DRAMATISCHE SEKUNDEN AM MANGFALLKANAL

Zwei Menschen vor Tod gerettet

Retter in der Not: An dieser Stelle des Mangfallkanals hat Dieter Kienle eine 62-Jährige und ihren zweijährigen Enkel aus dem Wasser gezogen. Schlecker

Eine 62-jährige Rosenheimerin und ihr zweijähriger Enkel waren am Montagvormittag samt Kinderwagen in den Mangfallkanal gestürzt (wir berichteten). Wie jetzt bekannt wurde, haben die beiden ihr Leben dem beherzten Eingreifen eines 58-jährigen Rosenheimers zu verdanken.

Rosenheim – Als Dieter Kienle, 58, am Montag gegen 10.40 Uhr die Mangfallbrücke an der Hochfellnstraße passieren will, springt ihm ein Mann vors Auto. „Er hat wie wild mit den Händen gefuchtelt“, erzählt Kienle. Der Mann, Fitie Bilalli (41), ebenfalls Rosenheimer, zeigt auf den Kanal. Im Wasser treibt eine 62-Jährige und schreit um Hilfe. Wenige Meter vor ihr schwimmt ein Kinderwagen, die Räder nach oben. Darin soll sich ihr zweijähriger Enkel befinden, den Kopf unter Wasser. Eile ist geboten, es geht um Leben und Tod. „Können Sie schwimmen?“, fragt Bilalli, der seinen Fähigkeiten im Wasser nicht so ganz traut.

Kienle kann. Er stellt sein Auto auf der Brücke ab, streift sich sein T-Shirt vom Körper und springt in den Kanal. „Ich hab‘ gar nicht nachgedacht“, sagt er einen Tag später gegenüber den OVB-Heimatzeitungen. Während Bilalli eine Passantin dazu bringt, die Rettungskräfte zu alarmieren, nimmt Kienle Kurs auf die Frau – eine Nichtschwimmerin, wie sich später herausstellt. „Ich hab‘ sie ans Ufer geschoben.“ Dort zieht sie ein Mann aus dem Wasser.

Das bekommt Kienle noch mit, dann setzt er dem Kinderwagen nach, der langsam unter der Brücke verschwindet. Als er diesen erreicht, versucht er ihn umzudrehen. Zunächst vergeblich. „Das war nicht so einfach, ich konnte ja nicht stehen“, sagt der 58-Jährige. Mit ganzer Kraft gelingt es ihm dann doch. Zu spät für den Buben, so scheint es zunächst: „Er hat nicht mehr geatmet.“ Plötzlich hustet der Zweijährige, spuckt Wasser aus und fängt an zu weinen. Er hat überlebt. Wie berichtet, konnte die 62-Jährige noch am selben Tag aus dem Krankenhaus entlassen werden. Der Zweijährige verbrachte die Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus, befindet sich aber auf dem Weg der Besserung.

Bilalli stehen die Tränen in den Augen, nachdem der erste Schock verdaut ist. Schließlich haben die beiden gemeinsam zwei Leben gerettet. „Ich bin stolz, dass die Leute überlebt haben“, sagt der gebürtige Kosovare. Als Helden fühlen sich die beiden aber nicht: „Ich bin einfach nur froh, dass ich reingesprungen bin“, sagt Kienle.

Dennoch ist er verärgert. Darüber, dass er als Einziger in den Kanal gesprungen ist. Zahlreiche Rad- und Autofahrer hätten im Vorbeifahren ein bisschen geschaut oder das Geschehen vom Uferrand verfolgt. Eingegriffen habe mit Ausnahme des Mannes, der die Seniorin an Land gezogen hat, aber keiner der Passanten. „Ich hätte viel schneller bei dem Buben sein können, wenn sich jemand anderes um die Frau gekümmert hätte“, schimpft Kienle. „Das ist nur durch glückliche Umstände glimpflich ausgegangen.“

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