Wasserburger „Theater Herwegh“ macht frische Luft zur Bühnenluft, um Corona-Krise zu überleben

Dr. Faustus (Jörg Herwegh) ist dem Virus auf der Spur. Ein bisschen durchgeknallt, verspricht Schauspieler Jörg Herwegh, der sich an Goethes Original-Text bedient – und ihn verkürzt.
+
Dr. Faustus (Jörg Herwegh) ist dem Virus auf der Spur. Ein bisschen durchgeknallt, verspricht Schauspieler Jörg Herwegh, der sich an Goethes Original-Text bedient – und ihn verkürzt.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
    schließen

Das Corona-Virus mag keine frische Luft. Darum herrschen dort ideale Voraussetzungen, um Menschen zusammen zu bringen – und zu unterhalten. Das Theater Herwegh hat ein neuartiges Modell entwickelt, während der Corona-Krise doch noch Theater spielen zu können – und das immerhin vor 50 Zuschauern.

Wasserburg/Haag – Möglich macht dies nun die Bekanntgabe des Kulturministeriums, unter welchen Voraussetzungen outdoor Kultur ab Mitte Juni wieder stattfinden kann. Indoor sei dagegen viel zu aufwendig, um alle Vorschriften zu bewerkstelligen, so Jörg Herwegh.

Vagantentheater – alles aus einer Hand

„FreiLuft“ ist ein mobiles Konzept. Wie ein Vagantentheater kommt die Truppe – das sind die Ehepaare Constanze Baruschke-Herwegh und Jörg Herwegh sowie Kirsten und Steps Lossin – mit ihrem Transporter, baut alles an Kulisse samt Bestuhlung auf, spielt und baut nach der Vorstellung wieder ab – Desinfektion inkludiert. Die Erfahrungen als Tourneetheater kommt den Theatermachern dabei zu Gute.

Quartett macht alles selbst

„Wie in einem kleinen Familienzirkus, wo man vom Aufbau, über Einlass, Popcorn-Verkauf und Auftritt alles selbst macht“, so der Wasserburger Jörg Herwegh. Sobald es die wieder Kontaktbeschränkungen zuließen, konnten beide Paare zusammen proben. Und am Konzept feilen – immer die anderen Bundesländer und deren Lockerungen im Blick, um sich heranzutasten, was wie möglich sein könnte.

Bespielt werden mit „FreiLuft“ verschiedene Plätze. „Im Gespräch sind wir mit der Stadt Wasserburg und dem Markt Haag und klopfen weitere Möglichkeiten ab, denn nach den Pfingstferien geht es los“, sagt Herwegh im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Der Haager Schlosshof steht als Freilichtbühne schon fest. Weitere geeignete Plätze werden noch gesucht.

Kleinformate von 60 Minuten

Finden mehrere Vorstellungen an einem Tag statt, so beträgt der zeitliche Abstand zueinander 90 Minuten – damit alles desinfiziert werden kann. Die Gäste tragen Mund-und-Nasen-Schutz, bis sie auf ihren Plätzen sitzen.

+++

Lesen Sie auch: Der Corona-Ticker – Aktuelle Entwicklungen zu Covid-19 in der Region, Bayern und der Welt

+++

Das Konzept setzt auf 60-minütige Kleinformate – entweder als Solo-Auftritte oder Stücke mit allen vier Akteuren auf der Bühne, die natürlich den gebotenen Abstand einhalten – auch zu den Stuhlreihen. Das Aerosol, das bei Sprechen ausgestoßen wird, gilt als Übertragungsweg des Virus. Dessen ist sich das Quartett bewusst.

Zwölf verschiedene Programme möglich

Ein Pool mit zwölf verschiedenen Programmen – darunter auch Kindertheater, Kini-Schiaßer, Erotisch-Frivoles oder literarische Acts wie ein durchgeknallter Faust und sein Gretchen oder was zum Lachen – sei erarbeitet worden und werde immer wieder weiter entwickelt. „Nicht alles ist neu. Ich kann aus meinen 300 Programmen schöpfen, die ich in meiner 30-jährigen Laufbahn gespielt habe. Der Reiz heute ist die andere Form der Inszenierung“, so Herwegh.

LoughLoveheißt das urkomische Programm, das mit zwei oder vier Schauspielern gezeigt werden kann - je nach Bühnengröße. Unser Bild zeigt Constanze Baruschke-Herwegh und Jörg Herwegh.

