Wegen Corona: Menschen mit und ohne Behinderung ratschen in Wasserburg über den Gartenzaun

Die OBA-Mitarbeiterinnen Marina Schechtl (links) und Karin Mühlbauer schenken aus. Zu den Getränken gibt es Zeit zum Ratschen und Bastelangebote.
+
Die OBA-Mitarbeiterinnen Marina Schechtl (links) und Karin Mühlbauer schenken aus. Zu den Getränken gibt es Zeit zum Ratschen und Bastelangebote.

Wer schätzt ihn nicht, den Ratsch mit Nachbarn über den Gartenzaun. Die „Offene Behindertenarbeit“ (OBA) in Wasserburg nutzt dieses zwanglose Miteinander jetzt, damit sich Menschen mit und ohne Behinderung trotz Corona wieder begegnen können. Am Gartenzaun der Jakobskirche gibt es dazu einen Kaffee to go.

Von Birgit Schlinger

Wasserburg – Der Lockdown hat auch Angebote wie die Offene Behindertenarbeit in Wasserburg hart getroffen. Seit einigen Wochen haben die Ambulanten Angebote der Stiftung Attl wieder geöffnet – mit angepasstem Programm wie dem „Kaffee im Stehen“, das jeden Sonntagnachmittag stattfindet. Auf einen Ratsch am Gartenzaun treffen sich Menschen mit und ohne Behinderung.

Vorbeischauen und ein bisschen ratschen über den Gartenzaun

„Es ist ein offenes Angebot, zu dem jeder kommen kann“, erzählt OBA-Leiterin Theresa Fuchs. Inspiriert vom Geh-Kaffee in Attl, einer internen Veranstaltung, bei der die Bewohner auf dem Sportplatz einen Coffee to go oder ein Kaltgetränk bekommen, startete die OBA vor einigen Wochen ein „Kaffee im Stehen“, bei dem Mitarbeiter und Ehrenamtliche Kaffee, Getränke und Kekse anbieten. Ausgeschenkt wird vom kleinen Garten des Büros in der Schustergasse 13 über den Gartenzaun. „Auf keinen Fall wollen wir den Gastronomen in Wasserburg Konkurrenz machen“, betont Fuchs. „Sondern wir wollen einfach nur dazu einladen, bei uns vorbeizuschauen, ein bisschen zu ratschen und Leute zu treffen.“

Unterstützung fand die Idee bei der Sparkasse Wasserburg, die dem Angebot mit einer Spende zu mehr Aufmerksamkeit verhalf. „Wir übernahmen die Kosten für zwei Beachflags und zwei Schürzen in Höhe“, erläutert Christina Leimbeck von der Marketingabteilung der Sparkasse. Auf Initiative eines ehrenamtlichen Mitarbeiters der OBA, Manfred Förtsch, dem ehemaligen Stadtbaumeister von Wasserburg, kam der Kontakt zustande. Bei der Spendenübergabe betonte Leiterin Fuchs: „Mit dem Kaffee im Stehen können wir dem inklusiven Gedanken, für den die OBA steht, optimal entsprechen, indem wir ganz zwanglos mitten in der Stadt Wasserburg regelmäßig ein öffentliches Angebot schaffen und auch Passanten einbinden.“ Zudem biete der schattige Kirchplatz der Jakobskirche eine wunderbare Kulisse an.

Natürlich würden dabei alle Hygienevorschriften und Abstandsregeln beachtet, betont die Leiterin.

Wieder in Gesellschaft mit anderen Menschen

Das Team der OBA beobachtet, dass gerade bei vielen Familien seiner Klienten noch große Unsicherheit und Ängste bestehen, wie man sich unter den Corona-Bedingungen in der Öffentlichkeit verhalten darf. „Das Sonntagskaffee bietet eine sehr niedrigschwellige Möglichkeit, sich wieder in die Gesellschaft von anderen Menschen zu wagen und eine nette Freizeitgestaltung wahrzunehmen“, so Fuchs.

+++

Lesen Sie auch: Der Corona-Ticker – Aktuelle Entwicklungen zu Covid-19 in der Region, Bayern und der Welt

+++

Zuletzt hatten die beiden Mitarbeiterinnen Karin Mühlbauer und Marina Schechtl Dienst. Sie bauten den kleinen Tisch auf, kochten Kaffee und bereiteten die Bastelsachen vor.

