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Unzuverlässige Heilige

Abt Mauritius Knauer (1613 bis 1664), der Begründer des Hundertjährigen Kalenders, auf einem Stich von Anfang des 18. Jahrhunderts.
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Abt Mauritius Knauer (1613 bis 1664), der Begründer des Hundertjährigen Kalenders, auf einem Stich von Anfang des 18. Jahrhunderts.

Es war der Zisterzienser-Abt Mauritius Knauer, der 1652 bis 1658 das Wetter eines jeden Tages genau aufzeichnete und anschließend den Wetterablauf dieser Jahre miteinander verglich. Dabei stellte er fest, dass sich Plus- und Minusgrade in bestimmten Zeitabschnitten nicht aufhoben, sondern für manche Perioden eine Regularität erkennen ließen.

Er konnte so eine Reihe von damals schon bekannten Wetterregeln bestätigen. Es lag ihm jedoch fern, einen hundert Jahre gültigen Wetterkalender aufzustellen.

Knauer wollte lediglich seinen Gartenbau- und Landwirtschaftsmönchen eine Planungshilfe bieten. Dass später einmal daraus der "Huntertjährige Kalender" werden sollte, war sicher nicht seine Absicht. Dennoch darf Mauritius Knauer als einer der Väter der ernsthaften Wetterbeobachtung und damit der Wissenschaft der Meteorologie bezeichnet werden.

Bauernregeln und Wetterstatistik

Auch heute beschäftigt sich die Wetterstatistik mit Wetterregeln, stehen ihr doch Unmassen von Messdaten aus fast 140 Jahren Wetteraufzeichnung zur Verfügung. Unter Auswertung dieser Daten wurde festgestellt, dass es tatsächlich eine ganze Anzahl statistischer Regelfälle mit hoher Treffsicherheit gibt. Die Wetterforscher übernahmen für diese wissenschaftlich bestätigten "Bauernregeln" die volkstümlichen Bezeichnungen in die meteorologische Terminologie, sofern sie auch von früheren aufmerksamen Naturbeobachtern deutlich erkannt worden sind. Es wurde aber auch eine Reihe von Regelfällen nachgewiesen, deren Wahrscheinlichkeit weit höher anzusetzen ist als die so mancher Bauernregel, die aber überraschenderweise von den früheren Laienbeobachtern nicht oder nicht voll erkannt worden sind. Vielleicht waren diese Regelfälle zu unauffällig oder zu selbstverständlich.

Von einem Regelfall (Regularität oder Singularität) der Witterung wird in der meteorologischen Statistik dann gesprochen, wenn er mit einer mindestens 67-prozentigen Wahrscheinlichkeit erwartet werden kann. Das heißt, er muss durchschnittlich in wenigstens zwei von drei Jahren eintreffen. Dabei ist es wiederum durchaus möglich, dass der Regelfall drei oder vier Jahre ausbleibt, um dann in den nächsten Jahren sechs- oder siebenmal hintereinander pünktlich einzutreffen. Dabei wird eine Verschiebung um einige Tage nach vorne oder hinten in der Statistik toleriert.

Ein großer Teil dieser statistisch belegbaren Regelfälle wurde bereits in altbekannten Lostagen und kalendergebundenen Witterungstypen festgehalten ist. Etliche Wetterregeln sind aber auch blanker Unsinn, widersprüchlich oder zumindest ungenau. So manche Bauernregel wurde nämlich "importiert", nur weil sie sich lustig oder schlagkräftig anhörte. Es dürfte jedoch jedem einleuchten, dass eine Regel, die in Böhmen oder Südtirol ihre Berechtigung hat, in Bayern keineswegs zutreffen muss.

