Wer kämpft heutzutage noch gegen Atomwaffen? Diese Wasserburger Zwillingsbrüder

Solche Atombomben wie die B61 (auf dem Foto natürlich Attrappen) sollen niemals auf Menschen fallen. Dafür engagieren sich seit Jahren die Zwillingsbrüder Johannes (links) und Daniel Oehler, die in Reitmehring aufgewachsen sind.
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Solche Atombomben wie die B61 (auf dem Foto natürlich Attrappen) sollen niemals auf Menschen fallen. Dafür engagieren sich seit Jahren die Zwillingsbrüder Johannes (links) und Daniel Oehler, die in Reitmehring aufgewachsen sind.
  • Ulrich Nathen-Berger
    vonUlrich Nathen-Berger
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Einer ist Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Cottbus, der andere Mediziner in einer Hamburger Klinik: Beide eint nicht nur ihr Geburtstag am 7. Juli: Den feiern Johannes und Daniel Oehler an einem Ort, der vielen Menschen Angst macht – auch den Zwillingsbrüdern.

Wasserburg– Zwei junge Männer sind nach ihrem Studium von ihrem Heimatort Wasserburg – genauer gesagt, Reitmehring – aus losgezogen, um die Welt ein Stückerl besser zu machen: Johannes Oehler als Wissenschaftler am Cottbuser Institut für Energietechnik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), und Dr. Daniel Oehler als Arzt in der Klinik Hamburg-Wandsbek in der Geriatrie. Am 7. Juli feiern beide ihren 30. Geburtstag – natürlich zusammen, denn schließlich sind sie als Zwillingsbrüder zur Welt gekommen, und beide eint zudem ihr intensives privates Engagement für nukleare Abrüstung.

Eine Geburtstagsfeier an einem eher ungewöhnlichen Ort

Der Ort ihrer Geburtstagsfeier wird ein eher ungewöhnlicher Platz zum Feiern sein: Büchel, eine kleine Gemeinde zwischen Koblenz und Trier – in der Atomwaffen der USA stationiert sind. Dort nimmt das Brüderpaar ab morgen bis zum 7. Juli an Protesttagen teil.

Seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN – International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) im Jahr 2017 engagieren sich immer mehr junge Aktivisten gegen die existenzielle Bedrohung der Menschheit durch Atomwaffen, so die Brüder. Im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung haben Johannes und Daniel Oehler vor ihrer Reise nach Büchel erzählt, wie sie zu Friedensaktivisten wurden.

Warum engagieren Sie sich für das Thema nukleare Abrüstung?

Johannes Oehler: Weil ich sehe, dass dieses Thema stark vernachlässigt wurde und auch derzeit nur wenig mediale Aufmerksamkeit bekommt. Ich empfinde mittlerweile die Bedrohung durch Nuklearwaffen als die Gefährlichste für die Menschheit, noch vor der laufenden Klimaveränderung.

Daniel Oehler: Das Thema Atomwaffen bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient hätte. Es geht auch Deutschland etwas an, denn auch bei uns sind Atomwaffen stationiert, wie in Büchel. Ich sehe es als ein realistisches Ziel, unser Land atomwaffenfrei zu bekommen. Und ich möchte mich einsetzen, dass globale Konflikte friedlich gelöst werden.

Was gab den Anstoß für Ihr Engagement?

Johannes Oehler: Ich habe das Thema Atomwaffen lange nicht als Problem wahrgenommen und war überzeugt, dass dieses Thema mit Beendigung des Kalten Krieges vorbei war. Den Anstoß, mich näher damit zu beschäftigen, gab mir mein Bruder während meines Studiums. Und die Sorglosigkeit vieler Menschen sowie die Verharmlosung von Nuklearwaffen wurde mir besonders bewusst bei einer Lehrveranstaltung in Frankreich zu Technik von Trägerraketen. Dabei ging es um den missglückten Start einer ballistischen Rakete. Ein französischer Kommilitone war erstaunt, dass sie bei dem Test nicht mit einem atomaren Sprengkopf bestückt war. Dass ein erwachsener Mensch solch eine Frage an einer Universität stellt, hat mich damals schockiert. Es hat mir deutlich gemacht, dass dieses Thema von meiner Generation verdrängt wird und so gut wie gar nicht existent ist.

