"Bei uns hätte er eine Chance gehabt": Wasserburgerin verliert Vater in Kolumbien an Covid-19

Zweimal haben sie sich gesehen: Paco Lasso mit seinen Enkelkindern Isabella (links) und Manuel. Das Foto ist vier Jahre alt.
  • vonRegine Falk
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„Bei uns in Deutschland hätte er eine Chance gehabt“, glaubt Diana Lasso, die ihren Vater (71) eigentlich in Wasserburg zu Besuch erwartet hatte. Ihre Kinder freuten sich auf den Opa. Doch in Kolumbien herrschen katastrophale Bedingungen in den Krankenhäusern, klagt die gebürtige Kolumbianerin an.

Wasserburg – Isabella (7) und Manuel (12) hatten sich schon so sehr gefreut. Ihr Opa aus Kolumbien wollte sie in Wasserburg besuchen. Der Journalist Antonio Paco Lasso, in seinem Heimatland besser bekannt als „Paco“, hatte fest geplant, endlich wieder Zeit mit seiner Tochter Diana Lasso (45) und ihren beiden Kindern zu verbringen. Doch dann passierte eine Tragödie: Der 71-Jährige erkrankte in Kolumbien an Covid 19 – und starb, ohne seine Familie in Wasserburg wieder gesehen zu haben.

Ein Foto aus schönen Tagen: Journalist Antonio Paco Lasso in seiner Heimat am Amazonasstrom in Kolumbien. Diana Lasso Enriquez.

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„Wenn mein Vater hier gewesen wäre, hätte er eine Chance gehabt“, so die gebürtige Kolumbianerin, die ihre Trauer fernab von ihrer Heimat alleine bewältigen muss. Das Geschehen in Kolumbien konnte sie nur über Telefonate mit Familienmitgliedern verfolgen.

„Paco“ (rechts) mit einem Freund (links) im Amazonas.

Zu wenig Krankenhauspersonal

„Schuld am Tod meines Vaters ist Covid 19, aber auch Kolumbiens Regierung“, glaubt seine Tochter. Das Amazonasgebiet sei schon immer von der Regierung „vergessen“ worden. Von ihrem Vater, der viel über die Missstände gegenüber den Indigenen berichtet hat, weiß die ausgebildete Künstlerin viele Details aus erster Hand. So gebe es dort keine richtigen Krankenhäuser. „Sie haben diesen Namen nicht verdient“, meint Diana Lasso. Sie arbeitet als Stationshilfe in der Schön-Klinik in Vogtareuth und hat so den direkten Vergleich. Zwar gebe es in Kolumbiens Amazonasgebiet ausgebildetes Personal, aber zu wenig Hygiene- und Schutzmaßnahmen. Vor allem nicht bei einer Pandemie wie dieser. Auch die kolumbianische Online-Zeitung colombiareports.com spricht von Korruption und Diebstahl im Krankenhaus von Leticia. Genau dort wurde „Paco“ behandelt.

Kein Trinkwasser für den kranken Vater

Er habe einen ganzen Tag trotz hohen Fiebers kein Trinkwasser erhalten. „An einem Tag war eine Ausgangssperre verhängt. Alle Geschäfte waren geschlossen. Es gab kein Trinkwasser. Das Leitungswasser dort kann man aber nicht trinken“, weiß die Tochter.

Diana Lasso mit ihren Kindern – zu gern hätten sie ihrem Opa die „Schöne Aussicht“ in Wasserburg gezeigt.

Erst am nächsten Tag habe ihr Halbbruder den Vater versorgen können. Als er Sauerstoff benötigte, musste er den Zylinder des Geräts mit einem zweiten Patienten teilen. Dennoch habe der Journalist Lasso die Sauerstoffgabe als „Luxus“ bezeichnet. Damit der Vater eine bessere medizinische Versorgung bekäme, setzten sich Diana Lassos Geschwister vor Ort für seine Verlegung in die Klinik in der Hauptstadt Bogotá ein. Doch nur eine Stunde vor dem Transport verstarb der Vater. „Er war ein starker Mensch und sehr gesund. Er selbst war überzeugt, das Virus besiegen zu können“, so die in Deutschland lebende Tochter.

Gegen das „große Vergessen“

Ihr Vater war einer, der den bedrohten indigenen Völkern Kolumbiens seit 30 Jahren eine Stimme gegeben hat. „Paco“, erhielt in den letzten Jahren vielfach Morddrohungen – ein oftmals eingesetztes Mittel gegenüber unliebsamen Journalisten, wie Reporter ohne Grenzen berichtet.

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Diana Lasso erzählt, dass es in seinem letzten Artikel um die Rodungen des Regenwaldes und die Naturzerstörungen unter Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro gegangen ist. „Paco“ hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, über das „große Vergessen“ der indigenen Völker aufzuklären. Der Journalist lebte in zweiter Ehe mit einer Indigenen aus dem Volk der Ticuna, hatte noch einmal Familie gegründet, war tief in die Kultur eingetaucht.

Das Schreiben habe ihn „beruhigt“, wie die Tochter berichtet. Sie erinnert sich gerne an ihren Papa, wie er mit Stift, Papier und Kaffee einfach nur geschrieben hat. Eine Woche lang. Dann sagte er: „Komm her, Diana, hör mir zu“.

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Als kleiner Trost bleibt der trauernden Tochter , dass ihre Familie ein Grab für ihren Vater bekommen konnte – eines von 50“, so die gebürtige Kolumbianerin. So wurde ihr Vater immerhin in Würde bestattet. Teilnehmen konnte sie an der Trauerfeier nicht.

Corona – eine große Katastrophe für indigene Völker

Leticia ist eine kleine Stadt ganz im Süden von Kolumbien, direkt an der Grenze zu Brasilien. Und sie liegt mitten im Amazonas. Zu erreichen über den Amazonasstrom oder per Flugzeug. Für die dort lebenden indigenen Völker bedeutet die Ausbreitung von Covid 19 eine Katastrophe. Denn die medizinische Versorgung ist mehr als unzureichend. Darauf weisen Berichte von europäischen Medien (wie zuletzt zeit-online vom 19. Mai 2020 und transamerika.org) und Menschenrechtsorganisationen immer wieder hin. Nach Datenerfassung der Johns-Hopkins-Universität landet das größte lateinamerikanische Land mit rund 380 000 gemeldeten Infektionen (Stand 25.06.2020) weltweit auf Platz zwei, Tendenz steigend. Dennoch werden keine Schutzmaßnahmen ergriffen wie in Europa mit Schutzmasken, Hygiene, Quarantäne. Das trifft nicht nur die Menschen indigener Herkunft in Brasilien, sondern auch die im benachbarten Kolumbien

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