Achtung: Kalenderreform

Eine äußerst folgenschwere Veränderung bewirkte Papst Gregor XIII. im Jahr 1583. Der bis dahin gültige Julianische Kalender (von Julius Caesar eingeführt) kannte keine Schalttage und -jahre. So passten nach rund 1600 Jahren Sonnenstand und Kalender nicht mehr zusammen. Diese Divergenz war den päpstlichen Mathematikern und Astronomen längst bekannt. Also verfügte Papst Gregor XIII. per päpstlicher Bulle für das gesamte christliche Abendland, dass auf den 4. Oktober 1583 unmittelbar der 15. Oktober zu folgen habe. Jetzt stimmte der Kalender wieder mit dem Sonnenstand überein. Ab sofort gab es auch Schalttage und -jahre - der Gregorianische Kalender war geschaffen. Aber Gregor hat etwas versäumt: Er hat die Heiligen im Kalender nicht mitverschoben. Die Macht dazu hätte er gehabt. Dies hat zur Folge, dass einige sehr alte und auf ein bestimmtes Datum oder einen Heiligen fixierte Wetterregeln zehn Tage zu früh stattfinden. So müsste der erste Eisheilige Pankratius beispielsweise nicht am 12., sondern am 22. Mai liegen, und Siebenschläfer dürfte nicht am 27. Juni, sondern müsste am 7. Juli sein.

Die meisten und wahrscheinlicheren Regelfälle betreffen jedoch Zeiträume und keine bestimmten Tage. So manche Bauernregel ist erst später formuliert worden oder ergab sich erst durch die moderne Wetterstatistik.

Die im Folgenden beschriebene Jahreszeitengliederung für Mitteleuropa hat bereits 1938 der Münchner Klimatologe August Schmauß veröffentlicht. Sie wurde von verschiedenen anderen Wissenschaftlern bestätigt und hat sich als weitgehend richtig herausgestellt.

Winterhalbjahr beginnt im Oktober

Das Winterhalbjahr wird im Allgemeinen eingeleitet von den ersten zyklonalen Herbststürmen Anfang Oktober. In den ersten zehn Tagen des November ist mit 69-prozentiger Wahrscheinlichkeit der Martinssommer zu erwarten. Es handelt sich um eine stabile Hochdrucklage, die ruhiges, sonniges Wetter bringt mit häufigen, hartnäckigen Nebel- oder Hochnebelperioden. Die Temperatur ist dann oft "für die Jahreszeit zu mild".

Irgendwann zwischen dem 10. und dem 25. Dezember schaltet sich in das nasskalte Spätherbstwetter eine sonnig-trockene Frostperiode ein, der Frühwinter. Diese Kälteperiode, die ihre Ursache in einem osteuropäischen Hochdruckgebiet hat, erreicht mit ihrer Eintreffwahrscheinlichkeit gerade noch den Schwellenwert von 67 Prozent. 2014 hat der Frühwinter jedoch nur bedingt stattgefunden.

Tauwetter an Weihnachten

Der Höhepunkt der Zyklonaltätigkeit am Jahresende wird um den 6. Januar erreicht, eingeleitet durch die mit dem Weihnachtstauwetter (72 Prozent) oftmals unvermittelt einsetzenden Warmluftvorstöße vom Atlantik her. Diese milde Regenperiode macht vor allem den Wintersportlern Ärger.

Die kräftige Tiefdrucktätigkeit klingt dann mit der Zunahme der kontinentalen Kaltluftvorstöße des Hochwinters rasch ab. Diese Frostperiode, die meist die tiefsten Jahrestemperaturen bringt, trifft 78-prozentig in der zweiten Januarhälfte ein, vor allem zwischen dem 18. und 25. Januar. Das ist der Hochwinter.

Nach einer mehr oder weniger milden Westwetterlage ist in der ersten Februardekade infolge eines skandinavischen oder osteuropäischen Hochs der Spätwinter (67 Prozent) zu erwarten. Er kann sich bis Ende Februar ausdehnen.

Besonders wichtig in der Folge ist das unruhige Aprilwetter, das aber schon Ende März beginnen kann. Die erst in der zweiten Märzhälfte maximale polare Kaltluftproduktion muss durch den atlantisch-zyklonal geprägten Witterungstyp und durch die von Süden nach Norden rasch zunehmende Einstrahlungswirkung des immer höheren Sonnenstandes überwunden und nach und nach verdrängt werden. Von Ende März bis Anfang Mai findet gleichsam der Kampf zwischen warmer Atlantikluft und kalter Polarluft, zwischen Sommer und Winter statt.

