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Interview zum Jahreswechsel

Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl hofft auf ein Stück Normalität im neuen Jahr

Allein am Sitzungstisch im Rathaus: Hier möchte Bürgermeister Michael Kölbl 2022 endlich wieder eine Stadtratssitzung leiten können. Bisher mussten alle Treffen des neuen Gremiums aufgrund der Pandemie in der Mittelschule durchgeführt werden.
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Allein am Sitzungstisch im Rathaus: Hier möchte Bürgermeister Michael Kölbl 2022 endlich wieder eine Stadtratssitzung leiten können. Bisher mussten alle Treffen des neuen Gremiums aufgrund der Pandemie in der Mittelschule durchgeführt werden.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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„Als Bürgermeister bin ich Berufsoptimist“, sagt Wasserburgs Rathauschef schmunzelnd. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum er zuversichtlich ins neue Jahr schaut. Ein Interview mit der Wasserburger Zeitung über Sorgen und Hoffnungen, Ziele und Neujahrswünsche.

Wasserburg – Auch er mag das C-Wort nur noch ungern aussprechen, doch Corona hat auch 2021 das kommunale und gesellschaftliche Leben in Wasserburg geprägt. Bürgermeister Michael Kölbl blickt im Interview zum Jahreswechsel mit der Wasserburger Zeitung trotz einer gewissen Pandemie-Müdigkeit, die in der Stadt zu spüren sei, voller Zuversicht voraus. 2022 wird, davon ist Kölbl überzeugt, ein Stück Normalität zurückkehren.

Im Interview zum Jahreswechsel 2020/2021 haben Sie Ihrer Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die Pandemie in diesem Jahr durch die Impfungen besiegt wird und wir bald wieder ein normales Leben führen können. Wie groß ist die Enttäuschung darüber, dass 2021 erneut stark von Corona geprägt war?

Michael Kölbl: Ich bin eher überrascht – von der Dynamik und der Heftigkeit der vierten Welle. Auch die Omikron-Variante hatte wohl niemand in diesem Ausmaß so richtig auf dem Schirm. Ich denke, dass wir lernen müssen, mit Corona zu leben. Und ich hoffe, dass es leichter wird, weil erstens die Impfmittel besser werden und es zweitens die ersten zugelassenen Medikamente gibt. Corona wird uns sicherlich noch einige Jahre begleiten, doch ich bin zuversichtlich, dass der Schrecken und das Leid nachlassen werden.

Wie stark hat die Stadt unter dem 2. Corona-Jahr gelitten? Wie empfinden Sie die Stimmung in der Bevölkerung?

Kölbl: Flohmarkt, Feste, Feiern: Das öffentliche Leben war intensiv betroffen. Ehrlich gesagt, uns allen fehlt ein Stück des Jahreskreises, der sich in Wasserburg auch an vielen Veranstaltungen mit Tradition orientiert. Hinzu kamen Schließungen von Museum, Bibliothek und Badria, wo sogar Kurzarbeit herrschte, Einschränkungen in Schulen und Kitas. Auch der örtliche Handel hat stark gelitten, das können wir nicht wegdiskutieren. Als Stimmung mache ich eine gewisse Corona-Müdigkeit aus. Langsam langt es uns allen. Wir fühlen uns arg strapaziert durch die vielen Einschränkungen und Auflagen. Auch viele Kontakte im Familien- und Freundeskreis haben gelitten. Das Vereinsleben liegt zum Teil brach. Alle sehnen sich nach der gewohnten Normalität.

Bisher ist Wasserburg finanziell relativ gut durch die Krise gekommen. Kann das so weitergehen oder merken wir im Haushalt für das neue Jahr zum ersten Mal größere Einbrüche bei den Gewerbe- und Einkommensteuereinnahmen?

Kölbl: 2021 war und 2022 wird kein gigantisches Gewerbesteuerjahr. 2021 liegen die Gewerbesteuereinnahmen unter dem Normalansatz von zehn Millionen Euro, 2022 prognostiziert der Kämmerer ebenfalls keine zehn Millionen Euro. Doch diese Rückgänge sind nicht auf Corona zurückzuführen, sondern haben andere betriebliche Gründe. Bei der Einkommenssteuer haben wir nur im ersten CoronaJahr 2020 einen leichten Einbruch verspürt – von 2019, als 8,2 Millionen Euro in die Stadtkasse flossen, auf 7,75 Millionen Euro. Heuer waren es wieder 8,2, für 2022 rechnen wir mit 8,4 Millionen Euro. Generell lässt sich sagen: Das neue Jahr wird haushaltstechnisch gesehen kein üppiges, aber große Einbrüche bei den Einnahmen, die auf die Pandemie zurückzuführen wären, wird es nicht geben.

