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Wasserburger Autorin und Hebamme im Gespräch

Zwischen Zange und Babyboom: Wie sich die Geburtshilfe in der Region entwickelt hat

Kamen zum Redaktionsgespräch über die Geburtshilfe im Laufe der Jahrzehnte: Hebamme Erika Diller (links) und Autorin Irene Kristen-Deliano.
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Kamen zum Redaktionsgespräch über die Geburtshilfe im Laufe der Jahrzehnte: Hebamme Erika Diller (links) und Autorin Irene Kristen-Deliano.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Babywaage, Hörrohr, Zangen: Der Inhalt eines Koffers einer Wasserburger Hebamme, die 10.000 Kinder auf die Welt brachte, hat Irene Kristen-Deliano inspiriert, ein Buch über die Geburtshilfe vor 80 Jahren zu schreiben. Viel hat sich geändert, aber nicht alles, sagt Erika Diller, Hebamme von heute.

Wasserburg – Ein kleiner schwarzer Koffer, drinnen Babywaage, Klemmen, Schere, Hörrohr und Zange. Diese Utensilien inspirierten die Wasserburger Autorin Irene Kristen-Deliano, ein Hebammenbuch zu schreiben. Jetzt ist es fertig. „In der Hoffnung“ heißt der kleine Band – eine erzählerische Reise in die Geburtshilfe von 1937 bis 1968. Die Wasserburger Zeitung hat sich mit der Autorin und einer Hebamme von heute, Erika Diller, getroffen – zum Gespräch über den Wandel in der Geburtshilfe.

Inspiration für das „Notizbuch einer Hebamme“: der Arbeitskoffer der Wasserburger Hebamme Franziska Öttl.

Ein Koffer voller Inspirationen

Der Koffer, mit dem alles anfing, stammt aus dem Nachlass der Wasserburger Stadthebamme Franziska Öttl. Zwischen 1939 und 1969 half sie etwa 10.000 Kindern auf die Welt. Ihre Tochter fand die Berufsausrüstung der Mutter auf dem Dachboden und übergab sie im Sommer 2018 Irene Kristen-Deliano – in der Hoffnung, dass die historisch interessierte Autorin und Stadtführerin den Fund zu nutzen weiß. Das war zuerst nicht der Fall, erinnert sich Kristen-Deliano. Sie fand das Thema anfangs zu „intim“ für ein neues Buch.

Franziska Öttl.

Aufruf in der Wasserburger Zeitung

Dann kam die Pandemie, die Stadtführerin hatte mehr Zeit zum Schreiben und Recherchieren. „Jetzt kimm i nimma aus“, dachte sie und startete einen Aufruf in der Wasserburger Zeitung: Zeitzeugen gesucht. Es meldeten sich Frauen, die ihr Geschichten erzählten – aus einer Zeit, als die meisten noch daheim gebaren, viele fast jedes Jahr schwanger wurden, weil es noch keine Verhütungsmittel gab, und Hebamme Öttl sogar bei Hochwasser mit dem Fährschiff über den Inn setzte, um rechtzeitig zu den Presswehen da zu sein.

Kristen-Deliano, selber Mutter von drei erwachsenen Kindern, war beeindruckt von der Leistung der Hebammen, die einem der ältesten Frauenberufe der Welt nachgehen. Und von Franziska Öttl, die als kompetente und willensstarke, als tröstende und aufmunternde Begleiterin der Gebärenden galt. In ihrem Buch „In der Hoffnung“ verzichtet Kristen-Deliano trotzdem bewusst auf das Adjektiv „gut“, weil früher nicht jede Schwangerschaft automatisch begrüßt wurde und gut ausging. Die Pille, der medizinische Fortschritte und die neue Rolle der Frauen sorgen heute dafür, dass es mit Recht meistens wieder heißt, Frau sei guter Hoffnung.

Doch auch Erika Diller, seit 40 Jahre im Beruf sowie Beleghebamme in der Wasserburger Romed-Klinik, hat in den vergangenen Jahren einen starken Wandel erlebt. Zu Beginn ihrer Tätigkeit Anfang der 80er Jahre war die Geburtshilfe nach ihren Erfahrungen noch sehr ärztlich dominiert – mit Wehentropf zur Beschleunigung des Verlaufs, einer hohen PDA-Rate und nahezu 100 Prozent Dammschnittrate bei Erstgebärenden. Die Frauen lernten ihre Hebamme erst im Kreißsaal kennen. Sie blieben acht bis zehn Tage auf der Wochenstation im Krankenhaus, getrennt vom Kind, das nach einem bestimmten Rhythmus zur Mutter gebracht wurde. Kein Wunder, dass die Stillrate damals gering war, sagt Diller.

