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Serie: Pfiat di Altlandkreis

„Zuaganga is do“: Rechtmehring entsteht vor 50 Jahren aus vier Gemeinden

So präsentiert sich heute die Gemeinde Rechtmehring heute.
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So präsentiert sich heute die Gemeinde Rechtmehring heute.
  • VonFranz Manzinger
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Rechtmehring, Allmannsau, Schleefeld und Rosenberg erlebten vor 50 Jahren eine unruhige Phase: Hier ein weiterer Teil unserer Serie „Pfiat di Altlandkreis - 50 Jahre Gebietsreform“

Rechtmehring – Das Gebiet von Rechtmehring setzt sich aus Teilen der vier Gemeinden Rechtmehring, Allmannsau, Schleefeld und Rosenberg zusammen. Orientierung für die Neuaufteilung waren im Wesentlichen die Pfarreigrenzen. In der Zeit der Gebietsreform erlebten die vier Orte eine unruhige Phase – mit viel Hin und Her. Bis heute hat dies Spuren hinterlassen. Franz Manzinger, freier Mitarbeiter der Wasserburger Zeitung, hat mit Bürgern gesprochen, die sich noch gut erinnern können an diese spannenden Zeiten.

Grenzgebiet: Unser historisches Bild zeigt den Blick von der Rechtmehringer Seite Richtung Berg, Gemeinde Albaching, Landkreis Rosenheim. Damals wurden Plakate an dieser Nasenbachbrücke bei Freimehring aufgestellt, die darauf hinwiesen, dass es zwischen dem Rosenheimer und dem Mühldorfer Landkreis große Unterschiede gibt.

Rosenberg: Beim Moawirt war damals „richtig was los“

Die Gemeinde Rosenberg ging bis kurz vor die damaligen Tore von Haag, das heißt bis nach Joppenpoint, bis kurz vor die heutige Realschule und der BayWa, erinnern sich die Zeitzeugen Franz Ebersberger Senior aus Tiefenmoos und Konrad Glasl Senior aus Putz an der Straß. Die Gemeinderatssitzungen waren lange beimu „Bramer“, das heißt bei Bürgermeister Josef Göschl in der Stube, später dann in Blümöd beim Wirt. Die Bürgerversammlungen waren teils in Joppenpoint beim Joppsen Gust.

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Die Gemeinde nahm eine besondere Entwicklung. Hatte sie 1961 noch etwa 500 Einwohner, so waren es 1971 zur Gebietsreform schon über 1500. Damit war es die viertgrößte Gemeinde im damaligen Landkreis Wasserburg. Grund war, dass „am Bergkopf“ eine neue Siedlung entstand, die man nach der Eingemeindung zu Haag eben auch Rosenberg nannte. Bürgermeister Göschl hatte den Siedlungsbau vorangetrieben. Das hatte zur Folge, dass die bisherige Ortschaft Rosenberg nun in Altrosenberg umbenannt wurde.

Zeitzeuge Eduard Weilnhammer, lange Zeit im Gemeinderat, lieferte die meisten Informationen und Bilder rund um das Geschehen.

Der Siedlungsbau hatte auch noch weitere Auswirkungen. Konrad Glasl berichtet, dass die Siedlungsleute nicht zur Landgemeinde gepasst hätten. Er erinnert sich an zwei Versammlungen beim Moawirt in Altdorf, bei denen „richtig was los war“. Es ging um den Siedlungsbau in Rosenberg. Der Grunderwerb für große Teile des Siedlungsgebietes kostete 400.000 DM, was die nicht sonderlich finanzstarke Gemeinde in vier Raten innerhalb vier Jahre abbezahlte. Auch planten der Bramer und der Stoller (Bürgermeister Göschl und Gemeinderat Mayer) ein Gewerbegebiet, so Konrad Glasl. Andere Interviewpartner sprachen von einer Größe von 100 Tagwerk (etwa 34 Hektar). Es scheiterte, weil sie so viel Grund nicht zusammenbrachten.

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In der Ortschaft Feichten gab es eine besondere Kuriosität. Beim Anwesen „Maurer von Feichten“ verlief die Gemeindegrenze von Maitenbeth und Rosenberg quer durch den Hof.

