Enttäuschte Fans und Musiker

Corona bricht „Sauerkirsch“-Tradition: Weihnachtskonzert der Chiemgauer Kult-Band muss ausfallen

„Voi bratzat“: Die Chiemgauer Kult-Band „Sauerkirsch“ bei ihrem Weihnachtskonzert 2017 im Wirtshaus D‘ Feldwies in Übersee (vorne, von links) Georg Meier, Martin Wilhelm und Thomas Gartner; (hinten, von links) Franz Pichl, Peter Lechner 1 (verdeckt), Josef Lechner, Peter Janotta, Peter Lechner 2, Markus Reiter.  
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„Voi bratzat“: Die Chiemgauer Kult-Band „Sauerkirsch“ bei ihrem Weihnachtskonzert 2017 im Wirtshaus D‘ Feldwies in Übersee (vorne, von links) Georg Meier, Martin Wilhelm und Thomas Gartner; (hinten, von links) Franz Pichl, Peter Lechner 1 (verdeckt), Josef Lechner, Peter Janotta, Peter Lechner 2, Markus Reiter.  
  • Ulrich Nathen-Berger
    vonUlrich Nathen-Berger
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Groove von Rock ‘n‘ Roll bis Reggae, Genres von Blues bis Pop-Rock, bayerische Texte zum Schmunzeln, Lieder zum Mitsingen – das Markenzeichen der Chiemgauer Kult-Band „Sauerkirsch“. Seit 40 Jahren sind die „Kirschen“ – acht Musiker um den Sänger und Frontmann Martin „Maschtei“ Wilhelm aus Reit im Winkl – mit ihrem einzigartigen „Bayerischen Hauruck-Rock“ nicht nur in Bayern auf Tour.

Reit im Winkl - Sowohl „unplugged“ als auch „voll elektrisch“. Und immer unter vollem Einsatz – „voi bratzat“, wie das Kirschen-Motto lautet. Ihre Songs sind oft gesungene Partyknaller und im Repertoire anderer regionaler und überregionaler Bands immer wieder zu hören.

Legendär sind auch die immer ausverkauften Weihnachtskonzerte der munteren Truppe jeweils am 23. Dezember: So gerne hätten die Kirschen – wie sie von ihren Fans liebevoll genannt werden – heuer mit ihrem 33. Weihnachtskonzert im Wirtshaus D‘ Feldwies in Übersee ihr 40. Bandjubiläum gefeiert. Das vermaledeite Coronavirus machte ihnen allerdings gestern einen Strich durch die Rechnung. Aufgrund der neuen Beschränkungen musste das Konzert bereits im November abgesagt werden. „Leider“, bedauert Maschtei im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen. „Aber was hilft’s? Bei so was denke ich an Karl Valentin, der gesagt hat, ‚ich freu‘ mich, wenn’s regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch‘. Das ist so.“ So ist der Maschtei halt, ein Entertainer, der auf der Bühne nicht mit plumpen Sprüchen daher kommt, sondern durch seine starke Performance das Publikum mitreißt.

40 Jahre „Sauerkirsch“ – wie überlebt ein Musiker vier Jahrzehnte in dieser Band?

Martin Wilhelm: Durch sein Herzblut für diese Band. Das macht ihn stark. Jeder der neun Musiker spielt zwar mindestens in drei weiteren Bands, aber „Sauerkirsch“ ist für alle eine Herzensangelegenheit. Es gab nur wenige Wechsel, wir spielen in der aktuellen Besetzung seit 20 Jahren zusammen.

Was macht „Sauerkirsch“ aus?

Wilhelm: Wir haben unseren Stil „Bayerischer Hauruck-Rock zum Mitsingen“ getauft. Unsere Texte sind zum Teil sehr frech, gespickt mit bitterbös‘ schwarzem Humor, verpackt in eingängigen Melodien. Die Songs sind aus dem Leben entstanden. Denn wer mit offenen Augen durchs Leben geht, hat genug zu beschreiben: „So lang‘ die Leber lebt“ wirft einen Blick auf Personen, die ich genauso mit ihren Problemen erlebt habe. „Bei uns in der Straße“ beschreibt Leute aus dem Dorf: Der eine ist stolz auf seine Schneefräse, der andere schlägt seine Frau.

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Wie entstehen die Songs?