In den 90er Jahren, als ein neues Hebammengesetz in Kraft trat, änderte sich die Betreuung der Schwangeren. Die natürliche Geburt stehe seitdem im Fokus – mit neuen Gebärpositionen, Vätern im Kreißsaal, Geburtsvorbereitung und Nachsorge. Der Kreißsaal, früher ein kühl gekachelter Raum, der an einen OP erinnerte, erhielt eine neue Gestaltung – freundlich, unterstützend. Schwangerschaft und Geburt sind schließlich keine Krankheit, berichtete schon Franziska Öttl vor 80 Jahren den Frauen.

Eine der schönsten Frauenberufe

Eins ist aber trotz großem medizinischen Fortschritt und Hinwendung zur abwartenden Geburt in den Jahren zwischen Franziska Öttls und Erika Dillers Dienstzeit geblieben: Die große Verantwortung, die eine Hebamme trägt. Diese und die noch vor Jahren oft sehr aufreibenden Arbeitszeiten sorgten dafür, dass dem Beruf der Nachwuchs ausging. Die Beleghebammen am Romed-Klinik Wasserburg arbeiten heute zwar nach Dienstplan mit Bereitschaft im Hintergrund, doch die Selbstständigkeit wird durch hohe Versicherungsprämien erschwert. Etwa 12.000 Euro kostet die Absicherung, Entlastung gibt es durch einen Sicherstellungszuschlag, doch 4000 Euro bleiben nach Informationen von Diller in der Regel bei den Hebammen hängen. Ihre Ausbildung ist mittlerweile akademisiert worden.

Eine der schönsten Frauenberufe der Welt

Trotzdem ist es einer der schönsten Frauenberufe der Welt, findet Diller – vor allem, weil an der Romed-Klinik Wasserburg eine sehr hebammenorientierte Geburtshilfe betrieben werde. Schönster Augenblick: „Wenn das Kind seinen ersten Schrei tut, fällt eine große Last herab. Alle sind glücklich. Da gibt es gestandene Mannsbilder, denen laufen die Tränen über die Wangen. Diese Momente miterleben zu dürfen, ist was Wunderbares.“ So berichtete es schon Franziska Öttl, die davon sprach, „ein Füllhorn an Liebe“ zu bemerken, wenn eine Geburt gut ausgeht.

Viele junge Mütter heute verunsichtert

Früher gab es jedoch auch viele Frauen, die ungewollt schwanger wurden und ihr Kind sofort nach der Geburt zur Adoption freigaben – oft erzwungenermaßen. Im Buch von Kristen-Deliano kommen auch schwierige Themen wie das Kindbettfieber und die Rolle der schwangeren Frau in der NS-Zeit zur Sprache.

Nicht jede Frau schafft es damals wie heute, den Kontrollverlust während der Geburt zu akzeptieren, berichtet Diller. Sie habe noch heute viel mit der Bereitschaft, sich fallen zu lassen und zu öffnen, zu tun. Während früher das Schreien verpönt war, weil Frau sich diszipliniert verhielt, selbst in den Presswehen, ist heute ein regelrechter Hype um die natürliche Geburt zu spüren, findet die Wasserburger Hebamme. Viele Frauen seien außerdem aufgrund der Flut an Informationen zu Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett verunsichert. Der gesunde Menschenverstand bleibe manchmal auf der Strecke, weil alle alles richtig machen wollten und nicht mehr auf ihr Bauchgefühl hören würden, bedauert Diller. Statt auf die Schwangerschafts-App sollten Frauen lieber auf ihr Bauchgefühl hören, so ihr Appell.

Babyboom in Wasserburg

Steigende Geburtenzahlen vermeldet die Romed-Klinik Wasserburg seit mehreren Jahren: Die Zahl 1000 wird heuer zwar vermutlich noch nicht geknackt, doch etwa 950 Geburten werden laut Erika Diller, eine der beiden Sprecherinnen des Hebammenhauses, erwartet. Der Grund für den Babyboom: die Schließung der Geburtshilfen an den Kliniken in Prien, Trostberg, ‚Bad Aibling und zuletzt Mühldorf. Und der gute Ruf der Geburtshilfe an der Romed-Klinik Wasserburg, die schon unter der früheren Leitung mit Chefarzt Dr. Marin Heindl und jetzt unter Chefärztin Dr. Julia Hückstock als sehr hebammenfreundlich bekannt sei. Die Bedürfnisse der Gebührende ständen ebenso im Fokus wie eine natürliche Geburt. Die Kaiserschnittrate liege deshalb nur bei 24 bis 25 Prozent, so Diller.Heuer zieht auch die Geburtshilfe am Romed in den gemeinsamen Neubau mit dem kbo-Inn-Salzach-Klinikum um.

Lesung im Gimplekeller

Irene Kristen-Deliano liest am Donnerstag, 24. November, aus ihrem neuen Buch – ab 19 Uhr im Wasserburger Gimplekeller. „In der Hoffnung – Notizbuch einer Hebamme“ ist in den Wasserburger Buchhandlungen erhältlich. Verlag: Wasserburger Bücherstube, ISBN 978-3-943911-18-3.

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