Hilfe für Kinder

Wie Musiktherapie in der heilpädagogischen Tagesstätte Attl Menschen mit Assistenzbedarf hilft

Was hält so ein Keyboad wohl aus? David aus der heilpädagogischen Tagesstätte der Stiftung Attl und Musiktherapeutin Annemone Grave-Faku probieren es aus.
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Was hält so ein Keyboad wohl aus? David aus der heilpädagogischen Tagesstätte der Stiftung Attl und Musiktherapeutin Annemone Grave-Faku probieren es aus.

Wie ein kleiner Wirbelwind stürmt David durch den Flur der Heilpädagogischen Tagesstätte Attl zielstrebig dem Raum entgegen, hinter dessen Tür sich unzählige Musikinstrumente befinden. Die wöchentliche dreiviertel Stunde in der Musiktherapie bei Annemone Grave-Faku ist jedes Mal ein Höhepunkt für ihn.

Von Michael Wagner

Wasserburg-Attel – Ohne Umwege findet David den Weg zum Keyboard, das schon eingeschaltet ist. - „Jedes Kind findet seinen ganz eigenen Weg, mit den Instrumenten umzugehen“, erklärt Grave-Faku. „Es gibt viele Instrumente zu entdecken. Ich sehe meine Aufgabe darin, das Kind dazu anzuregen, sich selbst im Umgang mit der Musik zu finden.“

Weil etwas klingt, zieht es Kinder an

David haut erst mal einmal ordentlich in die Tasten. Seine Musiktherapeutin nimmt ihm gegenüber auf der anderen Seite des Instruments Platz, lässt ihn zunächst ankommen und sich ein wenig austoben.

„Jetzt ist es an mir wahrzunehmen, wo ein Kind steht, was es gerade entdeckt – und womit es erreichbar ist. So kann ich ihm helfen, seinen eigenen Ausdruck zu finden.“ „Hinspüren“ nennt sie das.

„Allein weil etwas klingt, wird ein Kind schon angesprochen, das eine etwa durch eine Trommel, das andere durch ein Klavier. Auf diese Weise können kreative Prozesse entstehen, die mit meiner Begleitung die persönliche Entwicklung von Fertigkeiten eines Kindes unterstützen.“

Wegen Corona nur Einzelstunden

Die Kinder und Jugendlichen besuchen alle nachmittags die Heilpädagogische Tagestätte in der Stiftung Attl. Coronabedingt finden derzeit keine Gruppeneinheiten statt. Darum kommen 26 Kinder einzeln zu Annemone Grave-Faku in die Musiktherapie. Da es so viele sind, holt sie einige schon während des Vormittags vom Schulunterricht ab.

Kinder stärken kommunikative Kompetenzen

Sie ist bereits seit 18 Jahren als Musiktherapeutin in der Einrichtung tätig und hat dabei, wie sie sagt, schon erstaunliche Wege begleiten dürfen. Mittels musikalischen Ausdrucks sollen unter anderem die kommunikativen Kompetenzen der Kinder gestärkt werden. Jedes Kind findet seinen eigenen Weg, wenn es darum geht, ein Instrument zu erkunden und zu entdecken. Darauf lässt sich die Therapeutin ein.

Die kleine Carla mit Klangschale.

Für sie geht es darum, Kommunikation aufzubauen und das Kind auf seinem Weg zu bestärken. Manche kommen dabei ins Melodiespielen, andere lassen sich vom Rhythmus faszinieren und wieder andere entdecken ihre eigene Stimme.

„Einige gehen aber auch ganz systematisch heran“, berichtet die Musiktherapeutin. „Ich hatte mal einen Schüler, der wollte ganz genau wissen, wie ein Klavier aufgebaut ist. Mit Fotos von Tonleitern hat er sich seine Musik systematisch erarbeitet; vom Dunklen ins Helle, hat dabei sogar die Notennamen gelernt.“ Jedes Kind tastet sich anders ans Entdecken heran. Neugier treibt es an, den ganz eigenen Weg zu beschreiten. „Das ist wie ein Freischaufeln.“

David testet unterdessen, was so ein Keyboard aushalten kann und drückt munter in die Tasten - eine Melodie entsteht. Seine Musiktherapeutin nutzt eine kleine Pause, in dem sie ihrerseits mit einer kurzen Melodie antwortet. So ergibt sich nach und nach ein kleiner musikalischer Dialog der beiden. Gemeinsam und intuitiv spielen sie; mal nur auf den weißen, dann wieder auf den schwarzen Tasten.

Barrieren werden abgebaut

Jedes Kind, das zu Annemone Grave-Faku kommt, soll mit dem selbst gewählten Instrument zum eigenen Ausdruck finden. Barrieren sollen dabei abgebaut und Neues entdeckt werden. Wichtig ist es, spielerisch an die Musik heranzugehen.

Die Therapieeinheiten beschränken sich aber nicht nur auf die Musikinstrumente. So vieles kann individuelle Förderziele unterstützen: Austausch im Zwiegespräch, singen, tanzen, Erlebtes und Erspürtes malen, sich mit Musik entspannen können. Beim gemeinsamen Spiel in Instrumentalgruppen entwickeln sie soziales Verhalten und lernen mit anderen zu kooperieren. So finden Kinder zu Kreativität und nebenbei auch zu Selbstvertrauen.

David geht aus sich heraus

So wie David, dem es in den vergangenen 45 Minuten wieder gelungen ist, sich nicht nur ins Keyboardspiel zu vertiefen, sondern auch ein Stück weit aus sich herauszugehen. Nach der Stunde begleitet ihn seine Musiktherapeutin wie immer zurück in seine Klasse. In der nächsten Woche sehen sie sich wieder.

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Orff-Instrumente sind geeignet für Menschen mit Assistenzbedarf

Neben dem Klavier, den Keyboards und großen oder kleineren Trommeln kommen aber hauptsächlich die sogenannten Orff-Instrumente zum Einsatz. Mit Instrumenten wie Xylophon, Schellen-Trommeln oder klingenden Stäben lassen sich Kinder zu elementaren Ausdrucksformen wie Musizieren oder Tanzen anregen. Das nach dem Komponisten Carl Orff benannte Orff-Schulwerk führt vor allem Kinder, aber auch Menschen mit Assistenzbedarf an den kreativen Umgang mit den Elementen Musik, Sprache und Bewegung heran. Carl Orffs zweite Frau Gertrud war eine der ersten deutschsprachigen Musiktherapeutinnen. Annemone Grave-Faku war eine ihrer Schülerinnen und fand so zur Musiktherapie. Sie hat an einem musischen Gymnasium Abitur gemacht und anschließend Malerei studiert. Als kurzfristig Ersatz für die musikalische Frühförderung an der Musikschule in Grassau gesucht wurde, übernahm sie diese Stelle und blieb dort insgesamt zehn Jahre. Über eine Zeitungsannonce wurde sie schließlich auf die Ausbildung zur Musiktherapeutin aufmerksam. „Ich war schlagartig begeistert. Das war genau das, was ich schon immer machen wollte“, berichtet sie. Über drei Jahre dauerte die Ausbildung berufsbegleitend, in denen Grave-Faku an den Wochenenden nach München fuhr. Einige Jahre später suchte die Stiftung Attl für die Heilpädagogische Tagesstätte eine Musiktherapeutin. Das war vor 18 Jahren.

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