Wenn Gesang die Herzen berührt, probt der Bach-Chor Wasserburg

Bewegt die Stimmen: Chorleiterin Angelica Heder-Loosli in Aktion. Duczek

Sie trampeln mit den Füßen auf den Boden, breiten die Arme aus wie Flügel, schwingen die Hüfte – und sprechen eine seltsame Sprache: „Hahaha-juppii, bluppbluppblupp“. Wer eine Probe des Wasserburger Bach-Chors beobachtet, schüttelt anfangs verwundert den Kopf. Denn sie beginnt mit einer Fittnessübung.

Wasserburg – Sie trampeln mit den Füßen auf den Boden, breiten die Arme aus wie Flügel, schwingen die Hüfte, biegen den Oberkörper nach rechts und links, blasen die Wangen auf, lassen die Zungen federn, schlagen sich mit den Fäusten auf die Brust – und sprechen eine seltsame Sprache: „Hahaha-juppii, bluppbluppblupp“. Wer eine Probe des Wasserburger Bach-Chors beobachtet, schüttelt anfangs verwundert den Kopf. Denn sie beginnt nicht mit dem klassischen Einsingen, sondern mit einer Übung, die in dieser Form auch in einem Fitnessstudio stattfinden könnte.

Gesangswerkzeuge fit gemacht

Chorleiterin Angelica Heder-Loosli ist quasi die Vorturnerin, die Sängerinnen und Sänger geraten derart in Bewegung, dass sie jetzt auch bereit für eine Stunde Pilates oder einen Waldlauf wären. Doch nicht die Beine und Arme werden trainiert, sondern „die „Gesangswerkzeuge“, also die Stimmbänder. Und die müssen fit sein für die nächste große Aufgabe: das Winterkonzert 2019.

Am Samstag, 23. November, steht im historischen Rathaussaal „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms auf dem Programm. Endlich, findet Angelica Heder-Loosli, denn dieses Werk ist ihr Herzensprojekt. „Der Bach-Chor ist in seiner Qualität sehr gewachsen. Jetzt sind wir reif für dieses Requiem von Brahms.“

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Schöne Texte und eine Musik, die die Vergänglichkeit thematisiert und trotzdem viel Trost spendet: Das zeichnet nach Meinung der Chorleiterin das Werk aus, das auch am Sonntag, 24. November, in der Pfarrkirche St. Jakob in Bad Endorf gesungen wird.

Eigentlich steht ja nicht Brahms, sondern Bach im Mittelpunkt des Repertoires. Bach hat dem Chor den Namen gegeben. Angelica Heder-Loosli ist dem Komponisten „sehr, sehr nahe“, wie sie sagt. Sie verspürt eine Art Seelenverwandtschaft. „Bach verkörpert eine herrliche Mischung aus Rebell und zutiefst gläubigem Menschen.“

Im Alter von 14 Jahren hat die Chorleiterin zum ersten Mal seine Johannispassion in München gehört – und sich gewünscht, mitsingen zu können. Sie wurde Musikerin und Sängerin, leitete mehrere Chöre – und entschloss sich vor 34 Jahren, einen eigenen zu gründen, der ihren Lieblingskomponisten ehrt.

Mutmacherin und Motivatorin

Zur ersten Probe im Jahr 1985 kamen gleich 60 Sängerinnen und Sänger. 65 Aktive im Alter von 20 bis 80 Jahren umfasst der Chor bis heute. Die Aktiven stammen nicht nur aus Wasserburg, sondern auch aus den Nachbarorten. Zweimal im Jahr – im Frühjahr und Spätherbst – gibt es ein Konzert.

Das Programm wählt die Leiterin stets selber aus: Das Requiem von Brahms, eigentlich gedacht für einen großen Chor und ein sehr großes Orchester, wird in beiden Konzerten in einer Fassung mit reduzierter Orchesterbesetzung zu hören sein. Die Musiker sind Profis. Es gibt nur drei gemeinsame Proben mit dem BachChor, bei denen Sänger und Orchester zusammengeführt werden. „Das ist immer ein spannender Moment“, sagt Angelica Heder-Loosli.

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Herausforderungen dieser Art nimmt die 64-Jährige mit einer Mischung aus langjähriger Erfahrung und Humor. Der ist auch der rote Faden bei jeder Chorprobe. Die Leiterin sorgt für gute Stimmung, witzelt, lacht – und macht Mut: „Traut Euch ruhig.“ Sie fördert und fordert: „Hört besser aufeinander“, sagt sie, wenn die Harmonie der Stimmen aus dem Ruder gerät. „Schon viel besser“, heißt es wenig später, wenn ihre Anweisungen Früchte tragen.

So nähert sich der Chor über Monate dem Konzert – und wächst dabei zu einer Gemeinschaft zusammen. Diese verbringt zur Vorbereitung sogar manchen freien Samstag oder gar ein ganzes Wochenende zusammen. „Wir verstehen uns menschlich sehr gut, der Zusammenhalt ist hervorragend“, sagt Angelica Heder-Loosli. Das ist auch – neben der hohen Qualität der vier Stimmen Sopran Alt, Tenor und Bass – das Erfolgsgeheimnis des Bach-Chores.

Er kann anspruchsvolle Werke wie das Requiem von Brahms,, singt sie nicht runter, sondern füllt sie mit Leben. Der letzte Schliff kommt in der Schlussphase der Konzertvorbereitungen. „Dann klingt das Werk in mir“, sagt die Leiterin. Sie ist jetzt – so kurz vor der Aufführung – ganz eins mit der Musik.

Darum singt die Chorleiterin nicht unter der Dusche

Eigentlich ist Heilpraktikerin und ehemalige Lehrerin eher ein introvertierter Typ, wie sie sagt. Deshalb singt sie auch nicht daheim unter der Dusche, erzählt sie schmunzelnd. Als Chorleiterin geht sie jedoch aus sich heraus, reißt mit, fokussiert, bewegt die Sängerinnen und Sänger und ihre Stimmen.

Mit blitzenden Augen und ausladender Gestik steht Angelica Heder-Loosli am Klavier, gibt den Ton an – und sprüht vor Energie. Beglückt geht sie nach Hause, wenn es gelingt, den Chor zu Meisterleistungen anzuspornen. Das Glück ist jedoch erst dann zu hundert Prozent komplett, wenn die Besucher das Konzert „berührt verlassen“.

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