Bis Mitte Mai sind die letzten polaren Kaltlufteinbrüche mit empfindlichen Schadenfrösten überwunden. Es handelt sich um die Eisheiligen: Pankratius, Servatius, Bonifatius und die Kalte Sophie (12. bis 15. Mai). Sie sind sehr unzuverlässig, was ihre Eintreffzeit angeht. So können sie durchaus einige Tage früher stattfinden oder auch erst in der dritten Maidekade eintreffen, wo sie eigentlich auch hingehören (siehe oben: Kalenderreform!). Hinzu kommt, dass ihre Eintreffwahrscheinlichkeit deutlich unter 50 Prozent liegt. Dass sie dennoch zu den bekanntesten Wetterregeln gehören, liegt daran, dass, wenn sie kommen, ihre Fröste erheblichen Schaden anrichten. Vor allem die Apfelblüte kann darunter leiden. Braune Apfelbäume und der Ausfall der Ernte sind die Folge. So etwas prägt sich ein.

Schönes Wetter

in der Zeit der Feste

Ende Mai und Anfang Juni ist das unangenehme Kaltluft-Zwischenspiel überwunden, und es kommt der Spätfrühling. Diese für Urlaub, Festveranstaltungen und Grillabende sehr geeignete Schönwetterperiode ist in vier von fünf Jahren beinahe mit Sicherheit zu erwarten.

Aber bereits in der ersten Junihälfte setzt eine Temperaturverwerfung nach unten ein. Ursache ist eine oft über eine Woche andauernde Zufuhr kühler Meeresluft nach Mitteleuropa. Diese kühle Periode wird Schafskälte genannt. Die um diese Zeit meist frisch geschorenen frierenden Schafe verhalfen diesem regnerischen Witterungsabschnitt zu seinem Namen.

Es wird hier eine der fundamentalen Tatsachen des Wettergeschehens deutlich, auf die in diesem Zusammenhang hingewiesen sei: der unterschiedliche Einfluss von Ozean und Kontinent auf die Luftmassen und damit auf unser Wetter. Der Atlantik ist im Winter ein Wärmereservoir, Eurasien dagegen ein Kühlschrank. Deshalb bringt im Winter die Westströmung mildes, aber feuchtes Wetter, Ostströmung oder ein kontinentales Hoch dagegen klares, aber sehr kaltes Wetter. Im Sommer ist demgegenüber der Kontinent ein Ofen, das Meer ist jedoch vergleichsweise recht kühl, deshalb bringt Westwetter im Sommer eine kühle, meist ziemlich feuchte Witterung. Ein wechselnd ausgeprägtes Kältereservoir stellt natürlich das Polargebiet dar.

Hartnäckige Erhaltungstendenz

Die Maritimluftvorstöße der Schafskälte leiten eine Zirkulationsperiode ein, deren Intensität von Jahr zu Jahr sehr verschieden ausfällt. Sie wird nicht ganz zutreffend und etwas kühn gelegentlich als europäischer Sommermonsun bezeichnet. Es handelt sich entfernt um monsunähnliche Vorgänge in der Atmosphäre über Europa. Besser gerecht wird diesen Vorgängen eher die alte Siebenschläferregel (siehe oben: Kalenderkorrektur!), die schon allein deshalb eine hohe Eintreffwahrscheinlichkeit hat, weil sie sowohl eine negative, als auch eine positive Wetterentwicklung für mehrere Sommerwochen prognostizieren kann. Statistisch erwiesen ist auf jeden Fall, dass ein Witterungscharakter, der sich um Anfang Juli etabliert, eine hartnäckige Erhaltungstendenz hat. Herrscht Anfang Juli ein kräftiges Hoch über Europa, so ist es sehr wahrscheinlich, dass das Azorenhoch in den nächsten Wochen immer wieder einen Ableger schickt. Wenn aber Anfang Juli eine ausgeprägte feuchte Westströmung mit wandernden Tiefdruckgebieten vorherrscht, so ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass sich dieses Schmuddelwetter hartnäckig wochenlang hält. So geschehen im vergangenen Sommer.

Übrigens hat der Name dieser Wetterregel nichts mit dem possierlichen Nager zu tun, sondern er kommt von einer Heiligenlegende: Im Jahre 251 versteckten sich sieben Brüder in einer Höhle bei Ephesus vor der Christenverfolgung des Kaisers Decius. Erst nahezu 200 Jahre später wurden sie in ihrer Höhle gefunden und aufgeweckt.

