Bilanz des Stadtoberhauptes

Wasserburgs Bürgermeister Kölbl zum Jahreswechsel: „Corona zeigt: Die Solidarität lebt“

Schaut von „der Schönen Aussicht“ optimistisch ins neue Jahr und auf die winterliche Stadt: Bürgermeister Michael Kölbl.
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Schaut von „der Schönen Aussicht“ optimistisch ins neue Jahr und auf die winterliche Stadt: Bürgermeister Michael Kölbl.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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2020 war ein anstrengendes Jahr – auch für Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl, die Verwaltung und den Stadtrat. Trotzdem war nicht alles schlecht: Warum der Rathauschef aus dem Jahr der Pandemie auch viel Ermutigendes mit ins neue Jahr nimmt, erläutert Kölbl im Interview mit der Wasserburger Zeitung.

Wasserburg – Bürgermeister Michael Kölbl schaut optimistisch ins neue Jahr – obwohl feststeht, dass uns die Pandemie noch länger im Griff haben wird. Warum das alte Jahr auch etwas Gutes hatte und das neue deshalb in den Augen des Wasserburger Rathauschefs voller Hoffnung steckt.

2020 war weltweit ein herausforderndes Jahr. Die Corona-Pandemie hat nahezu jeden Bereich des öffentlichen Lebens beeinträchtigt. Was waren die einschneidendsten Erfahrungen und Herausforderungen auf kommunaler Ebene – und für Sie persönlich?

Michael Kölbl: Dass in einer Demokratie ein Lockdown überhaupt möglich ist, das hätte ich noch Anfang 2020 nicht für möglich gehalten. Erstaunlich, welch weitschneidende Einschränkungen auf uns zugerollt sind. Ich hätte niemals gedacht, das etwas Realität wird, dass ich bisher eher mit Science Fiction in Verbindung gebracht habe. Auf kommunaler Ebene war es die größte Herausforderung, die sich ständig verändernden Verordnungen zu interpretieren und umzusetzen. Undenkbar war es für mich vor Corona, eine Landrats-Stichwahl ausschließlich per Brief durchzuführen. Doch es hat geklappt. Und was mich noch mehr freut: Es hat sich als richtig erwiesen, dass alle Wahlhelfer schon damals auf meine Anweisung hin Masken trugen. Aus der Stichwahl heraus kam es bei uns zu keiner Infektion. Schwierig war es auch, die Kinderbetreuung coronakonform umzusetzen: Betreuung ja, aber nur mit Abstand: Das war oft die Quadratur des Kreises. Was mich gefreut hat: Die Stadtverwaltung war für viele Bürger der Ansprechpartner, wenn es um die Umsetzung der Corona-Auflagen ging. Das zeigt das große Vertrauen in die Verwaltung. Ebenfalls undenkbar vor Corona und nun Realität: Kurzarbeit im Öffentlichen Dienst. Grundsätzlich muss ich sagen: Es war schon schwierig, das alles zu meistern. Ohne unsere engagierten Mitarbeiter im Rathaus und in den Einrichtungen der Stadt hätten wir es nicht geschafft.

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2020 fiel das Frühlingsfest der Pandemie zum Opfer – ebenso wie viele beliebte Wasserburger Stadtfeste. Wird es 2021 noch einmal viele weitere Festabsagen geben müssen?

Kölbl: Ich fürchte ja. Es wird weitere Absagen geben oder völlig neue Konzepte: andere und kleinere Veranstaltungsformate. Ein gutes Beispiel ist unser Altstadtbiergarten gewesen. Wenn sich die Pandemie noch weiter hinzieht, sind Verwaltung und Stadtrat offen für solche und neue Ideen. Es ist auch durchaus denkbar, den Altstadtbiergarten noch ein zweites Mal anzubieten, da das Feuerwehrhaus auf dem Gelände 2021 noch nicht gebaut wird. Wir haben bewusst die Aufkiesung belassen.

Der neue Stadtrat hatte es gleich zu Anfang schwer: Vereidigung mit Maske, tagen unter Corona-Hygieneauflagen. Hat sich das Miteinander trotzdem – auch auf Abstand - eingespielt?

Kölbl: Das Kennenlernen war und ist noch immer wesentlich schwieriger. Ein gemeinsames Essen zum Start, das Weggehen auf ein Bier nach den Sitzungen: All dies ist im Corona-Jahr 2020 nicht möglich gewesen. Trotzdem: Wir kennen uns schon ein bisschen besser, wir gehen gut, offen und ehrlich miteinander im Stadtrat um. Dazu tragen meiner Erfahrung nach auch die wöchentlichen Dienstbesprechungen mit den Amtsleitern im Rathaus bei, zu denen ich die Fraktionsvertreter einlade. Hier tauscht man sich fraktionsübergreifend bereits aus, das trägt sehr zur sachlichen Arbeit in der Kommunalpolitik bei.

Einzelhandel, Gastronomie und Künstler haben es im Corona-Jahr 2020 besonders schwer gehabt. Sie unterlagen zum Teil Berufsverboten, leiden derzeit schwer unter dem zweiten Lockdown. Was wird die Stadt unternehmen, um mit ihren Möglichkeiten zu helfen?

Kölbl: Wir haben schon einiges unternommen: Wir haben die Sondernutzungsgebühren für Gastronomie und Einzelhandel auf null gesetzt. Der Stadtrat hat einen Zuschuss von 65.000 Euro bewilligt, mit dem die Wasserburg-Gutscheine gefördert werden. Die Stadt hat bei der Pacht für ihre eigenen Immobilien individuelle Lösungen entwickelt: Wir haben Pacht erlassen, gesundet, reduziert, denn es ist uns sehr daran gelegen, unsere guten Pachtverhältnisse zu erhalten.

