Wegen Corona: Blumenschmuck aus Wasserburger Gärtnereien landet auf Kompost

Ihr blutet das Herz, wenn sie Frühblüher entsorgen muss: Gärtnereibesitzerin Christine Posch. Sie hofft deshalb darauf, dass ihr Lieferservice angenommen wird. Weithofer

Christine Posch blutet das Herz, wenn sie die vielen blühenden Frühjahrsblumen in ihrer Gärtnerei sieht. Die meisten landen derzeit mangels Absatz auf dem Kompost. Gärtnereien und Blumenläden sind von den Auswirkungen der Coronakrise stark betroffen.

Von Winfried Weithofer

Wasserburg – Mühsam hat die Gärtnereibesitzerin die Frühjahrszucht vorbereitet – und jetzt ist beinahe alles umsonst: „In Anbetracht der Tatsache, dass wir bis Ostern geschlossen haben, wird mir schon etwas mulmig.“ Das „Bauchgefühl“ ist, wie sie sagt, „nicht gut“. Ihre Befürchtung: dass die vom Staat verordnete Ladenschließung noch verlängert wird.

Hohe Umsatzverluste bereiten Sorgen

Wie andere Geschäfte hat auch sie einen Telefonservice eingerichtet, der wenigstens für einen kleinen Ausgleich sorgen soll: „Wir nehmen Bestellungen an und liefern dann aus.“ Auch die Homepage stehe für den Service zur Verfügung. Aber die Umsatzverluste seien trotzdem enorm. „Wir liegen bei 80 Prozent im Minus“, klagt die Geschäftsinhaberin.

Was nicht verkauft wird, muss entsorgt werden. „Die Pflanzen, die ich bei mir auf dem Hof habe, müssten jetzt ins Beet kommen. Nach Ostern braucht die keiner mehr.“ Stiefmütterchen, Primeln, Ranunkeln – all das findet aber nur wenige Abnehmer.

+++

Lesen Sie auch: Der Corona-Ticker – Aktuelle Entwicklungen zu Covid-19 in der Region, Bayern und der Welt

+++

Der Supermarkt ein paar hundert Meter entfernt darf dagegen Blumen en masse anbieten. Eine Ungerechtigkeit? „Das Angebot haben die Supermärkte schon seit Jahren, und jetzt wird es noch aufgestockt. Klar, dass mich das ärgert“, sagt Posch. Sie nimmt jedoch hin, was sie eh nicht ändern kann: „Es gibt halt Gewinner und Verlierer in dieser ganzen Geschichte. Jetzt müssen wir mal schauen, wie es weitergeht.“

Auf jeden Fall will sie für ihren Betrieb – vier Mitarbeiter und zwei Minijobber hat sie beschäftigt – staatliche Soforthilfe beantragen. Denn Gärtner bleiben auf ihren Kosten sitzen, sie produzieren mit Vorlauf. Viele der derzeit zum Verkauf anstehenden Produkte werden schon im Sommer des Vorjahres bestellt, im Herbst oder Winter als Samen, Steckling oder Jungpflanze in die Produktion genommen und dann im Frühjahr des kommenden Jahres verkauft.

Der erste Flor ist verloren

Möglichkeiten, den Verlust zu kompensieren, sieht Posch kaum. Dienstleitungen wie Gartenpflege und Kübelpflanzenüberwinterung oder auch die Auslieferung von Sträußen über Fleurop könnte sie zwar ausbauen, aber viel bringe das auch nicht.

Ob Hochzeiten oder Beerdigungen: Nach Blumenschmuck wird kaum mehr verlangt. „Das läuft alles ganz, ganz minimal“, sagt Posch. „Und der erste Flor, der für uns so wichtig gewesen wäre, ist verloren, nach Ostern kommt der nächste Blütenflor, die Sommerbepflanzung.“

Die Zweifel sind groß, dass bis dahin eine Trendwende kommen wird. Immerhin: Seit dieser Woche darf Posch eine Vertrauenskasse aufstellen, in die Kunden das Geld für die gekaufte Ware einzahlen können.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Ein bescheidenes Angebot an Blumen und Zierpflanzen gibt es derzeit auch im Attler Markt, der in Coronazeiten geöffnet hat. Doch dessen Leiter Andreas Rauch legt Wert darauf, dass der Verkauf von Lebensmitteln – Kartoffeln, Eier, Getreide – eindeutig im Vordergrund stehe. „Wir kompostieren Pflanzen, die wir unter normalen Umständen verkauft hätten.“ Den Blumenhändlern in den Rücken zu fallen – nein, das will Rauch „auf gar keinen Fall“. Es gefällt ihm daher nicht, wie die Discounter ihren Zierpflanzenbereich ausdehnen: „Wissend, dass das nicht alles Ware aus Deutschland ist.“

Frühjahrssaison existenziell

Wie Christine Posch so macht auch Rauch sich große Sorgen um den Fortgang des Geschäfts. „Für uns ist die Frühjahrssaison existenziell.“ Er überlege gerade, einen Lieferservice einzurichten. „Was natürlich mit einem extremen Aufwand verbunden ist“, befürchtet er. Aber: „Auf die Schnelle überfordert uns das.“

Verkauf geht weiter in Gemüsegärtnerei

Gut dagegen läuft der Hofladen in Reitmehring: Das Ehepaar Buortesch führt dort eine Bio-Gemüsegärtnerei, die aufgrund des Lebensmittelangebots weiter geöffnet sein darf. „Bei uns gibt es keinen Einbruch“, sagt deshalb Monika Buortesch. Feldsalat, Portulak, Kräuter, Asia-Salate, Mangold und Sellerie fänden reichlich Abnehmer. „Nein, wir müssen nichts auf den Kompost werfen.“

Die Leute würden derzeit vor allem nach Gesundheitskriterien einkaufen, sich viel Obst und Gemüse besorgen. Eine Beobachtung, die auch ihr Gatte Norbert macht: „Die Kunden wollen tatsächlich was für ihr Immunsystem tun“, stellt er fest. Er hat für sein Geschäft deshalb wieder neuen Mut gefasst: „Man darf angesichts der Situation nicht in der Angststarre verharren. Man muss aktiv was dagegen tun.“

Kommentare