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Grundstein durch Spinnerei gelegt

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Beschaulich schlängelte sich die Mangfall durch die Auen, im Süden ein paar Bauernhöfe, im Norden die Torfstecher - doch mit der Idylle sollte es bald vorbei sein: Mit dem Bau der Maximiliansbahn München-Rosenheim 1857 und der daraus resultierenden Kombination aus Wasserkraft und Eisenbahnanschluss wurde das Interesse der Industrie an der Region geweckt: 1860 erfolgte die Gründung der Aktiengesellschaft Baumwollspinnerei Kolbermoor, kurze Zeit später wurde mit dem Bau begonnen. Erst 1863, die Produktion war bereits aufgenommen, wurde auch der Grundstein für den Ort gelegt: die Gründung von Kolbermoor als eigenständige Gemeinde - womit die Mangfallstadt heuer auf ihr 150-jähriges Bestehen zurückblickt.

Ein weiteres Stück Kolbermoorer Geschichte: das alte Tonwerk um 1875, links der Bahnhof, rechts davon das erste Haus Kolbermoors (Bahnwärter), im Hintergrund die Glasfabrik.

Kolbermoor - Kolbermoor und die Baumwollspinnerei - eine Geschichte, die eng miteinander verbunden ist. Mit dem Bau der Baumwollspinnerei entstand auch der Ort an der Mangfall - mitten im Grün gelegen, zwischen der Kurstadt Bad Aibling und dem blühenden Rosenheim. Und die Spinnerei beeinflusste über all die Jahre die Entwicklung: erst die Spinnereidirektoren, die mit Geld und Macht das Geschehen mitbestimmten; später dann der Niedergang der Baumwollindustrie und nach der Jahrtausendwende schließlich die Revitalisierung des Areals für Wohnen, Gewerbe und Freizeit mit Erhalt der alten Bausubstanz.

Zurück in die Anfangszeit: Nach dem Bau der Maximiliansbahn 1857 trat "Kolbermoor" zum ersten Mal im September 1859 offiziell in Erscheinung: mit dem Bahnhaltepunkt Torfladestelle "Kolbermoor". Hintergrund: Die Bahn brauchte Torf zum Heizen der Dampflokomotiven.

Das weitere Schicksal des künftigen Ortes besiegelte Graf Theodor Lodron, der große Flächen entlang der Mangfall erworben hatte und 1860 den Augsburger Ingenieur Theodor Haßler auf die Gegebenheiten aufmerksam machte: die Wasserkraft kombiniert mit dem Eisenbahnanschluss.

Nur wenige Monate später wurde die Aktiengesellschaft "Baumwoll Spinnerei Kolbermoor" gegründet, 54 Aktionäre lieferten das Kapital - und im März 1861 wurde mit den Bauarbeiten begonnen. Die waren aufwendig: Die kurvenreiche Mangfall musste auf einer Länge von 2,7 Kilometern begradigt, parallel dazu ein Kanal gebaut werden, wenig später wurde auch der Grundstein für das erste Fabrikgebäude gelegt. Richtfest war bereits im November 1861.

Anfang Januar 1863 war es dann so weit: Die Baumwollspinnerei konnte, ausgestattet mit Maschinen aus England, ihren Betrieb aufnehmen. Gleichzeitig waren die ersten Arbeiterhäuser eingerichtet worden - die noch heute als von der Stadt erworbene und inzwischen nahezu vollständig sanierte "Werkssiedlung" erhalten sind.

Die für die Baumwollspinnerei benötigten Arbeitskräfte gaben letztlich auch den Ausschlag für die Gründung der Gemeinde Kolbermoor im Herbst 1863: Zuvor der damaligen Gemeinde Mietraching angehörend, stand diese skeptisch dem Zuzug aus Niederbayern, dem Bayerischen Wald und Österreich gegenüber, schließlich sollten die Ankömmlinge nicht eines Tages der Gemeinde zur Last fallen - weshalb Kolbermoor schnellstmöglich eine eigenständige Gemeinde werden sollte. Zum 1. Oktober 1863 wurden schließlich Pullach, die Aiblinger Au und Kolbermoor von Mietraching abgetrennt und zu einer neuen Gemeinde zusammengeschlossen - mit damals an die 400 Einwohner (davon 280 in der Spinnerei beschäftigt) und 57 Haushalten.

Und der Ort samt Gemeindeleben wuchs schnell: Ein Gesangsverein wurde gegründet ("Concordia"), Schützen fanden sich zusammen und der Grundstock für die evangelische Kirche wurde mit einem Betsaal in der Spinnerei gelegt. Und obwohl Johann Ritsch aus der Aiblinger Au zum Ersten Bürgermeister gewählt worden war, steuerte die Geschicke des noch jungen Ortes die Baumwollspinnerei mit ihren Direktoren: 1864 gründete die Spinnerei die erste Kolbermoorer Schule, 1866 legte sie einen Friedhof samt Leichenhaus an, 1868 folgte der Bau der katholischen Kirche. Weiter ging es 1892 mit einem Krankenhaus und 1907 baute die Spinnerei einen Kindergarten. Der damalige Spinnereidirektor Waldemar von Bippen ließ sogar die Gemeindekasse von seinem Prokuristen verwalten - den Überlieferungen zufolge bis 1919.

Eine vorsichtige "Emanzipation" erfolgte erst mit Bürgermeister Edmund Bergmann (1900 bis 1919), der Wasserversorgung und Kanalisation in Angriff nahm, die Schulhäuser vergrößerte und 1913 das erste richtige Rathaus einrichtete: im ehemaligen Angerbauerhaus am Stadtplatz. Bergmann, ein Rebell auch gegenüber dem Staat, legte zudem den Grundstock für eine bis heute agierende Institution: den Bayerischen Gemeindetag. Im Februar 1912 war auf seine Initiative hin in Kolbermoor der "Verband der Landgemeinden des Königsreichs Bayern" ins Leben gerufen worden - aus dem sich später der Gemeindetag entwickelte.

Die Baumwollspinnerei und damit immer auch Kolbermoor hatten im Laufe der Jahre auch mit weniger rosigen Zeiten zu kämpfen: Hochwasserkatastrophen (1890, 1899), schwere Brände (1898 Zerstörung der Fabrik, Neuaufbau in der heutigen Form) und Absatzkrisen sowie Konkurrenzkampf mit dem Ausland - bis sich 1993 endgültig die Tore schlossen.

Nach Jahren des Stillstands und der Brache wagte sich 2006 ein Investor (Familie Werndl) an das Areal und verhalf mit Sanierung und Revitalisierung der Industriebrache zu einem Neuanfang. Mit der parallel erfolgten breit aufgestellten Gewerbemischung und der Ansiedlungspolitik im Süden ist Kolbermoor - 1963 zur Stadt erhoben - inzwischen mit knapp 19000 Einwohnern neben Bad Aibling zu den größten Städte im Landkreis herangewachsen - "mit einer zwar kurzen, aber dafür umso intensiveren Geschichte", wie Bürgermeister Peter Kloo stets betont.

Das 150-jährige Bestehen will Kolbermoor mit einer Reihe von übers Jahr verteilten Veranstaltungen feiern. Offizieller Festakt zur Gemeindegründung ist dann am 1. Oktober im neu errichteten Rathaus der Stadt.

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