Gelitten haben vor allem Einzelhandel und Gastronomie. Was kann eine Kommune tun, um zu helfen?

Kölbl: Wir haben schon 2020 die Sondernutzungsgebühren für Außenbereiche bei Geschäften und gastronomischen Betrieben auf null gesetzt. Ich rechne damit, dass der Stadtrat bereit sein wird, dies 2022 noch einmal zu tun. Außerdem haben wir den Wirtschaftsförderungsverband als Dachorganisation der Geschäftsleute mit der Bereitstellung von maximal 65.000 Euro für Sonderaktionen unterstützt. Die meisten Mittel flossen in die Gutscheinaktion, die auf sehr gute Resonanz bei den Kunden gestoßen ist und wirklich geholfen hat, wie der WFV bestätigt.

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Schwer zu schaffen macht die Pandemie auch den Schulen und Kitas. In Letzteren kommt jetzt auch noch die Testpflicht. Kann das Personal diese Aufgaben überhaupt stemmen?

Kölbl: Grundsätzlich ist festzustellen, dass das Personal in den Kitas an der Grenze der Belastbarkeit steht. Ich ziehe den Hut vor den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich trotz dieser enormen Belastung so eingesetzt haben für die Familien. Ich stelle fest, dass es beim Personal eine starke Identifikation mit dem Beruf und der Stadt gibt. Doch man merkt schon: Alle sind auch hier corona-müde. Was das Testen der Kinder angeht, können wir laut Ministerium die Eltern in die Pflicht nehmen. Sie erhalten über die Stadt Gutscheine für Tests in den Apotheken und müssen die Anwendung in den Kitas nur nachweisen. Das ist ein gangbarer Weg.

Auch in Wasserburg wurde heftig diskutiert über den Sinn von Luftfiltern in Schulen und Kitas? Jetzt sind sie da. Welche Hoffnung verbinden Sie mit der Anschaffung?

Kölbl: Wir haben 28 Schul- und vier Kitaräume mit Luftreinigungsgeräten ausgestattet, dafür 121.703 Euro investiert und bekommen eine Förderung von 56.000 Euro. Jetzt hoffe ich, dass die Geräte ihre Erwartungen erfüllen, es durch den Einsatz also weniger Infektionen und damit auch weniger Gruppenschließungen und Quarantänezeiten gibt.

Die Altstadt Wasserburg lebt von vielen Festen. Seit zwei Jahren ist kaum noch eine größere Veranstaltung möglich, trotzdem ist einiges geplant für 2022 - unter anderem ein großes Musikfestival. Auch das Bürgerspiel und das Frühlingsfest sollen stattfinden. Glauben Sie, dass es klappt?

Kölbl: Ich bin zuversichtlich, dass im Sommer einiges stattfinden wird. Ich rechne allerdings mit Einschränkungen und Auflagen. Sicherlich wird es manches Mal notwendig sein, neue Konzepte zu erstellen.

Die Nachricht zum Jahresende 2021 lautet: Der Bahnhof Reitmehring wird an die S-Bahn angeschlossen. Für viele Pendler eine erfreuliche Aussicht. Doch es gibt auch sorgenvolle Reaktionen: Viele befürchten, dass der Zuzugsdruck nach Wasserburg größer wird, die Immobilienpreise explodieren könnten.

Kölbl: Klar, die Elektrifizierung eines durchgehenden Zuges von Wasserburg nach München, die bis etwa 2025/2026 kommen soll, wird die Attraktivität des Wasserburger Raumes mit Sicherheit weiter steigern. Wir werden noch interessanter für Auspendler und Umzieher. Doch wir dürfen auf keinen Fall versuchen, durch wildes Ausweisen von Bauland der Situation Herr zu werden. Das verschärft nur den Druck und die Probleme. Ziel muss es sein, maßvoll Grundstücke auszuweisen – auch im Einheimischenmodell – und Wohnraum zu schaffen. Wichtig ist hierbei vor allem der geförderte Wohnungsbau, auch in Kooperation mit Partnern wie der Wohnungsbaugenossenschaft. Ich bin sicher, nicht nur Wasserburg ist betroffen, auch der Druck auf die Umlandgemeinden wird wachsen.