Wilhelm: Früher haben Thomas „Gartei“ Gartner und ich gemeinsam getextet und komponiert, jetzt mache ich das eigentlich nur noch alleine. Die Hälfte unseres Repertoires besteht aus eigenen Songs, die andere Hälfte ist Cover. Ich schreibe einen Text, dann male ich mir die Gitarrengriffe dazu auf, weil ich Noten weder schreiben noch lesen kann. Mittlerweile filme ich mich mit dem Handy, sonst weiß ich später nicht mehr, was ich da gemacht habe.

Mit welcher Idee ist „Sauerkirsch“ vor 40 Jahren gegründet worden?

Wilhelm: Gründer waren der Gartei und ich – wir waren als Elfjährige Kiss-Fans durch und durch. Wir haben uns angemalt, so wie die Kiss-Musiker bei ihren Auftritten. Aus Holzplatten haben wir Gitarrenformen ausgeschnitten und schwarz lackiert, alte Waschpulvertrommeln waren mein Schlagzeug. Dann gab’s die Super-Gigs: Plattenspieler an – und los ging‘s. Wir wollten eine ähnliche Band gründen, haben aber schnell kapiert, dass keiner von uns ein Instrument spielen kann. Das war Ende der 1970er-Jahre. Also nahmen wir Gitarrenunterricht; die ersten prägenden Akkorde waren E, A und D. Weil wir aber mit diesen Griffen keine Lieder nachspielen konnten, haben wir eigene geschrieben.

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Dann musste noch die Technik her…

Wilhelm: … ja, meine erste E-Gitarre war ein billiger Fender-Nachbau. Die habe ich damals an ein Röhrenradio angeschlossen, und zwar an den Phono-Eingang. Das hat den Gitarrenton schön verzerrt – aber das Radio hat das nicht lange ausgehalten.

Wann gab’s die Premiere vor Publikum?

Wilhelm: 1980 im Pfarrsaal in Reit im Winkl. Acht Lieder hatten wir im Programm, die haben wir zweimal gespielt, vor 200 Leuten, die zwei Mark Eintritt gezahlt hatten. Unsere damalige Technik war schon besser, aber abenteuerlich: Wir hatten einen Sun-Bassverstärker mit 160 Watt Leistung, an den haben wir ein einfaches Vierkanal-Mischpult angeschlossen, für zwei E-Gitarren, einen Bass und ein Mikrofon.

Euer erstes der legendären Weihnachtskonzerte mit der Band „Sauerkirsch“ habt ihr 1987 im Strand-Casino in Chieming gegeben. Warum kurz vor dem Festtag?

Wilhelm: Die Betreiber wollten an Heiligabend ein Konzert mit uns veranstalten. Das haben wir mit Rücksichtnahme auf die Familien der Musiker abgelehnt. Dann hieß es: Konzertanfang ist um 23.55 Uhr. So gab’s halt doch Musik in der Nacht zum 24. Dezember. Ab 1988 spielten wir die „Sauerkirsch“-Weihnachtskonzerte im Gasthaus Feldwies in Übersee. Zweimal fielen sie dort aus, als jeweils umgebaut wurde.

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Wie lief es bei Dir bis dahin beruflich ab?

Wilhelm: Ich habe eine Schreiner-Ausbildung, war sieben Jahre bei der Bundespolizei, anschließend habe ich acht Jahre als Schreiner gearbeitet. In der Zeit hab‘ ich Finger in der Säge gelassen… Danach war ich Gemüsehändler. Seit sieben Jahren bin ich freiberuflich als Musiker unterwegs. Wenn die Corona-Pandemie nicht wäre, könnte ich seit zwei Jahren davon leben.

Aber nicht allein von „Sauerkirsch“?

Wilhelm: Nein, das würde nicht reichen. Zum größten Teil bin ich als Solo-Künstler unterwegs, als „Da Maschtei“, da biete ich Unterhaltungsmusik, spiele vorproduzierte Musik ein, singe und spiele Gitarre dazu. Von Abba bis Zappa spiele ich alles…

Legendär sind Deine Elvis-Presley-Show-Einlagen...

Wilhelm: Die Elvis-Nummer habe ich bis auf Australien schon fast auf jedem Kontinent abgezogen. Oft mit den Kirchdorfern, der international bekannten Oktoberfestband aus München, bei denen ich Sänger bin, oder mit meiner Unterhaltungsband „Brandig“. Jedes Jahr bin ich in Chile, Dubai, im Kongo, Asien, in China, Moskau, St. Petersburg, meistens spiele ich auf Oktober- und Bayern-Festen. Normalerweise werde ich übers Jahr für etwa 170 Konzerte gebucht, aber heuer wurden alle wegen der Corona-Pandemie abgesagt.

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