Charmante Gänsemarsch-Regeln

Die Masken für das kindgerechte „RabenSchaben“ haben die Herweghs während des Lockdowns selbst gemacht. „Der Baumarkt hatte zu, es gab keinen Kleister. Also hab ich mit Mehlpapp gearbeitet, so wie früher meine Mutter in der Nachkriegszeit“, erzählt der 58-Jährige. Ohne Corona hätte er nie die Zeit dafür gehabt. „Auf meiner Terrasse hat es ausg’schaut wie d‘Sau“, lacht er. Das Ergebnis allerdings tröstet über das Großreinemachen hinweg.

Keine Pause bei „FreiLuft“

Eine Pause wird es bei „FreiLuft“ nicht geben, denn, wenn plötzlich alle gleichzeitig aufstehen, kann die vierköpfige Truppe das Hygiene-Konzept nicht mehr gewährleisten.

Gänsemarsch nach dem Applaus heißt das Gebot der Stunde: Sprich, Steps Lossin wird sich als „komischer Diener“ ins Publikum stellen und die die Zuschauer immer nur reihenweise und mit Abstand hinaus dirigieren. Der sogenannte „Walk Act“ gehört zum Konzept.

Familien dürfen beisammen sitzen

„Wir halten die Vorschriften korrekt ein. Umsetzen werden wir das nicht typisch Deutsch, sondern charmant lustig.“

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Theater habe schließlich die Aufgabe, kreativ zu sein und die Menschen optimistisch gestimmt zu entlassen.

Wichtig sei das personalisierte Ticketing – und das nicht nur wegen der Adressen, die man aufnehmen müsse, um eventuelle Infektionsketten nachzuvollziehen. „So können wir dann die Stühle für eine Familie zusammenstellen. Alle anderen Sitzplätze müssen zu allen Seiten den Mindestabstand von 1,50 Metern haben“, sagt Jörg Herwegh.

Outdoor-Theater heuer auch im Herbst

Für das Auge sehe der Zuschauerraum mit der personalisierten Bestuhlung lebendiger aus, nicht so geometrisch. Dabei atmet Herwegh hörbar auf. Wohl auch, weil es endlich einen Weg gibt, sich wieder den Unterhalt als Künstler selbst zu verdienen. Corona hat ihn und seine Kollegen, die von der Schauspielerei leben, hart getroffen. „Von heute auf morgen haben wir keinen Cent mehr verdient und das seit 1. März“, berichtet der Wasserburger, der sämtliche Tournee-Termine absagen musste und auch seine Pläne für den„Bayerischen Sommernachtstraum“, der für Juli im Haager Schlosshof geplant war. Das Stück wird nun in den September verschoben. Konkurrenz durch Volksfest gebe es heuer im Herbst nicht. Diese Tatsache zeige den Open-Air-Theatern demnach Möglichkeiten auf.

„Jammern hilft aber nichts“

Mit dem Corona-Lockdown seien Herwegh und seine Frau erst einmal in ein Loch gefallen. „Jammern hilft aber nichts, ebenso wenig, unsinnige Forderungen zu stellen.“ Beiden wussten sofort, sie müssen umdenken, ihr Theater neu denken, kleinere Brötchen backen. Sie erarbeiteten das Konzept „FreiLuft“, mit dem sie ihren Lebensunterhalt wieder selbst verdienen können und nicht am Tropf der Soforthilfen hängen müssen.

Die Modalitäten der Künstlerhilfe seien chaotisch. Er habe allerdings Verständnis für die Überforderung der Politiker, „die nicht auf dem Schirm hatten, wie vielfältig und kleinteilig das kulturelle Leben in Bayern“ sei. „Die kannten nur die großen Organisationen“, so Herwegh.

Zweiten Lockdown überleben Künstler nicht

Für die Betriebskosten seines Büros bekam er eine Unterstützung. „Der Effekt eines Durchlauferhitzers. Man darf ja nichts zu Essen davon kaufen.“ Generell finde er den Weg der bayerischen Ministerien vernünftig: Lockerungen einführen und dann drauf schauen, wie es läuft. „Ein Wettlauf mit anderen Bundesländern bringt nichts. Wenn es noch einen Lockdown gibt, dann zerreißt es uns kleine Solo-Selbständigen.“

Mehr zum Thema

Kommentare