Ein neues Baugebiet entsteht ja auf dem Gelände der Essigfabrik. Wie geht es da weiter?

Kölbl: Wir haben einen städtebaulichen Ideenwettbewerb in der Pipeline, von dem wir uns Vorschläge für die Gestaltung erwarten. Denn das Gelände ist schwierig: Nordhang, Inn-Nähe, benachbartes Pumpwerk. Mein Ziel ist trotz dieser Problemstellen klar definiert: Hier in Altstadtnähe sollte schwerpunktmäßig geförderter Geschosswohnungsbau entstehen.

Wasserburg gehört zu den elf neuen Kommunen, die die Staatsregierung in die Mieterschutzverordnung aufgenommen hat. Beunruhigt Sie die Tatsache, dass auch in Wasserburg nun die Mietpreisbremse greifen muss?

Kölbl: Ich habe damit gerechnet. Ob es auf dem Mietmarkt etwas bewirkt, wage ich zu bezweifeln. Doch wir müssen alles tun, um Mietwucher entgegenzuwirken. Die Einführung der Mietpreisbremse ist ein Signal, das zeigt, es muss was unternommen werden. Dies ist jedoch kein alleiniges Wasserburg-Problem, betroffen ist die ganze Metropolregion München, die in vielen Bereichen eine explosionsartige Steigerung der Mieten verzeichnet. Es kann nicht sein, dass in dieser Region in einem Zwei-Personen-Haushalt ein Mitglied nur für die Finanzierung der Wohnung arbeiten muss.

Größtes Bauvorhaben in der Stadt ist derzeit das neue Großklinikum. Doch es gibt ein großes Problem: keine direkte Busanbindung. Haben Sie noch Hoffnung, dass der gordische Knoten durchgeschlagen wird? Welche Lösung könnten Sie sich vorstellen?

Kölbl: Von Anfang an hat die Stadt Wasserburg immer – sozusagen gebetsmühlendartig – darauf hingewiesen, dass das neue Klinikum eine direkte Busanbindung braucht. Ich bin als Bürgermeister ja Berufsoptimist, die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es ja. Deshalb warte ich jetzt mit großer Spannung und Hoffnung zugleich auf die Planungen des Staatlichen Bauamtes für eine Buserschließung des Haupteingangs über das Gelände. Vielleicht geht es ja doch. Wenn nicht, müssen die bestehende Bushaltestelle barrierefrei umgebaut und eventuell ein Aufzug erstellt werden, um den Klinikeingang barrierefrei erreichen zu können. Auch ein Shuttlebus wäre denkbar. Das Beste ist jedoch eine direkte Anbindung. Eine Lösung muss leider komplexe Herausforderungen nehmen, denn der Stadtbus ist angebunden an den Bahnhof. Er führt ab Februar im Halbstundentakt, zwei bis drei Minuten Verzögerung sind in diesem Zusammenhang eine Höllenzeit, die Anschlüsse gefährden könnte.

2021 sind viele kommunalpolitische Weichen gestellt worden. Unter anderem für den Halbstundentakt des Stadtbusses und ein neues Tarifsystem. Welche Hoffnung verbinden Sie damit?

Kölbl: Dass der öffentlichen Personennahverkehr besser genutzt wird – so gut, dass noch mehr Menschen vom Auto in Bus und Bahn umsteigen. Das wird jedoch nur funktionieren, wenn auch die Umlandkommunen im Landkreis besser angebunden werden. Der Nahverkehrsplan des Landkreises, für dessen Umsetzung auch Mittel bereit stehen, muss mit Leben erfüllt werden. Er ist leider aufgrund der Pandemie bei der Umsetzung ins Stocken geraten.

