„Weihnachten soll niemand alleine sein“

Wie verbringen Obdachlose das Fest? Ein Besuch in der „Traube“ Wasserburg

Weihnachtsfeier in der „Traube“ in Wasserburg: In der Rolle des Krampus hat sich der Bewohner vergangenes Jahr wohlgefühlt, wie er selbst sagt.
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Weihnachtsfeier in der „Traube“ in Wasserburg: In der Rolle des Krampus hat sich der Bewohner vergangenes Jahr wohlgefühlt, wie er selbst sagt.
  • Sophia Huber
    vonSophia Huber
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Weihnachten, das verbinden die meisten Menschen wohl mit Zuhause. Es ist ein Fest der Familie, das gemeinsam und daheim gefeiert wird. Aber, was, wenn es keine „eignen vier Wände“ gibt? Wenn es schon lange keinen Ort gibt, der „Zuhause“ genannt wird?

Wasserburg – Wie verbringen eigentlich Obdach- und Wohnungslose Weihnachten? Die Antwort gibt ein Bewohner der „Langzeit- und Übergangshilfe Wasserburg“, im Volksmund „Traube“ genannt, bei einem Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen: „Wir feiern Weihnachten das ganze Jahr.“

Manche haben noch Kontakt zur Familie

Da bricht im Aufenthaltsraum Gelächter aus, denn es stimmt: Die Bewohner der „Traube“ kommen normalerweise aus den Feierlichkeiten gar nicht mehr raus. Ohne Corona gäbe es eine Mitarbeiterweihnachtsfeier, ein Essen an Heiligabend, ein sommerliches Weihnachtsessen irgendwann, wenn es draußen wärmer wird und wenn die Restaurants nicht mehr so voll sind. Und dann wäre da noch die Bewohnerweihnachtsfeier. Von der schwärmen die Anwesenden am meisten.

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„Die Feier findet normalerweise in der Vorweihnachtszeit statt“, erklärt Teamleiterin Ingrid Öfele, „an Weihnachten gehen doch einige unserer Männer nach Hause zur Familie oder zu Freunden, wenn noch so viel Kontakt besteht. In der Vorweihnachtszeit sind aber alle da.“ Heuer ist durch die Pandemie vieles noch unklar. Die Einrichtung versteht sich als Langzeit- und Übergangshilfe. Ein Teil der Menschen, die hier stranden, ist alkoholkrank. Soziale und psychische Probleme oder Schulden stecken oft hinter der Wohnungslosigkeit.

„Die Weihnachtsfeier ist etwas ganz Besonderes“

Der Aufenthaltsraum war bisher immer gesteckt voll mit Bewohnern und Mitarbeitern. Es wird gelacht und gesungen. Weihnachten sei schließlich eine Zeit, in der man zusammensitzt und feiert, erklärt einer, der im Haus wohnt. Öfele nickt. „Die Weihnachtsfeier ist etwas ganz Besonderes. Da sieht man auch jene, die sich sonst eher im Zimmer verkriechen. Die Feier will niemand verpassen.“

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Anekdoten gibt es auch genügend. „Vergangenes Jahr war ich der Krampus“, erklärt ein Bewohner mit einem gewissen Stolz. „Das war wirklich super. Ich habe mich sehr wohl in der Rolle gefühlt.“ Die Anwesenden lachen zustimmend.

Einer verkleidet sich immer als Nikolaus und bringt Geschenke

Trotzdem sei natürlich nicht immer alles perfekt. „Für viele ist Weihnachten eine Zeit voller Erinnerungen“, sagt die Sozialarbeiterin, „da können natürlich auch sehr schmerzhafte dabei sein. Das lässt sich nicht leugnen. Bei unserer Feier versuchen wir dann, neue Erinnerungen zu schaffen und Spaß zu haben.“ Geschenke kommen natürlich auch nicht zu kurz. Jedes Jahr verkleidet sich ein Bewohner oder Mitarbeiter als Nikolaus, bringt die Säckchen mit Nüssen und kleinen Leckereien vorbei. „Da habe ich es schon erlebt, dass Bewohner, die normalerweise gar nichts an sich ran lassen, Tränen der Rührung in den Augen haben“, berichtet Öfele. „Das ist immer sehr schön mit anzusehen.“

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Und wird dieses Jahr gefeiert? Die Anwesenden seufzen. „Dieses Jahr wird es sehr schwierig“, sagt Öfele. „Die Traube“ habe strenge Auflagen, was natürlich auch richtig sei. „Aber die Weihnachtsfeier kann wohl nicht so stattfinden, wie üblich.“ Der Aufenthaltsraum sei beschränkt auf fünf Personen mit Abstand. „Wir haben hier 30 Betten und dann kommt noch das zweite Haus dazu, das wir mitbetreuen. Das geht also nicht.“ Eine Überlegung sei eine Liveschaltung. „Ich habe im Moment so viele Videokonferenzen, da dachte ich, warum nicht auch an Weihnachten.“ Aber dasselbe Gefühl sei das natürlich nicht. „Ich weiß noch nicht, wie wir es machen. Aber wir finden schon eine Lösung.“ Weihnachten in Schichten ist auch eine Möglichkeit, die ein Bewohner vorschlägt.

An Heiligabend soll keiner alleine sein

Auf jeden Fall gebe es wieder ein Essen an Heiligabend. „Da möchte ich nicht, das irgendjemand alleine ist“, so die Leiterin des Hauses, „und wenn wir das Essen auf die Zimmer bringen müssen.“ Wie die Speisekarte aussieht, ist ebenfalls noch nicht klar. Vergangenes Jahr gab es, typisch bayerisch, Würste. Dieses Jahr hätten sich die Bewohner noch nicht entschieden. Sie beraten sich noch. Auch wenn es nicht der Gänsebraten wird, auch Weihnachten geht durch den Magen.

BU: In der Rolle des Krampus hat sich der Bewohner vergangenes Jahr wohlgefühlt, wie er selbst zugibt.

BU: Die „Traube“ in Wasserburg versteht sich als Langzeit- und Übergangshilfe für Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Wohnungslosigkeit schließt aber nicht das Feiern von Weihnachten aus, wie hier bewiesen wird.

(Beide Fotos wurden von der „Traube“ zur Verfügung gestellt)

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