität von Abfahrern.

-Michael Veith, Ihre Verletzung war dramatisch. Spürten Sie Todesangst?

Die Halswirbel sind nur noch geschwommen, hatten keine Fixierung mehr. Ich bin kopfüber in ein Bachbett gestürzt, dort mit der linken Gesichtshälfte auf einem Baumstamm aufgeschlagen. Da gab es einen leichten, fiesen Knacks im Genick. Das Rückenmark war gequetscht, die Bandscheibe zerfetzt. Für etwa zehn bis 15 Minuten hatte ich kein Gefühl in Armen und Beinen.

-Aber Sie waren bei Bewusstsein?

Ich habe mit Flachatmung gegen Erstickungsanfälle gekämpft. Alles bei vollem Bewusstsein – ein beschissenes Gefühl. Erst langsam kam das Gefühl wieder zurück. Ich habe mich noch nie im Leben so über Schmerzen gefreut, weil sie zeigten, dass ich wieder etwas spüre. Ich hatte einen Schutzengel hoch zehn.

-Bei den Stürzen auf der Kandahar am Freitag hätte auch einer der Verunglückten ums Leben kommen können. Müssen Abfahrer lebensmüde sein?

Nein. Du wirst groß mit diesem Sport, es ist deine Leidenschaft, Natürlich musst du dich mit Geschwindigkeit und Risiko wohlfühlen. Es ist nicht so, dass die Abfahrer oben ihr Hirn abgeben oder, wenn sie die Startnummer drüberziehen, in einer anderen Welt sind.

„Es ist nicht so, dass die Fahrer oben ihr Hirn abgeben“

-Aber so kommt es einem manchmal vor.

Du stehst unten im Ziel und bist vielleicht beschissen gefahren. Dann kommt gleich der Gedanke: Du musst das nächste Mal diese Strecke unbedingt wieder bezwingen und schneller sein. Diese Leidenschaft liegt dir im Blut.

-Aber verrückt muss man doch sein, wenn man sich immer wieder der Gefahr von schweren Stürzen aussetzt.

Ja, für andere Menschen sind Abfahrer vielleicht schon verrückt. Aber Formel-1-Piloten oder Motorradfahrer sind auch verrückt.

-Es immer wieder herauszufordern? Zu sehen, wie lange es gut geht? Eine Lindsey Vonn fährt mit Metallplatte im Arm und stürzt zweimal . . .

Du machst es ja aus Leidenschaft, das ist auch eine Sucht. Die lässt es dich ertragen, dass du dich bei Verletzungen immer wieder zurückarbeitest. Es kommt auch der Zeitpunkt, wo man sagt: Okay, das war’s. Dann ist der Athlet nicht mehr bereit, dieses Risiko einzugehen. Das Risiko baut sich bei Athleten am Start oben auf. Der Start ist ganz entscheidend: Du fährst los und bist nur noch darauf fokussiert, diese Abfahrt möglichst schnell runterzufahren. Der Athlet will sich selbst befriedigen.

-Der schwerste Sturz passierte hier in Garmisch dem Franzosen Valentin Giraud Moine. Beide Knie kaputt. Glauben Sie, dass der nochmal zurückgekommen kann?

Das wäre eine brutale Leistung. Wenn die Verletzungen so gravierend sind, dass alle Bänder ab sind, dann kann man sich schwer vorstellen, dass der nochmal in Kitzbühel runterfährt. Nur: Abfahrer denken anders. Es gab schon andere schwere Verletzungen: Hermann Maier nach seinem Beinbruch – jeder hat gesagt: Mit diesem Bein fährt der nie wieder. Maier hat sogar wieder Rennen gewonnen. Das sind mentale Leistungen, die gnadenlose Disziplin abverlangen. Bei solchen Verletzungen ist entscheidend, was oben im Kopfkino abläuft. Ob einer sagt: Ich will unbedingt wieder zurück . . .

-. . . wegen der Sucht nach Gefahr?

Das ist ja das Verrückte, dass man trotzdem wieder zurück will, weil es sich der Athlet selbst beweisen will. Das ist für Außenstehende schwer nachzuvollziehen. In anderen Berufen kriegt man, wie im Sport auch, manchmal Dämpfer, nach denen man sich wieder aufrichten muss, kämpfen muss. Das ist im Sport, besonders im Skisport, natürlich extrem.

„Dave Irwin aus Kanada wurde Dave Irrsinn genannt“

-Aber Abfahrer haben doch, mit Verlaub, einen an der Waffel, wenn Sie sich mit 130 km/h im dünnen Rennanzug den Berg hinunterstürzen?

Jeder kennt das Risiko, aber das schweißt auch zusammen. Ich habe zum Beispiel zu den Kanadiern aus meiner Zeit, die „crazy canucks“ wie Brian Stemmle, der auch öfter schwer verunglückt ist, Steve Podborski, Ken Read, Todd Brooker oder Dave Irwin, der den Spitznamen „Dave Irrsinn“ hatte, immer noch gute Verbindungen. Man hat gemeinsam viel erlebt, auch viel Scheiße überlebt. Abfahrer sind ein eigener Schlag, eine eigene Rasse. Aber nicht unsympathisch.

-War, wie viele Läufer sagten, nur eine Trainingsfahrt auf der Kandahar zu wenig?

Das war und ist eine der anspruchvollsten Abfahrten. Die fordert dem Läufer konditionell alles ab, sie hat alles drin: Schwierige und schnelle Kurven, Gleitstücke und Sprünge. Bei diesen unruhigen Verhältnissen muss man sehen, dass man vor dem Sprung bereit ist. Wenn du nur eine Millisekunde zögerst, dann kommst du in gewaltige Schwierigkeiten. Gerade für die jungen Athleten sind mehrere Trainingsfahrten unverzichtbar. Man muss sich erst orientieren, wo man den Schwung ansetzt. Bei nur einer Trainingsfahrt muss man ja gleich voll angasen. Die Stürze hier waren individuelle Fehler. Die Jungs gehen Kampflinie, aber sie wissen, dass sie sich auf einem schmalen Grat bewegen. Läuft es gut, bekommen sie Selbstvertrauen, aber ein kleiner Verreißer, dann bist du weg. Das weiß man, wenn man Abfahrt macht. Jeder Sturz ist schnell passiert, aber das gehört einfach zur Abfahrt.

-Grundsätzlich sagen Sie also: Der Abfahrtssport ist nicht zu gefährlich?

Zu unserer Zeit bis heute: Stürze hat es immer gegeben. Auch bei uns gab es Rennen mit ganzen Sturzserien und schlimmen Verletzungen. Als am Freitag der Kanadier Erik Guay auf der Kandahar abgeschossen ist, da erinnerte ich mich an den Gattermann Klaus, wie er damals von der Hausbergkante wie von einem Katapult weggeschossen ist. Wir hatten halt keine Fangzäune, das waren eher Fischernetze.

Das Gespräch führte

Jörg Köhle

Kommentare