„Es gibt immer ein wechselndes Zusatzangebot zum Kaffee im Stehen, damit das Kommen attraktiv bleibt“, erklärt Fuchs. Da die Mitarbeiterinnen die Klienten auch zuhause beraten und unterstützen, kennen sie einige Besucher.

Wie Peter Merkel, der auf einen Kaffee vorbeischaut. Er wohnt im Schopperstatt-Haus in Wasserburg und ist seit sieben Jahren in Rente. Vorher arbeitete er in der Metallabteilung der Stiftung Attl. Er nehme das „Kaffee im Stehen“ gern an, sagt er. Hier trifft er Katharina, eine Bekannte aus der OBA. Sie ist schon öfter mit der Gruppe in Urlaub gefahren und kommt gern zum Leute treffen, wie sie erzählt.

Ende Juli gibt es auch ein Bewegungsangebot

Auch eine Gruppe Touristen aus dem Norden schaut neugierig vorbei und informiert sich über die Aktion, ebenso wie zufällig vorbeikommende Bürger.

Für das „Kaffee im Stehen“ kann sich Theresa Fuchs weitere Erweiterungen vorstellen. „Ende Juli gibt es zum Beispiel ein Bewegungsangebot.“

Auch wenn Singen noch nicht wieder erlaubt sei, würde sie sich sehr freuen, „wenn jemand unser Kaffee im Stehen mit seiner Musik bereichern möchte“. Ihr Team sei offen für neue Ideen und gespannt, wie sich alles weiterentwickelt.

Das könnte Sie auch interessieren:

Jetzt erst recht: Stiftungen der Sparkasse Wasserburg helfen

Das Team der OBA bietet normalerweise ein bunt gefächertes Freizeitprogramm an. In Corona-Zeiten musste es sein Angebot allerdings komplett neu überdenken. „Wichtig ist uns eine möglichst große Vielfalt, bei der für jeden Geschmack etwas dabei ist“, so Fuchs.

Bisher gingen die Teilnehmer des Freizeitprogramms zum Kegeln, trieben gemeinsam Sport oder trafen sich zu einem Stammtisch. Auch Spieleabende, Frühstückstreffs, gemeinsames Gärtnern oder Ausstellungsbesuche, Bergtouren und Ausflüge standen auf dem Programm. Zudem organisierte die OBA mehrmals im Jahr Urlaubsfahrten, zuletzt eine Busreise in die Toskana.

„Zu unseren Klienten zählen Personen, die alleine wohnen, aber trotzdem Assistenz im Alltag und bei der Freizeitgestaltung brauchen, sowie Menschen mit Behinderung, die bei ihren Familien leben und auch mal etwas alleine unternehmen wollen“, erklärt die Leiterin.

Lesen Sie auch:

Der Coronaman von Wasserburg ist der etwas andere Superheld

Um den Unterstützungsbedarf in den Familien abzudecken, gingen die Mitarbeiter zuletzt vermehrt zu den Klienten nach Hause oder boten Einzelstunden im Garten an.

Jetzt gibt es wieder ein erstes Gruppenangebot, den offenen Treff am Freitag – allerdings mit Anmeldung: „Bei gutem Wetter können wir raus und die Abstandsregelungen einhalten, bei schlechtem Wetter, wenn wir drinnen bleiben, begrenzen wir das Angebot auf sechs Personen.“

OBA betreut fast 100 Personen und ihre Familien

Gegründet vor mehr als 25 Jahren betreut die OBA derzeit fast 100 Personen im Freizeitbereich und im familienunterstützenden Dienst. Das Stammteam von vier Mitarbeiterinnen, die alle in Teilzeit arbeiten, wird von weiteren Helferinnen und Ehrenamtliche stundenweise unterstützt.

„Wir sehen den Bedarf unserer Klienten, wieder unter Menschen zu gehen, Freundschaften zu pflegen und sich ein Stück normales Leben zurückzuerobern“, sagt Theresa Fuchs. „Um dies auch in Corona-Zeiten zu ermöglichen, sind wir da.“

Kommentare