Sollte sich aber das besagte Hochdruckgebiet lange halten oder immer wieder neu über Europa aufbauen, so werden in diesen Wochen in der Regel die höchsten Jahrestemperaturen erreicht. Ideales Bade- und Biergartenwetter! Man spricht dann von den Hundstagen. Statistisch findet diese Regel zwischen dem 23. Juli und dem 24. August statt. Die Bezeichnung kommt nicht von geplagten, Schatten suchenden Hunden, sondern vom Sternbild des Großen Hundes, dessen Hauptstern Sirius gegen Ende des Wetterabschnitts gut sichtbar mit der Sonne aufgeht.

Anfang September pflegt sich über Europa erneut ein stabiles Hochdruckgebiet auszuprägen, das nochmals warmes und schönes Wetter bringt und manchmal höhere Temperaturen als der gesamte August zeitigt. Diese Schönwetterperiode wird Spätsommer genannt (79 Prozent).

Mitte September kann in unseren Bergen bereits der erste Schnee fallen - zumindest in den Gipfelbereichen. Mit dieser empfindlichen Abkühlung, aus kräftigen Tiefdruckvorstößen resultierend, beginnt der Herbst.

Verlässlicher Altweibersommer

Nach dieser kurzen unbeständigen, wechselhaften und kühlen Phase zeichnet sich die dritte Septemberdekade und der Oktoberanfang durch eine äußerst stabile Hochdrucklage aus, dem Altweibersommer. Dieses letzte Aufbäumen des Sommers zieht sich manchmal bis Mitte Oktober hin. Dabei liegt die Mittagstemperatur oft noch über 20 Grad, wenn auch nachts bereits mit ersten Frühfrösten gerechnet werden muss. In drei von vier Jahren gibt es den Altweibersommer. Er hat also eine Eintreffwahrscheinlichkeit von 75 Prozent.

Der Name "Altweibersommer" hat nichts mit alten Frauen zu tun, die auf der Hausbank in der Sonne sitzen. Vielmehr liegt der Ursprung dieser Bezeichnung weit in der Vergangenheit. Im Althochdeutschen wurde mit "weiben" das Knüpfen von Spinnweben bezeichnet. An sonnigen Septembertagen kühlt es in klaren Nächten bereits so stark ab, dass in den Morgenstunden durch den Tau die Spinnweben deutlich zu erkennen sind. Die seltsam glänzenden Fäden glitzern im Sonnenlicht wie lange, silbergraue Haare.

Der Altweibersommer tritt übrigens in Nordamerika fast zur gleichen Zeit auf. Er nennt sich dort "Indian Summer" und ist berühmt für die prächtige Herbstfärbung der Laubbäume. Diese heitere und ruhige Witterungsperiode wird mit den ersten Herbststürmen beendet, womit der Ring der natürlichen Jahreszeiten, wie diese wahrscheinlichen Regelfälle der Witterung auch genannt werden, sich schließt.

Langfristige Prognosen

Diese Festlegung von Regelfällen oder Singularitäten beruht auf der Auswertung von umfangreichen Wetterstatistiken und der Aufzeichnung langjähriger Messwertreihen. Es handelt sich also um wissenschaftliche Erfahrungswerte.

Trotzdem wird kein ernstzunehmender Klimaforscher oder Meteorologe sich anmaßen, das Wetter über Monate oder gar Jahre vorherzusagen. Der Autor des "Hundertjährigen Kalenders" traut sich das aber zu, obwohl seine Voraussagen bestenfalls auf mehr oder weniger richtigen Bauernregeln oder Lostagssprüchen beruhen. Selbst ein Christian Häckl, der Wettermoderator von RTL, wagt es nur gelegentlich, eine Vorhersage über fünf Tage zu treffen.

Jedenfalls wird heute kaum mehr ein Landwirt einen Erntetermin nach dem "Hundertjährigen" festlegen, sondern sich lieber auf ein kräftiges mitteleuropäisches Hochdruckgebiet verlassen, das im Fernsehen oder im Internet angekündigt wird. Es soll aber in unserer modernen Industrie- und Mediengellschaft noch Menschen geben, die ihren Urlaub nach diesem Kalender planen.

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