Dass die Gemeinde Rosenberg aufgrund des fehlenden Zentrums aufgelöst wird, war letztlich klar. Sechs Anwesen in den Ortschaften Fischberg, Mayrhof, Rappold und Steinweg kamen zur Gemeinde Albaching, etwa 200 Einwohner nach Rechtmehring und über 1.000 Einwohner nach Haag.

Die Orientierung nach Pfarreizugehörigkeit hatte auch zur Folge, dass die Ortschaft Reit aufgeteilt wurde. Der nördliche Teil kam zu Haag, der südliche Teil nach Rechtmehring. Dabei konnten sich die Randgebiete grundsätzlich selbst entscheiden, wo sie hinwollten.

Schleefeld: Rat tagte in der guten Stube des Bürgermeisters

„Post Soyen, Gemeinde Schleefeld, Pfarrei Rechtmehring, Telefon Albaching und ins Gefängnis müssten wir nach Haag“, hieß es damals spaßeshalber, so Zeitzeuge Klement Manzinger Senior aus Berg. Er und auch andere alte Schleefelder berichten von einer „friedlichen“ Gemeinde, die vom Soyener See bis kurz vor Aign in der Gemeinde Albaching ging. So friedlich lief auch der Zusammenschluss ab. Letztlich gab es keine Alternative. Wirklich begeistert war natürlich niemand, dass die kleinen Gemeinden wie Rosenberg, Allmannsau und Schleefeld aufgelöst werden sollten, erinnern sich die Zeitzeugen. Doch aufgrund der Vorgaben von oben war es schnell klar, dass diese Kommunen keine Überlebenschance hatten.

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Das Gebiet von Rechtmehring setzt sich aus Teilen der vier Gemeinden Rechtmehring, Allmannsau, Schleefeld und Rosenberg zusammen.

In Schleefeld fehlte ein Ortskern ganz. Die größten Ortschaften waren Fachenliehen mit sieben Häusern, Brunnthal und Berg mit fünf Häusern, sowie Hinterschleefeld mit vier Anwesen. Und Schleefeld brachte Geld nach Rechtmehring, so der damalige Bürgermeister von Schleefeld und später von Rechtmehring, Martin Westermeier, erzählt Zeitzeugin Anni Manzinger aus Berg. Man zählte zu dieser Zeit etwas über 400 Einwohner. Auch die Trauung von Anni und Klement Manzinger fand in der Stube von Bürgermeister Westermeier in Berg statt. Direkt gegenüber, erzählte sie. Neben den Trauungen fanden auch die Gemeinderatssitzungen wie wohl in anderen kleinen Gemeinden auch, in der Bauernstube von Martin Westermeier statt. Seit 1966 Bürgermeister, baute er 1970 mit seiner Familie ein neues Haus und hier hatte er sich im Keller zwei Räume für die Ausübung des Bürgermeister-Amtes eingerichtet. Die dann zwei Jahre später ihre Verwendung verloren.

Folgen für viele Jagdreviere in der Region

Vorher war der „Heime“ von Öd, Joseph Häuslmann, Bürgermeister von Schleefeld. Weidgarten, Fischbach, Hoswaschen und Teile von Öd wurden analog der Pfarreigrenzen der Gemeinde Soyen zugeschlagen. Damit auch die Heimat vom „Heime“, also Joseph Häuslmann, Bürgermeister von Schleefeld bis 1966. Der Bau der Kreisstraße vom Flecklhäusl nach Freimehring war 1969 und damit noch vor der Gebietsreform. Die Gebietsreform hatte auch Folgen für die Jagdreviere. So verlor der mittlerweile verstorbene damalige Jagdpächter Franz Manzinger aus Lungenstett mit den Flächen um Hoswaschen und Fischbach ein gutes, da ruhiges Jagdrevier. In Anlehnung daran, dass sein Bauernhof damit nun direkt an der Grenze des Jagdreviers lag, hörte ihn seine Familie sagen und schimpfen: „…und jetzt können mir die Soyener Jäger direkt ins Stubenfenster reinschießen…“