Der Strukturwandel im Einzelhandel ist durch die Pandemie beschleunigt worden. Auch in Wasserburg bestimmen mehr Leerstände als 2019 das Altstadtbild. Wird die Geschäftswelt in Wasserburg Corona mit einem blauen Auge überleben?

Kölbl: Ich denke: ja. Denn unsere Altstadt ist etwas Besonderes, hat eine eigenständige Attraktivität. Wir sind als Mittelzentrum ein Magnet und werden es auch bleiben. Doch es wird einen weiteren Wandel geben – hin zu Online-Angeboten. Viele unserer Geschäfte haben sich hier neu aufgestellt – mit Online-Bestellmöglichkeiten und Lieferdiensten. Trotzdem gehe ich davon aus, dass nach Ende der Pandemie ein großer Nachholbedarf im Bereich Einkaufen besteht. Wir werden alle froh sein, wieder persönlich durch Geschäfte bummeln zu können.

Ein Reizthema ist seit Jahren die geplante Einführung eines City-Managements, erklärtes Ziel auch im Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK). Wie weit ist das Vorhaben vorangekommen?

Kölbl: Das Thema ist ein bissl von der Pandemie ausgebremst worden. Wir wollten nach den Neuwahlen beim Wirtschaftsförderungsverband mit dem neuen Vorstand ein Arbeitsprofil entwickeln. Doch die Wahl beim WFV musste mehrmals wegen Corona verschoben werden. Ich hoffe, dass wir 2021 ein stimmiges Profil erarbeiten können. Reine Wirtschaftsförderung: Das wäre mir persönlich zu wenig. Ich glaube auch, dass wir die Aufgaben nicht auf eine Person konzentrieren können. Denn es sind viele Akteure engagiert in der Altstadtförderung: Geschäftsleute, Vereine, Kulturveranstalter, Ehrenamtliche, Vertreter des Tourismus.

Was lange währt, wird endlich gut? Das hoffen viele historische Interessierte, wenn es um das Museumsdepot geht. Schließlich dauerte es viele Jahre, bis eine Entscheidung fiel, dann kam es heuer bei den Ausschreibungen zu Kostenexplosionen, die noch einmal den Rotstift ansetzen ließen. Ist 2021 der Baustart möglich?

Kölbl: Ja, ich gehe davon aus. Denn die Überarbeitung der Ausschreibung hat sich gelohnt. Die Ergebnisse, die bisher vorliegen, stimmen zuversichtlich. Eine Kostenexplosion ist nicht zu erwarten.

Langen Atem benötigt die Stadt auch beim Vorhaben von Bund und Freistaat, den Bahnübergang Reitmehring zu beseitigen. Rechnen Sie 2021 mit dem Planfeststellungsbeschluss?

Kölbl: Ich hoffe es und wünsche es mir sehnlichst. Eigentlich sind alle Stellungnahmen und Einwände abgearbeitet, ist Entscheidungsreife erreicht. Mich beschäftigt die Thematik seit 2002. Jetzt hoffe ich für 2021, dass die Regierung von Oberbayern endlich den Planfeststellungsbeschluss fasst. Auch wenn es noch sein kann, dass Anlieger klagen, wäre der Beschluss ein wichtiger Schritt.

Auch der Bahnübergang Viehhausen wartet seit Jahren auf eine Lösung. Er soll sicherer werden – mit einer Schranke. Warum geht es hier so gar nicht voran?

Kölbl: Ich bin selbst sehr enttäuscht. Und stelle ausdrücklich fest: An der Bahn liegt es nicht. Sie hat gut und schnell an einer Lösung gearbeitet, wir wären längst auf dem Weg zur Plangenehmigung, denn auch die Stadt hat angeschoben, wo es ging. Doch trotz intensiver Gespräche gibt es nach wie vor Anlieger, die die notwendigen Grundstücke nicht verkaufen wollen. Das ist bedauerlich – und dafür fehlt mir, das sage ich ganz offen, das Verständnis, auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es hier schon zu zwei Todesfällen gekommen ist. Da eine Lösung an privaten Interessen scheitert, ist nun ein Planfeststellungsverfahren eingeleitet worden. Das wird dauern – leider.

Was wünschen Sie sich persönlich für das neue Jahr? Und welche Erkenntnisse aus der Pandemie nehmen Sie mit nach 2021?

Kölbl: Ich wünsche jedem Glück Gesundheit und Zufriedenheit, die drei Fundamente für ein gutes Leben. Ich hoffe, dass die Pandemie durch die Impfungen besiegt wird und wir bald wieder ein normales Leben führen können. Vielleicht ist dies in der zweiten Jahreshälfte 2021 möglich. Denn fest steht: Soziales Leben, Vereine, Kultur und Sport, viel ist 2020 auf der Strecke geblieben. Die Pandemie hat jedoch auch Positives aufgezeigt: Wir wissen jetzt, dass unsere Gesellschaft nicht vor allem aus Egoisten besteht, sondern Solidarität gelebt wird. Vor allem zwischen Jung und Alt: Das hat mich sehr gefreut in Wasserburg, wo es vielfältige Unterstützung durch Nachbarschaftshilfe, Fahrdienste und die Tafel sowie viele weitere Aktionen gab. Unsere soziale Gesellschaft lebt – das hat die Pandemie gezeigt. Ich hoffe, es wirkt nach!

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