Daniel Oehler: Irgendwann habe ich mich im Schulunterricht mit Atomwaffen beschäftigen müssen, aber eher von der technischen Seite her. Erst später habe ich begriffen, was es für die Menschheit heißt, dieser grausamen Waffe ausgesetzt zu sein. Sie verursacht nicht nur Tod und Zerstörung, sondern vor allem auch menschliches Leid. Das hat mich auf die Barrikaden gebracht. Zudem: Deutschland ist sozusagen an der atomaren Rüstung beteiligt, nicht nur durch die Überlassung eines Standortes. Es boykottiert auch das internationale Abkommen zum Atomwaffenverbot. Mit Büchel gibt es einen konkreten Ort, an dem wir unsere Protesthaltung festmachen können - wie Gorleben für die Atomkraftgegner. So können wir mit Politikern reden, Diskussionsveranstaltungen anbieten.

Haben Sie sich schon in Ihrer Jugend oder dann im Studium an Protestaktionen beteiligt?

Johannes Oehler: Eigentlich nie. Im Wasserburger Gymnasium war ich Schülersprecher, hab‘ mal ‘ne Fahrt nach Salzburg organisiert – das war’s eigentlich. Ich bin sehr unpolitisch aufgewachsen, es hieß in meinem Umfeld daheim in Wasserburg immer, „alles ist gut, der Krieg ist vorbei, so etwas gibt’s nie wieder“. Die gefühlte Forderung an meine Generation in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends war immer, „macht ‘ne gute Ausbildung, dann verdient ihr idealerweise einen Haufen Geld – politisch ist doch alles in Ordnung“. Das sehe ich jetzt nicht mehr so, denn diese guten Rahmenbedingungen für ein sorgloses Leben bleiben nicht so, wenn die Menschen politisch inaktiv werden.

Daniel Oehler: In der Jugend eigentlich nicht. Ich bin erst seit sieben Jahren Mitglied der ICAN. Davor hab‘ ich mich politisch für die medizinische Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung engagiert. Vor drei Jahren habe ich mich bis heute mehr und mehr aktiv an der Arbeit beteiligt, .

Was bedeutet Büchel für Sie?

Daniel Oehler: Büchel ist schon ein Herzensprojekt von mir. Vor vier Monaten habe ich meine erste Stelle als Arzt angetreten, als Berufsanfänger gibt’s da wenig Freizeit. Dennoch habe ich davon viel in dieses Protestprojekt mit Planung und Organisation investiert. Es ist mir so wichtig wie einem Musiker, der das Gelernte auf seinem Instrument unbedingt in einem Konzert präsentieren möchte. Unser Ziel ist, möglichst viele Menschen zu erreichen, dass viele nach Büchel kommen, was lernen, viel Informationen mitnehmen und motiviert sind, wiederzukommen.

Johannes Oehler: Für mich bedeutet Büchel die Verbildlichung einer abstrakten Gefahr. Nuklearwaffen sind unsichtbar, fast „metaphysisch“. Büchel stellt mit Zäunen, Soldaten und Kampfflugzeugen die Verbindung zur Realität dar. Zudem ist es für mich Zentrum der Anti-Nuklearwaffenbewegung und ein Ort für Freundschaften. Büchel ist aber auch ein Ansporn und ein perfekter Ort zur Etablierung einer Massenbewegung, die politisch stark genug ist, um Abrüstung zu erzwingen.

Wie sieht Ihr Engagement für nukleare Abrüstung außerhalb der Aktion in Büchel aus?

Daniel Oehler: Wir haben in den letzten zwei Jahren versucht, in den Städten, in denen unsere Leute aktiv sind, Stadtratsbeschlüsse zu erreichen, die deutlich machen, dass die Städte auf politischer Ebene auf die Bundesregierung einwirken, den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen. Über 90 Städte haben unseren Appell mittlerweile unterschrieben. Ebenso die Bundesländer Hamburg, Bremen, Berlin und Rheinland-Pfalz. Wir versuchen zudem, auf Landtags- und Bundestagsabgeordnete zuzugehen und sie für unser Anliegen zu gewinnen; das machen wir auch auf kommunaler Ebene.

Und wann sprechen Sie im Wasserburger Rathaus vor?

Daniel Oehler: Das ist eine gute Idee, das sollten wir machen.

Johannes Oehler:Ja, das wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, der Stadt zu schreiben. Wir werden in Kürze auf Bürgermeister Michael Kölbl zugehen, sicher.

Am 7. Juli feiern Sie Ihren 30. Geburtstag. Wie werden Sie den erleben – unter Protesteinfluss eher am Rande?

Johannes Oehler: Wir werden trotz der Aktion in den Geburtstag ‘reinfeiern mit vielen sympathischen und lieben Menschen, und dann noch einen Tag an einem der Seen in der Eifel verbringen.

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