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Die Gemeinde Allmannsau erstreckte sich von den Kraftwerken Haag über Altdorf bis kurz vor die Ortschaften Lengmoos und Soyen. Obwohl man sich beim Bau der Bahnlinie in den 1870er Jahren wohl nicht nach Gemeinden richtete, bildete die Bahnlinie in etwa die Grenze zu Soyen und Schlicht. Auch in Allmannsau war klar, dass die etwa 600 Einwohner zählende Gemeinde aufgrund der Größe und des fehlenden Ortskerns keine Zukunft hatte. Zeitzeuge Lorenz Köbinger Senior aus Rottenhub erinnert sich, dass es scheinbar keine große Sache war, wo man künftig hingehören sollte. Haag, Rechtmehring und Soyen kamen theoretisch in Frage. Auch dazu gab es Versammlungen in Altensee und Altdorf.

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Nach Haag wollten deswegen einige nicht, weil es sich um einen Markt handelte und die Bevölkerungsstruktur nicht zur Landgemeinde Allmannsau passte. Und ob Soyen oder Rechtmehring, das war eine Sache der Entfernung, erinnert er sich. Die Gemeinde wurde dann auf Haag, Soyen und und Rechtmehring (der kleinere Teil) aufgeteilt. Sein Vater war zu der Zeit auch Vorstand der Feuerwehr Allmannsau. Bei einer Versammlung beim Moawirt in Altdorf entschieden sich die Mitglieder für einen Fortbestand der selbstständigen Feuerwehr. Der Markt Haag wurde Rechtsnachfolger und bis zum heutigen Tag ist die Allmannsauer Feuerwehr für Gemeindeteile in Haag, Rechtmehring und Soyen in den beiden Landkreisen Mühldorf und Rosenheim verantwortlich. Und damit bis heute ein Kuriosum, so Lorenz Köbinger. Dass dies heute noch funktioniert, wurde beim Kauf des letzten Einsatzfahrzeuges deutlich. Es war für die Gemeinden Rechtmehring und Soyen – selbstverständlich, dass man sich finanziell beteiligt.

95 Prozent wollten zum Landkreis Rosenheim

Landrat Bauer aus Wasserburg beeilte sich bei der Gemeindegebietsreform, damit er den Rücken frei hatte, um den Landkreis Wasserburg zu erhalten, was ihm letztlich nicht gelang. In Rechtmehring wurde das Problem eher in der Auflösung des Landreises Wasserburg gesehen, als in der Gemeinde-Neuordnung.

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Einige der interviewten meist über 80-jährigen Zeitzeugen wussten von einer Abstimmung in der neuen Gemeinde Rechtmehring über die künftige Landkreiszugehörigkeit. Etwa 95 Prozent wollten zum Landkreis Rosenheim, obwohl Ebersberg nur etwa 20 Kilometer entfernt ist. Rosenheim und Mühldorf sind mit 35 Kilometern etwa gleich weit weg. Aber Rosenheim war schon damals nach Wasserburg die nächstgrößere Einkaufsstadt. Zu Mühldorf hingegen hatte Rechtmehring und wohl auch der Großraum Haag keinen Bezug, so Zeitzeuge Ed Weilnhammer. Aber das Ergebnis der Abstimmung wurde nicht beachtet, denn vorher war wohl schon klar, dass Rechtmehring zu Mühldorf kommen sollte.

Der bisherige Schleefelder Bürgermeister Westermeier wurde ab der Gebietsreform dann bis 1978 Bürgermeister in Rechtmehring.

Die neue Gemeinde Rechtmehring: VG mit Haag

Nachdem nun neben Rechtmehring auch die Gemeinden Maitenbeth, Kirchdorf, Reichertsheim und Haag in ihren neue Zuschnitten existierten, fasste man diese fünf Gemeinden zur Verwaltungsgemeinschaft (VG) Haag zusammen. Dies war deswegen wichtig, erinnert sich der damalige Vorstand der Raiffeisenbank Rechtmehring-Soyen-Albaching Alois Metzger, weil Haag damit ein Unterzentrum werden sollte und es dazu die umliegenden Gemeinden benötigte.

Heute ist Rosenberg ein Ortsteil von Haag.