Ebenfalls wegweisend: das vom Freistaat unterstützte Modellprojekt, das in Wasserburg Denkmalschutz und Energiewende vereinen will. Glauben Sie wirklich, dass es gelingen wird, aus der Gestaltungssatzung auszubrechen und auf historischen Dächern mehr Photovoltaikanlagen installieren zu können?

Kölbl: Es geht um keinen Ausbruch aus der Gestaltungssatzung, sondern darum, sie so umzuformulieren, dass vermehrt Photovoltaikanlagen unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes installiert werden können. Eine große Chance sind hierbei die technischen Fortschritte: Es gibt andere Module als vor zehn Jahren, die sich besser, weil unauffälliger, auf den Dächern anbringen lassen. Wir suchen Bürger, die an dieser Erprobung, die vom Freistaat unterstützt wird, teilnehmen möchten.

Auch die Fahrradfreundlichkeit der Stadt soll verbessert werden – ebenfalls ein schwieriges Unterfangen in einer Flussschleife. Ein großer Wurf wäre eine Brücke über die Kapuzinerinsel. Utopie oder Maßnahme mit Realisierungschance?

Kölbl: Nicht von heute auf morgen, aber grundsätzlich schon. Ich setze aber nicht nur auf den Fußgänger- und Radlbrücke über die Kapuzinerinsel, für mich eine Vision mit Zukunft, sondern auch auf die Trasse der Altstadtbahn. Nachdem eine Reaktivierung vom Tisch ist, auch weil der Freistaat dies aufgrund des schlechten Kosten-Nutzen-Verhältnisses ablehnt, kann die Trasse anderweitig genutzt werden – auch dann, wenn sie wie in unserem Fall weiter als Bahnstrecke gewidmet ist. Ich hätte hier gerne einen Rad- und Fußweg entwickelt. Der Freistaat hat dafür jetzt ein Förderprogramm aufgelegt, das solche Umnutzungen für frühere Bahntrassen finanziell unterstützt. Ich werde dem Haupt- und Finanzausschuss den Vorschlag unterbreiten, dass wir uns bewerben.

Wie heißt es so schön: The same procedere as every year. Dieser Spruch aus „Dinner for one“ gilt auch für das Dauerthema Auflösung des Bahnübergangs Reitmehring, Dauer-Interviewfrage der Wasserburger Zeitung im Jahresgespräch mit Ihnen. Wird es 2022 endlich was mit der Umsetzung?

Kölbl: Sicher nicht. Denn nach wie vor fehlt der Planfeststellungsbeschluss. Die Regierung von Oberbayern hat versprochen, dass er 2022 kommen wird. Ich hoffe sehr, dass die Regierung ihr Versprechen einlöst, denn die Planfeststellungsunterlagen sind fertiggestellt und liegen seit einem Jahr vor. Ich muss dazu noch einmal betonen, dass wir als Stadt nicht die Bauherrin sind. Es handelt sich um eine Bundesstraße, der Freistaat ist Bauherr, das Staatliche Bauamt die Planungsinstanz, die Regierung von Oberbayern die Genehmigungsbehörde.

Was hat Sie rückblickend 2021 besonders gefreut, was besonders geärgert? Und was wünschen Sie sich für 2022?

Kölbl: Besonders gefreut hat mich, dass der Stadtrat einstimmig den Halbstundentakt für den Stadtbus und das neue Tarifblatt auf den Weg gebracht hat. Der Stadtrat hat bewiesen, dass er selbst unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen einer Pandemie sehr konstruktiv arbeiten und viel bewegen kann. Das ist ein ermutigendes Signal für die weitere Zusammenarbeit. Geärgert habe ich mich oft über Entscheidungen auf Regierungsebene zur Corona-Politik, die wir abends in Pressekonferenzen erfahren haben, die uns dann oft spätabends per Mail mitgeteilt wurden – mit der Erwartung, dass die Verwaltung sie am nächsten Tag bereits umsetzt. Das war manchmal schwer zu verkraften. Für 2022 wünsche allen Bürgern alles Gute. Ich freue mich, dass sich die Wasserburger auch in Pandemiezeiten so stark mit ihrer Stadt identifizieren. Ich hoffe, dass wir die Corona-Pandemie 2022 besser in den Griff bekommen, wieder in einen Normalmodus zurückkehren können. Am wichtigsten für alle ist, das hat uns die Krise außerdem gezeigt, die Gesundheit.

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