Der mittlerweile verstorbene damalige Bürgermeister Michael Ganslmeier aus Rechtmehring fand, die VG Haag habe nicht gut funktioniert. Im VG-Ausschuss hatte jede Landgemeinde zwei Sitze und Haag als größeres Zentrum vier Sitze. Und sehr viele Abstimmungen gingen 8:4 aus. Die Landgemeinden solidarisierten sich. Dazu kam, dass die ganzen Akten noch vor seinem Amtsantritt von einem hiesigen Kraftfahrer nach Haag geschafft wurden und Ganslmeier eine „leere“ Gemeindekanzlei vorgefunden hatte. Nach 1978 hatte man dann die VG Haag aufgelöst und die vergleichbar strukturierten Gemeinden Maitenbeth und Rechtmehring bilden nun eine VG mit Maitenbeth als Sitz. Und die Unterlagen kamen wieder nach Rechtmehring.

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Bürgermeister Michael Ganslmeier und die beiden Gemeinderäte Alois Metzger und Eduard Weilnhammer setzten sich für den VG-Sitz ein. Sie fuhren dann auch noch direkt zum Hof des damaligen Landtagsabgeordneten Nikolaus Asenbeck um dafür zu werben, dass Rechtmehring den Sitz der VG erhalten soll. Dies war aber so nicht durchsetzbar.

Das Gebiet von Rechtmehring setzt sich aus Teilen der vier Gemeinden Rechtmehring, Allmannsau, Schleefeld und Rosenberg zusammen.

Auch den weniger bedeutenden Schulverbandssitz wollte Maitenbeth. In einer Geheimsitzung des Gemeinderates im Keller von Hans Tröstl (Gemeinderat und Bauunternehmer) kam dann auch der damalige Landrat Erich Rambold nach Rechtmehring, erinnert sich Konrad Glasl. Als Ausgleich dafür erhielt Rechtmehring den weit weniger bedeutenden Schulverbandssitz. Bei der Vergabe des Sitzes des Pfarrverbandes Rechtmehring-Maitenbeth in den 1990er Jahren kam dann Rechtmehring wieder zum Zuge und erhielt den Sitz beim Pfarrverband, so Eduard Weilnhammer, der sich dafür einsetzte.

Unruhige Zeiten geprägt von Rivalitäten

Generell war die Zeit zwischen 1971 und 1978 eine sehr unruhige Phase in der neu zugeschnittenen jetzt größeren Gemeinde Rechtmehring. „Zuaganga is do“ erinnert sich Klement Manzinger aus Berg. Die Bürgerversammlungen waren nicht einfach, so Ed Weilnhammer. Und Westermeier war ein fortschrittlicher und amtsnaher Bürgermeister. Die Rivalität zwischen Martin Westermeier (letzter Bürgermeister in Schleefeld und dann gemeinsamer Bürgermeister in Rechtmehring) und Sebastian Krug, der bis dahin in Rechtmehring Bürgermeister war, strahlte auf die ganze Gemeinde aus. Zu dieser Zeit sollte auch der Kernort Rechtmehring das erste Mal Mülltonnen bekommen. Da diese kaum einer wollte, stellten die neuen Mülltonnenbesitzer diese Tonnen als Protest über Nacht wieder zurück ins Gemeindehaus.

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Schwierig war es auch deshalb, weil die zentrale Wasserversorgung gebaut werden sollte. Bürgermeister Westermeier hatte schon den Vertrag mit der Mittbachgruppe abgeschlossen. Recht vorschnell, wie einige Zeitzeugen berichten. Als dann Michael Ganslmeier Bürgermeister wurde, machte er diesen Vertrag rückgängig, da ja Rechtmehring selbst gutes und viel Wasser hatte. Es begann damit der Aufbau der eigenen Wasserversorgung mit eigenem Brunnen. Rechtmehring musste wegen der Auflösung des Vertrages mit der Mittbachgruppe eine Vertragsstrafe zahlen, um aus dem Vertrag wieder rauszukommen. Die dann gebaute Wasserversorgung und der Brunnen sind bis heute in Betrieb.

Dass so eine Gebietsreform auch Emotionen hinterlässt, ist nachvollziehbar. Franz Manzinger erinnert sich noch an die Faschingshochzeit 1979, als es unter anderem hieß: „Gebietsreform – nix für uns“.

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